26.01.1970

WETTER / KÄLTEWELLEKosmisch gestört

Bundeswehrpanzer mußten beim Schneeräumen mithelfen, so kühl war es im klaren Norden. Aber mit der Atombombe hat es nichts zu tun.
"Erst hatten wir eine ganze Sen von nuklearen Detonationen", erklärte jüngst Murray Mitchell, Chef-Klimatologe der amerikanischen Behörde für Umweltforschung, "dann, seit dem Teststopp-Abkommen der Großmächte, kaum noch welche Auswirkungen auf das Wetter beobachteten wir weder damals noch jetzt."
Daß gleichwohl Ungewöhnliches in der Atmosphäre vorgeht, melden täglich die Temperaturschreiber der Wetterstationen und die Schlagzeilen der Zeitungen. Schneeberge im sonst nur naßkalten Schleswig-Holstein (wo zeitweilig einige hundert Dörfer von der Außenwelt abgeschnitten waren) und Dauerfrost seit dem Spätherbst (der den Thermometerstand in Berlin an 21 Dezember-Tagen um fünf Grad Celsius unter die Normwerte drückte) sind neuerlich Anzeichen dafür, daß sich die Prognose etlicher Meteorologen bewahrheiten könnte: Es wird, zumal in Europa, kälter.
Seit 1950, errechnete US-Wetterforscher Mitchell, ist der Durchschnittswert aller auf der Erde gemessenen Temperaturen um ein drittel Grad Celsius gesunken. Das könnte bereits ausreichen, um die Frost-Front von der Arktis her vorrücken zu lassen.
Würde diese -- vorläufig gering anmutende -- Abkühlung noch 250 Jahre im gleichen Maße anhalten, begönne in Europa eine neue Eiszeit: Bei einer um vier Grad Celsius niedrigeren Jahresmittel-Temperatur würden die Gletscher Schwedens und der Alpen wachsen und die Rentier-Herden Lapplands südwärts ziehen, über moosige Tundren, wo einstmals holsteinische Rinder weideten.
Zwar endete die letzte Eiszeit, in der noch der Altmensch (Homo sapiens fossilis) sich mit Feuersteinklingen wärmende Felle vom Mammut und Wollnashorn verschaffen mußte, erst vor 10 000 Jahren. Doch seit vor vier und dann noch einmal vor drei Jahrtausenden anhaltende Hitze-Perioden die Bronzezeit-Leute zur Völkerwanderung nach feuchten, fruchtbaren Landstrichen trieben, ist das Klima Europas wohl wechselhaft gewesen, insgesamt aber kühler geworden.
In den letzten beiden Jahrzehnten vermerkten die Wetterforscher, außer den Meßwerten, auch schon erste Auswirkungen des Temperaturrückgangs: Die kälteempfindlichen Kabeljau-Schwärme, die Grönlands Küstengewässer zu einem der ergiebigsten Fischgründe gemacht hatten, wanderten südwärts ab. 1962 war es in Mitteleuropa so kühl wie seit 1739 nicht mehr. 1965, als rund 500 der 654 damals installierten Wetterstationen auf der Erde unterdurchschnittliche Jahrestemperaturen meldeten, erlebten die Isländer erstmals nach 45 Jahren einen "Eiswinter"; das Packeis vom Polarmeer rückte bis zur Nordostküste der Insel vor.
Anfang 1966 versank Norddeutschland im Schnee wie selten seit Beginn meteorologischer Buchführung. Im November 1966, als Florenz überschwemmt wurde, zog arktische Luft bis nach Nordafrika. Im "Jahrhundertwinter" 1968 trieb Packeis wieder bis Island, 1969 abermals.
Eine Regelmäßigkeit haben ernsthafte Klimatologen In der Abfolge von Schön- und Schlechtwetter-Perioden bislang nicht erkennen können. Die Wechsel scheinen unvorhersehbar, abhängig womöglich von kosmischen Störungen -- vor allem von der Sonnenflecken-Aktivität.
Für die Kältewelle der letzten zwanzig Jahre allerdings geben etliche der Forscher auch irdische Ursachen an. Seit 1940, erläuterte der amerikanische Experte Mitchell, seien weit häufiger als zuvor Vulkane ausgebrochen; die dabei aufgewirbelten Staubmassen, die jahrelang in der Atmosphäre schweben, hemmten die Sonneneinstrahlung derart, daß weltweit meßbare Abkühlung die Folge sei.
Mitchells Fachkollege Professor Reid A. Bryson von der Wisconsin-Universität hingegen ist überzeugt, daß die Menschheit selber, wenn auch unwillentlich, schlechtes Wetter mache -- durch die zunehmende Verunreinigung der Luft mit Schmutzpartikeln und Abgasen.

DER SPIEGEL 5/1970
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