19.01.1970

PRESSE / SPRINGERMonument geschaffen

Axel Cäsar Springer, größter und mächtigster Zeitungs- und Zeltschriftenverleger der Bundesrepublik, tat, was die tausend Redakteure seiner neun Blätter täglich tun: Er redigierte*.
Umgeben von Experten, Untergebenen und Freunden seines Hauses, brachte der Konzernherr den Zusatz "in Freiheit" ins Manuskript einer neuen Haussatzung: "Wiedervereinigung in Freiheit".
Axel Springer, 57, vervollständigte damit die "vier Grenzpflöcke" seiner Weltanschauung, die er schon früher öffentlich wie hausintern zur ideologischen Richtschnur seiner Blätter erklärt hatte:
* "Unbedingtes Eintreten für die Wiederherstellung der deutschen Einheit";
* "Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden" (Ergänzung in der neuen Satzung: "Hierzu gehört auch die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes");
* "Ablehnung jeglicher Art von politischern Totalitarismus" und
* "Bejahung der sozialen Marktwirtschaft".
Diese Verleger-Prinzipien bedeuten, daß in Springer-Zeitungen nicht mehr unbefangen über eine deutsche Zwei-Staaten-Theorie diskutiert werden könnte, daß von Redakteuren womöglich auch eine kriegerische Expansions-Politik des Staates Israel verteidigt werden müßte und daß die Springer-Blätter nur noch für "die breite konservative Mitte" (Springer) eine Plattform bilden können, was immer darunter zu verstehen sein mag, Und Springer wird Kritiker der freien Marktwirtschaft nicht mehr nur als "Narren oder Utopisten" beschimpfen können, sondern innerhalb seines Imperiums auch mit den Sanktionen seiner Satzung bestrafen können.
Nach Abschluß der Redaktionsarbeit des Konzernherrn staunte der Münchner Wirtschaftsberater Lois Erdl, Aufsichtsratsmitglied der Springer-AG, bewundernd: "Er hat ein Monument geschaffen."
Monumental ist die vielfältige Lebensessenz des Hamburger Verlegers freilich nicht wegen stilistischer Brillanz oder weltanschaulicher Spannweite, sondern vielmehr, weil Springer seine persönliche Philosophie dem ganzen Riesen-Konzern (Jahresumsatz: eine Milliarde Mark; 12 000 Beschäftigte) als ein, wenn auch weitmaschiges Korsett aufgezwungen hat.
Der Alleinaktionär ließ nämlich die vier Lehrformeln seiner Philosophie in die Satzung seiner zu Neujahr ge-
* Springer gehören: "Die Welt", "Bild", "Welt am Sonntag", "Bild am Sonntag", "Hamburger Abendblatt", "Berliner Morgenpost", "BZ", "Hör Zu", "Funk Uhr".
gründeten Aktiengesellschaft einrücken, in der er das Konglomerat seiner Unternehmungen zusammenfaßte (SPIEGEL 1-2/1970). Daß Unternehmens-Satzungen mit weltanschaulichen Prinzipien befrachtet werden, ist rechtlich möglich, aber höchst außergewöhnlich.
Normalerweise enthalten AG-Satzungen rein wirtschaftliche Regulative: Sitz der Gesellschaft, Zahl der Vorstandsmitglieder, Zahl der Aufsichtsratsmitglieder' Formalien der Hauptversammlung' Festlegung des Geschäftsjahrs. Allenfalls bei kirchlichen oder kirchennahen Unternehmungen kommt In der Definition des Geschäftsgegenstands ein weltanschauliches Detail zum Vorschein; etwa, wenn darin Herstellung oder Vertrieb "katholischer" Literatur festgelegt wird.
Springer wollte mehr. Außer wirtschaftlichen Details, so ließ er sich von Experten aufklären, könne er In die Satzung "alles hineinschreiben, was sich im Rahmen der guten Sitten bewegt". So verankerte der Verleger seinen politischen Sittenkodex in der AG-Satzung -- bindend für alle Zukunft, bindend für seine 12 000 Beschäftigten, bindend selbst für spätere Partner Springers.
Denn die Satzung verpflichtet den geschäftsführenden Vorstand (Alleinvorstand der Springer-AG: Peter Tamm). Dieser muß die vier Springer-Essentials zumindest in die Arbeitsverträge "der Redakteure schreiben, wenn er diese Verpflichtung einhalten will. Die Satzung kann außerdem nach dem Aktiengesetz nur von einer Dreiviertel-Stimmenmehrheit der Aktionäre wieder verändert werden -- das heißt: Springer könnte 74,9 Prozent seiner Aktien -- "kleckerweise oder im großen" (Erdl) -- verkaufen, ohne daß an seine vier Prinzipien gerührt werden könnte. Erdl: "Das ist doch der Clou der Geschichte."
Selbst die Erben des Verlegers, die drei Kinder aus den vier Ehen Springers, könnten das Vermächtnis des Vaters nur umfunktionieren, wenn sie mindestens 75 Prozent der Aktien bekommen und sich dann einig werden: Barbara ("Babs") Coremi, 34, lebt mit einem Griechen verheiratet in Lausanne, Axel Springer junior, 28, betreibt unter dem selbstgewählten Pseudonym Sven Simon eine Presse-Agentur in München, Raimund Alexander Nikolaus Springer, 8, wird in Gstaad von seiner Mutter (Springers vierter Frau) betreut.
Eine derart perfekte, die Familienerben wie alle Angestellten, künftige Partner wie die Unternehmensgremien verpflichtende weltanschauliche Ausrichtung für alle Ewigkeit hat es -von der gleichgeschalteten Presse des Dritten Reiches abgesehen -- bei deutschen Zeitungskonzernen bisher nicht gegeben.
Selbst Alfred Hugenberg ("Berliner Lokal-Anzeiger", "Die Woche", "Der Tag", "Gartenlaube"), in der Weimarer Zeit Vorsitzender der Deutschnationalen Volkspartei und 1933 eine Zeitlang Minister In Hitlers erstem Kabinett, ließ die Zügel in seinem Konzern (auf dessen Boden heute das Springer-Hochhaus in Berlin steht) lockerer -- aus geschäftlichen Gründen. Hugenbergs Telegraphen-Union in Berlin etwa verkaufte ihre Dienste -- je nach Wunsch -- in einer katholischen, deutschnationalen oder auch neutralen Fassung.
Springers Geschäfte -- der Verkauf eines Anteilpakets oder die Streuung von Kleinaktien unters Volk zur Finanzierung der bereits angekündigten Film- und Fernsehpläne -- werden durch den weltanschaulichen Einschub in die Satzung denn auch behindert, Springer-Manager kommentieren diesen Umstand einfühlsam ("Für schnöden Mammon verkauft Herr Springer seine Grundsätze nicht") oder auch verniedlichend ("Diese Prinzipien gehören doch zum Handwerkszeug eines jeden rechtschaffenen Bürgers in Deutschland").
Aufsichtsratsmitglied Lois Erdl sieht die Lage realistischer: "Wenn Springer Kassa machen wollte, hätte er diese Satzung nicht gemacht" Denn: "Die verjagt ihm doch einen Teil der Interessenten."

DER SPIEGEL 4/1970
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