15.12.1969

„ICH MUSSTE MIR SELBST STROMSTÖSSE GEBEN“

An den Beinen aufgehängt, von Stromstößen versengt, getreten und geschlagen so spürte der aus Köln stammende Botaniker Clemens Schrage, 27, am eigenen Leib die brasilianische Militärdiktatur. Seit 19511 in Brasilien, seit 1961 Assistent an der Universität van Sao Paula, hatte sich Schrage angesichts der Willkür des Regimes nicht länger den Luxus einer stillen Gelehrtenkarriere leisten walten: Er schloß sich der „Volksaktion“. einer Untergrundbewegung, an, verließ die Hochschule, zog ins Arbeiterviertel Osasco und verteilte dort illegale Flugblätter. Am 7. Februar dieses Jahres wurde er verhaltet. Hier sein Bericht:
Nach meiner Festnahme fesselten mich die Polizisten und verbanden mir die Augen. Sie brachten mich zur Polizeikaserne an der Avenida Tiradentes im Zentrum von 550 Paulo. Dort wurde ich 25 Stunden lang verhört und dabei angeschrien: "Du bist ein Verräter deines Vaterlandes, du bist ein Anti-Nazi. Während der ganzen Zeit bekam ich nichts zu essen und zu trinken.
Das Schlimmste aber stand mir noch bevor. Man schleppte mich zur Kaserne der Militärpolizei am Parque do Ibirapuera. Zwei Stunden nach meiner Ankunft wurde ich aus meiner Zelle geholt und in die sogenannte Kapelle gebracht: in die Folterkammer.
Dort begann eine Zeremonie, die sich oft wiederholt hat und die jedesmal drei bis sechs Stunden dauerte. Erst wurde ich gefragt, ob ich einer politischen Gruppe angehörte. Da ich verneinte, wickelte man mir einige Drähte um die Finger, und damit fingen die Elektro-Folterungen an: Ich bekam Stromstöße, erst schwach, dann immer stärker.
Dann mußte ich mich ausziehen. Nackt fühlt man sich hilfloser. Ich wurde erst mit Fäusten geschlagen, dann mit Knüppeln, vor allem auf die Hände. Danach wurde ich mit Wasser übergossen, damit die Elektroschocks stärker wirkten.
Durch die Prügel war mein rechter Ellenbogen aufgeplatzt. In diese Wunde hielten Sergeant Simoes und Korporal Passarinho die Drähte. Ich mußte mir nun selbst Stromstöße geben und meinen Freunden auch. Damit ich nicht schrie, schob man mir einmal einen Schuh in den Mund, meist aber stinkige Lappen.
Nach einigen Stunden erreichte die Zeremonie ihren Höhepunkt. Sie hängten mich an den Pau de Arara -- die Papageienschaukel: Sie banden mir die Hände vor den Knien zusammen und schoben mir durch die Kniekehlen eine Stange, deren Ende sie auf zwei Tische legten.
So fühlte ich mich am hilflosesten. Vorher hatte ich wenigstens den Boden unter den Füßen und konnte mich bewegen. Jetzt hing ich in der Luft. Sie steckten mir einen Draht in den After und befestigten weitere Drähte an Mund, Ohren. Händen und Füßen.
In den nächsten Tagen wiederholte sich die Prozedur und wurde immer brutaler. Häufig ohrfeigten sie mich. Sie schlugen dabei genau auf die Ohren, so daß der Luftdruck mir fast das Trommelfell zerriß, wie es (dem Studentenführer) Jean-Marc von der Weid geschehen ist.
Ich konnte wochenlang schwer hören, meine Handgelenke waren von den Fesseln aufgescheuert, meine Hände und Genitalien schwarz von den Stromverbrennungen. Trotzdem hatte ich bis dahin nichts zugegeben.
Doch an einem Montag, nach fast sieben Stunden ergebnislosem Verhör, holte man meinen Freund, einen Arzt. Er sagte prompt, daß ich zur Untergrundbewegung gehörte. Meine Schreie hatten ihn mürbe gemacht. Ich war so überrascht, daß ich alles zugab.
Aber die Foltern hatten damit kein Ende. Am übernächsten Tag stellten sich zehn Mann im Kreis um mich auf und prügelten mich von einem zum anderen. Wenn ich stürzte, zogen sie mich an den Haaren wieder hoch oder versetzten mir mit einem elektrischen Stab Schläge an Ohren und Augen, bis ich wieder auf den Beinen war.
Dann fesselten sie mich an den Füßen und hängten mich mit dem Kopf nach unten auf. Wieder Fußtritte und Schläge. Seltsamerweise stand ein Mädchen an der Tür und schaute alles mit an.
Nachdem sie mich endlich wieder losgebunden hatten, mußte ich zuschauen, wie andere gefoltert wurden. Wenn ich wegsehen wollte, bekam ich Stromstöße. Jetzt wurde das Mädchen geohrfeigt und entblößt. Sie hängten es an einem Bein auf, spreizten seine Schenkel und steckten einen Knüppel in die Vagina. An den Brüsten versetzten sie ihr elektrische Schläge.
Später erfuhr ich ihren Namen: Dulce Maya de Souza, Tochter einer bekannten Familie aus Säo Paulo. Sie sollte angeblich der "Revolutionären Vorhut des Volkes" (VPR) angehören und an Bombenattentaten beteiligt gewesen sein.
Inzwischen war auch meine Frau verhaftet worden, obwohl sie nie politisch tätig war. Trotzdem wurde auch sie gefoltert, damit sie gegen mich aussagte. Wenigstens wurde sie nicht vor meinen Augen gequält, sondern in der Kaserne des IV. Infanterieregiments in Osasco, von einem Hauptmann Villela.
Nach 25 Tagen Haft bekam ich heftige Malaria-Anfälle. Ich wurde zur Untersuchung ins Militärkrankenhaus gebracht. Die Ärzte wollten mich dort behalten. Doch man schleppte mich zu neuen Verhören in die Kaserne zurück. Ich hatte 41 Grad Fieber, wurde am ganzen Körper steif und konnte vor Schüttelfrost kaum noch sprechen. Trotzdem bekam ich kein Medikament gegen die Malaria.
Immerhin hörten jetzt die Folterungen auf, und ich wurde nun, nach 30 Tagen, in das finstere alte Gebäude der Politischen Polizei (DOPS) im Zentrum Säo Paulos gebracht.
Fünf Monate verbrachte ich dort in der dunklen, schmutzigen und überfüllten Zelle fünf. Mit acht bis elf Mann lagen wir auf alten Matratzen in diesem kaum 25 Quadratmeter großen Raum, der voller Ungeziefer war.
Mehrere meiner Mithäftlinge versuchten sich das Leben zu nehmen. Mit einer Glasscherbe schnitt sich Dr. Carlos Lima Aveline, ein Rechtsanwalt und Ex-Abgeordneter aus Pörto Alegre, die Adern auf. Da er nicht gestehen wollte, hatte man seinen 16jährigen Sohn vor seinen Augen gefoltert. Limas Selbstmordversuch wurde noch rechtzeitig entdeckt.
Zu spät dagegen kam jede Hilfe für einen Immobilienmakler japanischer Abstammung aus Sao Paulo. Die Polizei hatte ihn gefoltert, weil er einem Regimegegner ein Grundstück verkauft hatte. Mit einer Rasierklinge schnitt er sich die Halsschlagader auf und verblutete in unserer Zelle.
Eine schwangere Japanerin, deren Namen ich nicht kenne, wurde, während sie am Pau de Arara hing, so geschlagen, daß sie ihr Kind verlor. Mehrere Schläge hatten sie außerdem am Hals getroffen, und sie konnte tagelang nichts essen und trinken. Wir hörten später, daß sie gestorben ist.
Erst 40 Tage nach meiner Einlieferung in das Gefängnis der Politischen Polizei kam der deutsche Konsul in 550 Paulo zu mir; dann besuchte mich wöchentlich einmal ein Konsulatsbeamter. Aber die deutsche Botschaft kümmerte sich wenig um meinen Fall, und es dauerte insgesamt über sechs Monate, bis ich meine Papiere erhielt und aus Brasilien ausgewiesen wurde.
Von Clemens Schrage

DER SPIEGEL 51/1969
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