12.01.1970

BUNDESBANK-PRÄSIDENTFreund Karl

Hier" so bekennt der Bankier Dr. jur. Karl Klasen, 60, "muß ich noch viel lernen."
Seit Montag vergangener Woche verwaltet der ehemalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank den höchstbezahlten und einen der schwierigsten Staatsposten, den die Bundesrepublik derzeit zu vergeben hat: das Amt des Bundesbank-Präsidenten und obersten Währungshüters.
Der SPD-Genosse und Schiller-Duzfreund war schon im Herbst 1968, als Bundesbank-Chef Karl Blessing ein Jahr vor Ablauf seines Vertrages in den Ruhestand gehen wollte, der Kandidat des Wirtschaftsministers für das Spitzenamt in der Frankfurter Taunusanlage. Die damalige Große Koalition konnte freilich die Bedingung des Deutsch-Bankiers, alle Parteien des Bundestages müßten seiner Wahl zustimmen, nicht garantieren.
"Kiesinger war dafür", so Klasen heute, "aber er konnte die Mehrheit der CDU nicht hinter sich bringen." Denn die Christdemokraten argwöhnten, Klasen werde als Zentralbankier ein allzu willfähriger Bundesgenosse seines Freundes Schiller sein. Gekränkt, weil als Parteimann gekennzeichnet, schlug er die Offerte aus.
Ende vergangenen Jahres jedoch nahm Blessing seinen Abschied, und der Chefposten in der unabhängigsten Notenbank der Welt mußte endgültig neu besetzt werden. Bei einer Flasche Champagner in Düsseldorfs Breidenbacher Hof trug Schiller dem Bankier das Amt zum zweitenmal an, und jetzt mochte sich Klasen nicht mehr verweigern. Denn auch der Förderer seiner Karriere in der Deutschen Bank, Hermann Josef Abs, hatte dem "leidenschaftlichen und ewigen Hamburger" (Klasen), der 1935 als Syndikus in das Institut eintrat, zur Annahme des Notenbank-Jobs geraten.
Der konservative, 1,90 Meter große Banker, neben dem Karl Schiller wie ein Knabe wirkt, wird sein Haus an der Hamburger Brabandstraße behalten und in "Rhein-Main-Chicago" ("Frankfurter Neue Presse") nur einen Zweitwohnsitz nehmen. Um dem Präsidenten, der zunächst im Kronberger Schloßhotel, dem ehemaligen Witwersitz der Kaiserin Viktoria, Quartier gemacht hat, die Kosten der doppelten Haushaltsführung zu erleichtern, wird die Bundesbank eigens eine Dienstwohnung an Ihr neues Gebäude im "Diebsgrund" anbauen. Nach spätestens acht Jahren will Klasen ohnehin ganz nach Hamburg in den Ruhestand gehen.
Während seiner Amtszeit -- zunächst bis 1977 -- will der Zentralbankchef jetzt "wie meine Vorgänger vor allem die Autonomie dieseS Instituts verteidigen". Anders als Karl Blessing, der kurz vor seinem Ausscheiden noch vor der inflationären Entwicklung in Westdeutschland warnte, beurteilt Klasen die künftigen Chancen für eine stabile deutsche Mark optimistisch: "Ich möchte prophezeien, daß es auch in den nächsten zehn Jahren keine wirkliche Inflation geben wird."
Finanzministers Möllers bescheidenen Sparplan, die Bundesausgaben vorerst um 2,6 Milliarden Mark zu kürzen (Klasen-Vorgänger Blessing: "Ich bin nicht überzeugt, daß die antizyklische Politik scharf genug ist"), hält der neue Zentralbank-Chef schon für "fast ausreichend". Allerdings, so räumt er ein, "man müßte die Länder und Gemeinden noch an die Kandare kriegen".
Über den Verdacht, er könne als ehemaliger Inhaber von rund zwei Dutzend Aufsichtsratsmandaten die Konjunktur auf Kosten der Arbeitnehmer zu stark abbremsen -- wie es sein Vorgänger Blessing im Herbst 1966 getan hatte --, fühlt sich Klasen ohnehin erhaben. "Ich bin" behauptet der Bankier, der in seiner Freizeit Orchideen züchtet, "von Herkunft sehr gewerkschaftsfreundlich."
Sein Vater, Angestellter bei der Hamburger Ewerführerei Lütgens & Reimers, hätte allein der Aktivität der Gewerkschaften die Arbeitszeit-Verkürzung zugeschrieben. Klasen: "Das hat mir meine Mutter immer wieder eingebleut.
Wie die Wirtschaft ohne Stagnation und Arbeitslosigkeit stabilisiert werden kann. dafür weiß Zentralbankier Karl Klasen freilich derzeit ebensowenig Rezepte wie sein Freund im Bonner Wirtschaftsministerium,., Resignieren allerdings", das weiß er, "werde ich nie."

DER SPIEGEL 3/1970
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