15.12.1969

JUNGSOZIALISTENSchwein geschlachtet

Genosse Thomas von der Vring, Dozent an der TU Hannover und Bewerber um einen Posten im Jungsozialisten-Vorstand, begrüßte "die neue Bundesregierung mit Wohlwollen und Skepsis". Die 204 Delegierten der SPD-Jugend, die sich am vorletzten Wochenende zu ihrem Bundeskongreß in München versammelt hatten, wollten das nicht hören.
Von der Vring formulierte um: Er begrüße "die neue Bundesregierung mit skeptischem Wohlwollen". Auch das war den Jung-Genossen, die "die Partei nach links öffnen und nach rechts schließen" wollten, noch zu freundlich.
Erst im dritten Anlauf erwirkte der Kandidat die erhoffte Zustimmung: "Wir begrüßen diesen Regierungswechsel als einen ersten Schritt zur Ablösung reaktionärer Kräfte in der Bundesrepublik. Wir wissen aber, daß wir von dieser Regierung für die Erfüllung sozialistischer Forderungen im Sinne des Godesberger Programms nichts zu erwarten haben."
Mehr erwarteten die "Jusos" (von der Vring: "Wir sind die SPD der achtziger Jahre") von sich selbst. In München formierten die linken Genossen den SPD-Nachwuchs für den langen Marsch durch ihre Institution zu einem "sozialistischen Verband mit einer konkreten Utopie". Sie postulierten, daß
* "eine sozialdemokratisch geführte Regierung alle ihre Handlungen an den Bedürfnissen einer kommenden sozialistischen Gesellschaft mißt";
* "die Großbanken, Kapitalsammelstellen sowie die Schlüsselindustrie (Stahl, Chemie, Energie usw.) verstaatlicht werden" müssen;
es nur eine Möglichkeit gibt, "präventiv gegen die Krisenanfälligkeit dieses (kapitalistischen) Systems vorzugehen: indem man es abschafft";
* die Bundesregierung es "begrüßen" soll, "wenn andere Staaten die DDR anerkennen".
Nicht diskutiert wurde in München, ob eine SPD mit dem Programm der Jusos in absehbarer Zukunft Wahlen gewinnen könne. Statt von Stimmenwerbung war von "sozialistischer Praxis" und "Basis-Arbeit" in Gemeinden und Betrieben die Rede.
Leo Bauer, Ghostwriter und Kongreß-Beobachter des Parteichefs Willy Brandt, war empört: "Fünftausend Apo-Leute haben den Verband unterwandert und umgedreht." Joachim Steffen, Linksaußen des SPD-Establishments und einziger Repräsentant des Partei- Vorstands in München, verwarf die Diagnose des früheren SED-Mitglieds Bauer·, "So eine Verschwörer-Theorie kann nur einem ehemaligen Kommunisten einfallen."
In der Tat: Trotz freimütigen Gebrauchs sozialistischer Vokabeln blieb die Außerparlamentarische Opposition draußen vor der Kongreß-Tür. Für die Jusos führte auch in München der Weg zum Sozialismus immer noch durch die SPD. Anträge antiautoritärer Genossen, die diesen Weg verbauen wollten, wurden von der Mehrheit niedergestimmt. Der Kongreß war dagegen,
* die Regierungserklärung des SPD-Kanzlers Brandt rundweg "abzulehnen",
* die SPD als "liberale Fraktion der Bourgeoisie" abzuschreiben,
* "ein für allemal auf die Wiedervereinigung zu verzichten".
Statt dessen attestierten die Linken ihrem Parteichef in einem Protest-Beschluß gegen den US-Krieg in Vietnam "moralische Integrität und den Willen zur Friedenspolitik". Brandt und Steffen blieben freilich die einzigen Partei-Prominenten, denen die Junioren Schonung gewährten. Was der Partei sonst teuer ist, wurde verrissen. So setzten die Delegierten einen Antrag, der sich gegen eine Äußerung des Partei-Vize Helmut Schmidt ("Scheißdemokrat") wandte, wegen Nichtigkeit von der Tagesordnung ab. Begründung: "Schmidt ist doch hinlänglich bekannt."
Auch Partei-Geschäftsführer Hans-Jürgen Wischnewski, der nach Absage von Willy Brandt, Herbert Wehner, Horst Ehmke und Heinz Kühn im Auftrag der Bonner Partei-Zentrale das Einleitungs-Referat halten sollte, fiel dem angestauten Delegierten-Unmut über die Baracke zum Opfer: Die Jungsozialisten wollten die Auftragsarbeit eines "Angestellten der Partei" nicht hören und strichen seinen Vortrag vom Programm.
Für Peter Corterier, 33, den bisherigen Jungsozialisten-Vorsitzenden, wurde der Kongreß zum Tribunal über Person und Politik. Der Parlaments-Neuling aus Karlsruhe war in der Absicht nach München gefahren, sich durch Rücktritt ehrenvoll zu verabschieden. Die Delegierten ließen es nicht dazu kommen; sie nahmen den Rücktritt nicht an und schritten zur Abwahl: Corterier wurde mit 146 zu elf Stimmen gefeuert, sein Rechenschaftsbericht ohne Diskussion verworfen.
Die Gefühls-Aufwallung der Corterier-Gegner kommentierte der "rote Jochen" Steffen: "Die waren gekommen, um das Schwein zu schlachten, aber vorher sollte es noch bespuckt werden."
Freilich hatte Corterier ihnen während seiner zweijährigen Amtszeit Grund zu schroffen Reaktionen gegeben. Als Juso-Chef hatte er linke Beschlüsse seiner Verbands-Gremien mißachtet oder hintertrieben, um sich bei der Parteiführung anzubiedern. In seinem Wahlkreis Karlsruhe verleugnete er gar den Namen seines Verbands und gab sich in einem Wählerbrief als Vorsitzender der "jungen Sozialdemokraten" aus. Den Dank der Partei erntete er im Bundestag: Seine Fraktion delegierte den Novizen in die begehrten Ausschüsse für Verteidigung und Auswärtiges.
Mit Corterier verabschiedeten die Jungsozialisten nun die Ära, in der sich, wie linke Kritiker meinen, anpassungsfähige Jung-Funktionäre durch "parteikonformes Verhalten und den Verzicht auf jede politische Selbständigkeit" (so der Berliner Juso-Delegierte Gert Bornsen in einer zum Münchner Kongreß erschienenen Broschüre*) für den gehobenen Parteidienst qualifizieren konnten.
Bis 1960 hatten die Jusos ihre Beiträge zur SPD-Politik auf Hinweise beschränkt, daß die Partei "nur die richtigen Reklamefachleute braucht" (Steffen). Und noch bis 1965 war es
so Börnsen -- "die eigentliche Funktion der Bundeskongresse" der Jungsozialisten, "innerparteiliche Heerschau und Akklamationsveranstaltung mit Reklamerummel nach außen zu sein". "Christ und Welt" damals: "Di Jungmannen marschieren mit der "Alt-Herrenriege" im gleichen Schritt."
Eine lockere Gangart wurde den Jung-Genossen bislang auch durch ihre Statuten erschwert. Anders als die weitgehend selbständigen Jugendverbände von CDU (Junge Union) und FDP (Jungdemokraten), sind die Jusos nur eine der sieben Arbeitsgemeinschaften in der SPD. Jedes SPD-Mitglied bis zum 35. Lebensjahr gehört automatisch dem Verband der Jungsozialisten an. Die Juso-Vorsitzenden müssen von der Partei bestätigt, ihre Beschlüsse gebilligt, ihre Gelder beantragt, ihr Geschäftsführer muß von der Baracke angestellt werden. Selbst dem Corterier-Vorstand versagte die Parteiführung vor zwei Jahren zunächst die Bestätigung, weil ihm auch Linke -- wie der "Stern"-Redakteur Herbert Ludz -- angehörten.
Unterdessen amtierte Corteriers Sekretär Ernst Eichengrün, 35, unter der Weisung des SPD-Vorstands in der Partei-Zentrale und torpedierte zaghafte Autonomie-Wünsche des Juso-Verbands. Als Herbert Ludz im Auftrag seines Vorstands Kontakte mit der DDR-Staatsjugend FDJ suchte und die FDJ erste Termine vorschlug, sagte Eichengrün auf Wunsch Wischnewskis ab, ohne den Juso-Vorstand auch nur zu informieren.
Solche "Methoden aus der Mottenkiste der Komintern" (so ein Juso-Delegierter in München) mochten die linken Jungsozialisten nicht länger hinnehmen. Delegierte aus 14 Bezirken trafen sich Anfang Oktober in Oberhausen und zwei Wochen darauf im hessischen Eltville, um -- nach dem Bonner Erfolg der SPD -- nun auch bei den Jungsozialisten einen Machtwechsel vorzubereiten.
Die Majorität freilich, die der Linken beim Sturz von Corterier in München zuwuchs, überraschte selbst die Eltviller. Börnsen: "Bei der Mehrheit macht links sein ja gar keinen Spaß mehr."
* Gert Börnsen: "Innerparteiliche Opposition -- Jungsozialisten und SPD". W. Runge-Verlag, Hamburg; 104 Seiten; 4 Mark.
So fehlte den Linken in München der Gegner, an dessen Widerspruch sie sich deutlicher hätten profilieren können. Unangefochten führten Studenten aus dem Sozialdemokratischen Hochschulbund (SHB), darunter drei ehemalige und ein amtierender SHB-Vorsitzender, die Kongreß-Regie. Die Antrags- und Abstimmungsmaschine bedienten derweil die traditionellen Links-Verbände aus Schleswig-Holstein und Hessen-Süd, die auch bei der Vorstandswahl die wichtigsten Posten besetzten.
Neuer Juso-Chef wurde ohne Gegen-Kandidaten der Süd-Hesse Karsten Voigt, 28, wissenschaftlicher Angestellter in Frankfurt und im Februar parteiinterner Gegenbewerber des Verkehrsministers Georg Leber bei der Kandidaten-Aufstellung im Wahlkreis Frankfurt I. Seine Stellvertreter wurden der Schleswig-Holsteiner Norbert Gansel, 29, Gerichtsreferendar und bis vor kurzem Pressereferent Jochen Steffens, und der Hannoveraner Thomas von der Vring, 32. Karsten Voigt zum Wahlausgang: "Das war schon in Eltville klar, wir hätten schon dort wählen können."
Dennoch war München weniger das Ergebnis geschickter Kungelei als das ebenso konsequente wie ungewollte Resultat dreijähriger Apo-Aktivität. Zwar hat die Apo den 150 000 Mitglieder umfassenden Juso-Verband nicht unterwandert, aber die von den Außerparlamentarischen provozierte Politisierung der Gesellschaft hat auch die SPD-Linken mobil gemacht.
SPD-Manager Wischnewski schrieb den Junioren-Aufstand eigenen Versäumnissen zu: "Wir haben leider wegen des Wahlkampfs und der Regierungsbildung das kontinuierliche Gespräch nicht finden können. Das hat zu Aufstauungen und Verärgerungen geführt." Als der Linkskurs des Kongresses sichtbar wurde, telephonierte Wischnewski mit seinem Parteichef. Brandt ermächtigte ihn, die Tagung -- falls nötig -- zu verlassen, hieß aber zugleich Wischnewskis Absicht gut, so lange wie möglich vor Ort zu bleiben und die Jusos nicht unnötig zu provozieren.
Zurück in Bonn, erklärte Wischnewski auf der Morgenandacht in der Baracke am Montag letzter Woche, die Partei wolle keinen Bruch mit den Jungsozialisten, es sei jedoch nötig, die Formen des entstandenen Konflikts zu normalisieren. Er selbst wolle sich schon in den nächsten Tagen um Gespräche ·mit dem neuen Juso-Vorsitzenden und seinem Geschäftsführer Wolfgang Kiehne, 25, bemühen und die Bestätigung beider durch den SPD-Vorstand erwirken.
Weniger Contenance zeigte der abgewählte Juso-Chef Corterier. Journalisten ließ er wissen, die Apo, der SHB und die ADF hätten die Jungsozialisten unterwandert. Er werde darauf drängen, "diese Entwicklung nicht hinzunehmen. Wenn die in Bonn sich das gefallen lassen, sind sie Kastraten".

DER SPIEGEL 51/1969
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