22.12.1969

Friedenthal über Marguerite Yourcenar: „Die schwarze Flamme“16. JAHRHUNDERT- BIS 1941?

Richard Friedenthal, 73, ist der Autor der erfolgreichen historischen Biographien „Goethe“, „Luther“ und „Entdecker des Ich. Montaigne-Pascal-Diderot“ (SPIEGEL 4911969). -- Die französische Autorin Marguerite Yourcenar, 66, wurde durch ihren historischen Roman „Ich zähmte die Wölfin“ (1951) weltbekannt. Ihr neues Buch „Die schwarze Flamme“ war 1968 in Frankreich ein Bestseller.
Wir haben den Roman, den AntiRoman, den Nouveau roman und den historischen Roman. Hier ein interessantes Beispiel dieser immer noch sehr beliebten Gattung, obendrein versehen mit einem ausführlichen historischen Anhang, der dem Werk nahezu dokumentarischen Charakter verleihen soll. Er belehrt uns auch über die Entwicklung der Autorin und ihres Werkes, das auf die "Melancholie", den bekannten Stich Dürers, zurückgehen soll. Fußnoten sind diesem Anhang beigefügt, Literaturangaben. Auf Leonardo wird hingewiesen, auf Erasmus von Rotterdam, Paracelsus, Tycho Brahe, Kopernikus (mit der etwas kühnen These, seine Gedanken seien bereits in den Anfangsjahrzehnten des 16. Jahrhunderts "handschriftlich" verbreitet gewesen) und noch einige große Namen mehr.
"Man nehme", wie es in den Kochbüchern heißt, die besten Ingredienzen. Madame Yourcenar tut das. Sie hatte schon in ihrem historischen Roman über den Kaiser Hadrian, "Ich zähmte die Wölfin" (im französischen Original etwas bescheidener Memoiren Hadrians genannt), dieses Rezept mit Erfolg und Geschick angewandt. Sie ist eine feingebildete Person, die sich auch mit Pindar beschäftigt hat, mit den Negro Spirituals, dem neugriechischen Dichter Kavafis, der Virginia Woolf, Henry James, und sie schreibt einen gar nicht nur damenhaften, sondern kräftigen Stil. Sie greift resolut in ihre Vorräte und trägt reichlich auf.
Wir werden nach Flandern geführt, und da geht es bekanntlich üppig zu. Auch der "Garten der Lüste" des Hieronymus Bosch wird beschworen, der schon manche Anregungen gegeben hat und möglicherweise auf die geheimen Unterströmungen von sexuell sehr freien Sekten hinweist, die auch in der Reformationszeit noch ihr Wesen getrieben haben sollen, wo es ohnehin der Sekten genug gab.
Dieses brodelnde Jahrhundert wird geschildert, mit Religionsstreit, Kriegen, Alchimie, Inquisition, Medizin und Philosophie. All dies zusammengefaßt in der Gestalt eines wahren Übermenschen, Zenon genannt. Geboren gewissermaßen als Sohn der Renaissance selber in Gestalt eines feurigen Prälaten. Unehelich geboren wie Erasmus, aber von einer Tochter aus großem Bankierhause. Denn auch die Hochfinanz wird einbezogen, Soziales, mit einem Protest der Weber gegen die neumodischen mechanischen Webstühle ihres Zwingherrn, was uns ein wenig vorverlegt erscheint -- um mindestens zwei Jahrhunderte.
Aber wir wollen der Autorin nicht in ihre Quellenforschungen hineinreden, die sie so sorgsam im Anhang belegt. Man kann in der Tat für fast alles, was später kam, einen Vorgang oder Vorgänger namhaft machen in jener Zeit der Schwangerschaft von Ideen, Einfällen, Versuchen. Und schließlich handelt es sich bei diesem Buch um einen Roman.
Er beginnt flott und kräftig. Zwei junge Burschen wandern in die Weite, wie bei Eichendorffs "Es zogen zwei rüstige Gesellen zum erstenmal von Haus", und sie singen in der Tat auf französisch: "Nous étions deux compagnons." Siehe da: Sie sind Vettern aus dem gleichen flämischen Bankierhaus. Der eine will nach Italien in den Krieg, ein robuster Haudegen, und wir treffen ihn dort bei einigen Abenteuern wieder, bis er der Autorin und uns, leider, abhanden kommt durch frühen und sehr überflüssigen Tod.
Der andere jedoch hat Höheres im Sinn. Er will forschen, die Geheimnisse des Feuers, der Elemente aufdecken -- daher der Titel "Die schwarze Flamme" (im Original: Das Werk in Schwarz), der Alchimisten-Terminologie entnommen. Zenon ist also Alchimist, Arzt, sogar Hofarzt zeitweilig, dazu Pestarit, auch Armenarzt für das Volk, mit weiten Reisen über ganz Europa bis hinauf zum schwedischen Norden und hinab in die Levante -- die ganze Landkarte wird abgeschritten; in der Mitte freilich läßt das Tempo merklich nach, und es gibt nur Rückblendungen auf große Erlebnisse, von denen wir gern mehr geschildert bekämen.
Statt dessen vergräbt sich der Wundermann unter Pseudonym in der stillen Heimatstadt im "unbewegten Leben", wie der zweite Teil des Romans benannt ist. Er fürchtet Verfolgung wegen seiner magischen Künste und Experimente, und er beginnt zu denken -- Dürers "Melancholie" taucht wieder auf -, zu denken auch über das Denken selber, mit allerhand Paraphrasen aus den im Anhang zitierten Quellenschriften.
Es wird diesem Zenon zu viel aufgeladen. Er und der Roman sinken etwas zusammen. Wir sollen die Ängste und Zweifel des Übermenschen und Zukunftsmannes nachvollziehen, seine religiösen Skrupel, die Auseinandersetzung zwischen Mittelalter und Neuzeit, den heimlichen Revolteur im Kampf mit der Autorität und der stumpfen bürgerlichen Gegenwart. Zu viel, zu viel, Madame, bei lobenswerter Absicht! Wir hören meist nur gerüchtweise -- als raune es uns die zeitgenössische Fama zu -- von den geheimnisvollen Taten und Gedanken, dem furchtbaren "Atheismus" des Neuerers, der Katholizismus wie Protestantismus ablehne, aber sich weislich still verhält in seiner Anonymität.
Er wird dann doch herausgerissen, denn auch in der verschlafenen Stadt gibt es "ebensoviel Intrigen wie im Sultanspalast, ebensoviel Ausschweifungen wie in einem Bordell in Venedig". Eine kleine unterirdische Gemeinschaft, dem "Garten der Lüste" des Bosch entnommen, treibt da heimlich ihr lasterhaftes Wesen, und der hilfreiche Arzt wird als Wohltäter hineingezogen. Die Handlung kommt wieder in Gang, und wir werden auch mit den Anfängen des Kampfes der Geusen gegen die spanischen Besatzungstruppen bekannt gemacht.
Da zeigt die Yourcenar eine recht fest zupackende Hand, wie überhaupt immer, wenn sie schildert. Und zum Schluß wird die Geschichte sehr packend zum melancholischen Ende gebracht: Prozeß und Selbstmord, der rein erzählerisch das stärkste Kapitel ist. Ein wohlwollender und frommer Geistlicher, von Jugend auf Mentor des Rebellen, verzögert spannend das Urteil, und der Kontrast zwischen alter und neuer Zeit wird in den Versuchen, den Spekulanten mit der schwarzen Flamme doch vor dem roten Feuer des Scheiterhaufens zu retten, deutlich gemacht.
Wir respektieren die Bildung der Autorin und würden sie gern bei ihren Bemühungen um ein vertieftes Zeitbild in Romanform stärker anerkennen -- bei ihrem Hadrian-Buch fiel uns das gar nicht schwer. Aber nun auch noch Philosophie, Religionsgeschichte, Chemie, Physik, der Mensch des 16. mit dem des 20. Jahrhunderts kombiniert?
Da wird mit der Zeitrechnung gespielt: Zenon, der Alchimist, dreht in Gedanken die Jahreszahl 1491 an der Balkendecke seines Zimmers um, bis daraus 1941 wird, ein Jahr, in dem laut Anhang die Schriftstellerin bereits mit Vorarbeiten für dieses Werk beschäftigt war. Und das führt zur Unsicherheit über den Zeitbegriff überhaupt: "Das Gefühl der Sicherheit, fest auf einem Zipfel belgischen Bodens zu ruhen, war ein letzter Irrtum ... Zenon selber zerstreute sich wie Asche im Wind." Ein gefährlicher Satz, denn sollten wir nicht einen Roman über das 16. Jahrhundert lesen?
Marguerite Yourcenars "Schwarze Flamme" ist durchaus lesenswert und vielfach belehrend, bunt, aber auch grau, reichhaltig an Begebenheiten, aber auch belastet mit Intentionen, ein Weltbild zu schaffen, das sich von 1491 bis 1941 spannt. Auf so weiter Strecke hält die Spannung nicht durch.
Von Friedenthal

DER SPIEGEL 52/1969
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