26.01.1970

UNTERNEHMEN / SPARKASSEN-FUSIONFehde beendet

Auf der Veranda des Hotels Seeschlößchen im Ostseebad Timmendorfer Strand versuchten Abgesandte der Hamburger Sparcasse von 1827 (Haspa) und der Neuen Spareasse von 1864 (Neuspar) eine hundertjährige Firmenfehde zu beenden. Auf der dreitägigen Geheimkonferenz wurde die spektakulärste Finanzhochzeit der Branche vorbereitet: Am 1. Januar 1971 wollen die seit 1864 gespaltenen Institute (Bilanzsumme: sieben Milliarden Mark) zur größten deutschen Sparkasse fusionieren.
"Es wird keine Liebes-, sondern eine Vernunftehe sein", prophezeit Neuspar-Vorstandsmitglied Kurt Schmidt. Der Direktor und seine Kollegen mußten die Liaison eingehen, um im harten Wettbewerb zwischen Sparkassen und Banken besser mithalten zu können. Immer häufiger drängen sich Banken in das traditionelle Geschäft der Sparkassen und versuchen, Arbeiter und Angestellte als Kunden zu gewinnen. Den Sparkassen blieb nichts anderes übrig, als sich noch tiefer in den Dschungel des Kreditgeschäftes zu begeben. Die Hamburger Sparcasse von 1827 zum Beispiel kaufte allein im letzten Berichtsjahr 30 012 Wechsel im Werte von 779,7 Millionen Mark an.
Der rauhe Wettbewerb zwingt Deutschlands Banker nach bewährtem Industriemuster zur Konzentration. So entstand im vergangenen Jahr aus der Rheinischen Girozentrale und Provinzialbank Düsseldorf und der Landesbank für Westfalen in Münster die Westdeutsche Landesbank. Jahresbilanz der Fusionierten: 32 Milliarden Mark. Zusammenlegen wollen ihre Geschäfte auch die Berliner Handels-Gesellschaft und die Frankfurter Bank, ebenso die Braunschweigische Staatsbank und die Niedersächsische Landesbank sowie einige Großbanken in Bayern.
Einer Fusion der beiden Hamburger Sparkassen stellten sich lange Zeit traditionelle Hindernisse entgegen, denn die Institute leben schon seit über hundert Jahren in Fehde miteinander. Ursprünglich existierte in der Hansestadt nur eine große Sparkasse: die Hamburger Sparcasse von 1827.
Zur Spaltung kam es, als sich in dem Geldinstitut ein fortschrittliches und ein konservatives Lager bildeten. In einer Denkschrift "Vorschläge zu einer Reorganisation der Hamburger Sparcasse von 1827" forderten die Fortschrittler im Dezember 1861 durchgreifende Reformen. Unter anderem sollten die ehrenamtlichen Verwalter durch hauptberufliche Kräfte ersetzt werden und die Kassenstunden von einmal wöchentlich auf täglich erweitert werden. Als die Autoren mit ihren Ideen nicht durchdrangen, gründeten sie 1864 mit zwölf Hamburger Kaufleuten die Neue Sparcasse von 1864.
Von der massiven Konkurrenz der Kontrahenten profitierte die Kundschaft. Immer häufiger konnten potente Kreditnehmer die beiden Institute gegeneinander ausspielen.
Im Laufe der vergangenen Jahre brachten es die feindlichen Brüder im Hamburger Stadtgebiet auf rund 300 Zweigstellen. Neuspar-Direktor Helmut Lewerkühne: "Praktisch machten wir uns an jeder Straßenecke Konkurrenz."
Statt zu fusionieren, versuchten die Manager durch kostspielige Aktionen zu expandieren. So gründete die Neuspar die "Neue Lebensversicherung von 1964 AG" und offerierte an den Kassentresen Lebensversicherungen. Außerdem beteiligte sich das Institut an einer Privatbank, der Nordbank Aktiengesellschaft (Nordbank). Schwerpunkt dieses Instituts: kurzfristige Kredite, Wertpapiere und Außenhandelsfinanzierungen.
Auch die Konkurrenz diversifizierte. 1968 erwarb die Hamburger Sparcasse von 1827 ein Viertel vom Kapital des Hamburger Privatbankhauses Wölbern & Co. Ebenso wie die Neuspar unterhält auch die 1827er-Kasse eine Datenverarbeitungsanlage.
Trotz der anlaufenden Fusionswelle in der Kreditwirtschaft wollte Haspa-Vorstandsmitglied Peter Mählmann lange Zeit "nichts überstürzen". Gleichwohl entfalteten die Vorstände der Sparkassen hinter den Kulissen eine emsige Aktivität. Schon 1968 erkundeten sie, wie bei einer Vereinigung ihrer Institute der Status der freien Sparkassen erhalten bliebe. Nach dem Kreditwesengesetz ist die Neugründung von sogenannten freien Sparkassen (ohne kommunalen Gewährsträger) nicht mehr möglich.
Die Vorstände fanden einen Ausweg: Das gesamte Vermögen der Neuspar (Bilanzsumme 2,8 Milliarden Mark) wird auf die Haspa (Bilanzsumme 4,1 Milliarden Mark) übertragen. Verwaltungsrat und Vorstand der Sparkassen werden zusammengelegt.
Mit Sorge wird die bevorstehende Fusion der Hamburger Sparkassen von den Mitarbeitern der Institute beobachtet. Unter der Belegschaft kursieren Gerüchte, daß von den rund 5000 Angestellten 1000 freigesetzt werden sollen.
Um die Unruhe unter dem Personal zu dämpfen, ließ der Neuspar-Vorstand eine "Bekanntmachung" kursieren: "Ihr Arbeitsplatz und der Besitzstand werden erhalten bleiben."

DER SPIEGEL 5/1970
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