01.06.1970

DAHRENDORFAb nach Brüssel

Es ist Zeit, daß in Deutschland wieder Politik gemacht wird.
Universitätsprofessor Ralf Dahrendorf 1968.
Regierungsmitglied Ralf Dahrendorf, 41, befindet sich im Dissens mit dem Universitätsprofessor Ralf Dahrendorf.
Der Freidemokrat, seit Bildung der SPD/FDP-Koalitionsregierung Parlamentarischer Staatssekretär Im Auswärtigen Amt, kehrt in diesem Monat Bonn den Rücken, weil -- seiner Meinung nach -- zwischen Bonn und Moskau zu viel Politik gemacht wird.
Mit gravierenden Vorbehalten gegen die Ostpolitik Willy Brandts begründet der FDP-Star, der seit seiner öffentlichen Premiere beim FDP-Dreikönigetreffen 1968 in Stuttgart als liberaler Erwecker und ostpolitischer Modellbauer galt, seinen vorzeitigen Rückzug aus Bonn: "Ich würde ganz gerne im Außenamt bleiben, aber nach Lage der Dinge geht es nicht mehr."
Dahrendorf ersetzt auf eigenen Wunsch in der durch Ministerratsbeschluß verkleinerten obersten EWG-Behörde in Brüssel die christdemokratischen Kommissare Fritz Hellwig und Hans von der Groeben und gehört vom 1. Juli an zu den neun höchsten Europa-Beamten in Brüssel.
Nur durch raschen Abtritt meint der vom Stil der Polit-Profis binnen weniger Monate entmutigte Konstanzer Polit-Professor sein politisches Prestige retten zu können. Überdies hofft er, hypertroph wie Immer, das Ansehen seiner Partei werde durch die "Signal-Wirkung der für Europa beispielgebenden Personal-Entscheidung" aufpoliert,
Freilich könnten durchaus auch persönliche Motive hinter Dahrendorfs Entschluß stecken. Der sensible Liberale krankt seit der Moskau-Mission des Staatssekretärs Im Bundeskanzleramt, Egon Bahr, am Verlust von Gunst bei Vorgesetzten und Freunden: > Der Bundeskanzler zog den "Theoretiker in Ostpolitik" (Brandt) bei den Entscheidungen für die Gespräche mit der Sowjet-Union nicht mehr zu Rate;
* der Außenminister trug dem "hochintelligenten Bildungspolitiker" (Scheel die Bewunderung für den Warschau-Unterhändler, Staatssekretär Duckwitz, nach und ignorierte Dahrendorfs politische Bedenken;
* der Innenminister sah in dem "sehr sprachengewandten Mann" (Genscher) eine unberechenbare Größe im Kampf um das höchste Parteiamt und baute dessen Renommee in FDP-Gremien systematisch ab. Dahrendorf sah sich mehr und mehr isoliert. Am Jahresanfang 1968 hatte der von der SPD zur FDP konvertierte Soziologie-Professor dem Parteivolk in Freiburg noch die Vision großer liberaler Zukunft vermittelt und wenig später für sich selbst den Aufstieg bis zum Kanzler anvisiert. Zwei Jahre danach, in die AA-Kulturpolitik abgedrängt und mit einer Reform der Bildungsbeziehungen zum Ausland betraut, sehnte sich der Staatssekretär nach neuem Handlungsfeld.
Der Professor mit Schnauzbärtchen und rosaroter Nelke im Knopfloch -- ein FDP-Markenartikel Im Bundestags-Wahljahr -- verfiel auf den Ausweg ins europäische Hauptquartier, als Egon Bahr mit einem Fait accompli aus Moskau zurückkam,
Dahrendorfs vertrauliche Offerte fand bei Partei- und Amtschef Scheel Gehör, weil der Minister damit den unbequemen Zauderer loswerden und zugleich für die Europa-Kommission endlich einen geeigneten FDP-Mann vorschlagen konnte.
Der Versuch Scheels, seinen Favoriten Ernst Achenbach -- im Kriege Diplomat an der Nazi-Botschaft in Paris -- nach Brüssel zu bringen, war gescheitert. Über weitere Anwärter konnten sich Parteipräsidium und Fraktionsvorstand auch Mittwoch letzter Woche nicht einigen. So blieb nur der Selbstbewerber Dahrendorf.
Der Staatssekretär hatte seinen aus Rom einfliegenden Chef am letzten Dienstag vom Flughafen Köln/Wahn im Wagen abgeholt. Dahrendorf euphemistisch: "Wir erneuerten dabei das Freiburger Bündnis gegenseitiger Loyalität, und Scheel erkannte in meiner Kandidatur die überzeugende politische Lösung für Europa."
Anders beurteilte am Freitag letzter Woche FDP-Rechtsaußen Erich Mende das Avancement Dahrendorfs. Der frühere Parteivorsitzende, der die ostpolitische Rückzugsbegründung des Staatssekretärs gern akzeptiert: "Dahrendorf haut vor der wichtigsten außenpolitischen Entscheidung dieser Koalition ab nach Brüssel."

DER SPIEGEL 23/1970
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