26.01.1970

MANAGER / GRAHLMANNSo dekorativ

Aus dem Münchner "Haus der kultivierten Überraschungen" (Firmen-Slogan) sandte Dr. Gerhard Bartels, Vorstandsmitglied der Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk, einen Stapel karg getextete Briefe nach Bremen. 79 Arbeiter und Angestellte im norddeutschen Zweig-Werk der Firma entnahmen der hektographierten Post, daß ihnen "aus wirtschaftlichen Gründen" gekündigt sei.
Ungleich vornehmer wurde innerhalb des Vorstandes der Vereinigten Werkstätten. eines der exklusivsten Einrichtungshäuser Deutschlands, umdisponiert: Generaldirektor Ulrich Grahlmann, 47, darf seinen gläsernen Schreibtisch und seinen 10 000-Mark-Posten bis zum 31. März "auf eigenen Wunsch" (Grahlmann) räumen, obgleich er dem Unternehmen zu einigen Millionen Mark Schulden verhalf.
Münchens Prominenten kommt dieser neue Knick in Grahlmanns Karriere unerwartet. Denn für 250 von ihnen, darunter Bayerns Ex-Ministerpräsident Dr. Wilhelm Hoegner, Münchens Polizeipräsident Dr. Manfred Schreiber und Johannes Prinz von Thurn und Taxis, hatte der Möbel-Manager noch im letzten Oktober im fünfgeschossigen Ausstellungshaus am Münchner Amiraplatz einen prunkvollen Empfang gegeben, assistiert von seiner Gattin Ruth -- "beide fast so schön wie die Dekoration rund um sie", so der Society-Kolumnist Hannes Obermaier (Pseudonym: Hunter) in der Münchner "Abendzeitung". Und noch im Mai letzten Jahres hatte Grahlmann seinen Vertrag als Vorstandsvorsitzender der Vereinigten Werkstätten um zwei Jahre verlängert bekommen.
Für Überraschungen war der 1,85 Meter große Ulrich Grahlmann ("der schöne Uli") indes schon immer gut. 1962 erkletterte der bis dahin wenig bekannte Kommentator des Südwestfunks den Stuhl des Programmdirektors beim Zweiten Deutschen Fernsehen. Der SPD-Mann sollte im Hause der "Mainzelmännchen" als politische Gegenkraft zum ZDF-Intendanten und CDU-Mitglied Professor Karl Holzamer wirken.
Nach knapp dreijähriger Tätigkeit verlangte Grahlmann vom ZDF eine ungewöhnliche Altersversorgung: Die Fernsehanstalt solle ihm die Hälfte seines 5000-Mark-Gehaltes als Pension weiterzahlen, falls sie ihn nach Ablauf seines Fünf-Jahres-Vertrages nicht mehr beschäftige,
Grahlmann scheiterte nicht nur vor dem Arbeitsgericht, das seine Forderung zurückwies, sondern auch an seinen eigenwilligen Praktiken als Fernsehmann: Ein Gutachten über die Finanzmisere der Mainzer Anstalt hatte erbracht, daß der Programmdirektor 1963 fast 92 Prozent aller Unterhaltungssendungen und Fernsehspiele von Produzenten außer Hauses herstellen ließ. Dabei hatte er vor allem seinen Freund Hans Eberhard Raspotnik von der West-Berliner CCC Television des Artur Brauner mit Millionen-Aufträgen bedacht.
Grahlmann kündigte Mitte Mai 1965 von sich aus und enthob damit seinen Intendanten "der Notwendigkeit, aus dem anstaltsschädigenden" vertragswidrigen Gesamtverhalten die zwingend gebotenen Konsequenzen zu ziehen" (ZDF-Presse-Erklärung).
Schon bald nach dem Sturz war Ulrich Grahlmann wieder ganz oben und zog als Vorstandsvorsitzender in die luxuriösen Münchner Räume der Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk ein, eines Unternehmens, das "englische Sofas von 10 000 D-Mark aufwärts" (so Hunter in der "Abendzeitung") verkauft.
Die Vereinigten Werkstätten (interne Kurzform: VW) waren um die Jahrhundertwende von Münchner Künstlern und Architekten gegründet und 1907 als Aktiengesellschaft weitergeführt worden. Die Dekorateure und Kunsttischler der Firma gewannen schnell internationales Renommee und richteten vor dem Ersten Weltkrieg die Galaräume der Reichen ein. In den zwanziger Jahren statteten die Arbeiter des Bremer Filialbetriebes Luxusschiffe wie die "Columbus" mit edlen Hölzern aus und fanden auch im Dritten Reich prominente Kunden: Hitler ließ die Möbel für seine neue Reichskanzlei aus den Bremer und Münchner Werkstätten des Unternehmens kommen.
In den fünfziger Jahren errangen die Kunsthandwerker neuen Ruhm. Sie richteten den Weißen Palast des Scheichs von Kuweit ein, dekorierten die Gemächer des Königs Ibn Saud, lieferten einem anderen Wüstenscheich einen Kronleuchter für 75 000 Mark und machten in Rangun das Hotel "Inja Lake" für drei Millionen Mark wohnlich.
Doch die Geschäfte mit den Scheichs versandeten wieder, und der Aufsichtsratsvorsitzende Dr. Wilhelm Winterstein holte sich den "schönen Uli", der -- obgleich branchenfremd -- versprach, dem Haus neue Käuferschichten zu erschließen.
Grahlmann ging sogleich auf Expansionskurs. Aus dem Düsseldorfer "VW"-Büro machte er eine Verkaufsstelle, in Hamburg erwarb er die Antiquitätenfirma Brinkama & Co. und nahm zusätzlich wertvolle alte Möbel in das Sortiment auf. Für sich selbst kaufte er in Unterlaindern bei München ein Landhaus und verwandelte es mit mehreren hunderttausend Mark in ein Louis-Seize-Schlol.l.
Im Rezessionsjahr 1967 gelang dem Möbel-Manager ein Umsatz-Plus von sieben Prozent. Doch Grahlmann wollte mehr und erwarb, zum Teil auf Kredit, immer exklusivere alte Stücke für den Wiederverkauf. Binnen drei Jahren stieg auf diese Weise der Wert seiner Lagervorräte von 3,3 Millionen auf 6,4 Millionen Mark. Die Gewinne dagegen schmolzen immer mehr zusammen.
Ende letzten Jahres entschloß sich der Aufsichtsrat der Vereinigten Werkstätten zu einer Roßkur. Er stellte das Bremer Werk zum Verkauf und gab dem repräsentativen Grahlmann den Weg frei für anderweitige Unternehmungen. Über seine dritte Karriere mag der Generaldirektor auf Zeit noch nicht sprechen. Grahlmann: "Ich kann nur sagen, ich bleibe im Handel."

DER SPIEGEL 5/1970
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