01.12.1969

SCHULEN / BILDUNGSFÖRDERUNGGrau und duster

Der Hausmeister wird mit Kognak besänftigt, wenn die Schüler über Tische und Bänke turnen. Raumpflegerinnen drohen mit der Kündigung, weil sie kaum noch Gelegenheit zum Putzen finden. Eine alte Dame, 102, aus dem Nebenhaus führt Klage, daß schulpflichtige Mädchen auf den Schultern der Erzieher balancieren.
Was Personal wie Nachbarn der Lemgo-Grundschule im Berliner Arbeiterbezirk Kreuzberg aufbringt, sind nur die Begleiterscheinungen eines für die Bundesrepublik einmaligen Experiments: Mit Beistand der Berliner Schulverwaltung kümmern sich jeden Nachmittag 180 Studenten aller Fakultäten an 40 Grundschulen der Stadt um rund 1500 Kinder.
Die Studenten-Aktion, für die in diesem Jahr 260 000 Mark und für 1970 395 000 Mark bereitstehen, ist Teil eines langfristigen Reformprogramms, das der Berliner Schulsenator Carl-Heinz Evers anvisiert: "Einführung der Ganztagsschule -- Unterricht von acht bis sechzehn Uhr, Mittagessen in der Schule, Fortfall der Hausaufgaben -und schließlich als Fernziel die Zusammenfassung der bisher üblichen Schultypen in neu zu schaffenden Gesamtschulen".
Für dieses Modell setzten sich auch studentische Bildungs-Aktivisten ein, die sich 1966 in einer "Aktion Bildungswerbung" zusammenfanden. Sie zogen in Betriebe und in Gewerkschaftsversammlungen, suchten durch Vorträge und Diskussionen Arbeitereltern vom Nutzen einer besseren Schulbildung für ihre Kinder zu überzeugen. Immer wieder aber stießen sie, wie sich Kunststudent Burkhardt Söll, 25, erinnert, auf Protest: "Ihr haltet hier schöne Vorträge, aber macht doch mal was,"
In Zusammenarbeit mit dem senatseigenen "Pädagogischen Zentrum" und dem in Berlin ansässigen Max-Planck-Institut für Bildungsforschung machten die Studenten dann, was Pädagogen heute "kompensatorische Erziehung"* nennen. Sie bildeten zunächst sieben Schularbeitszirkel, in denen jeder Helfer -- darunter auch einige Lehrer und Oberschüler -- an mehreren Nachmittagen bis zu zehn Volksschüler der 2. bis 6. Klassen beschäftigt. Jeweils ein halber Nachmittag ist den Schularbeiten vorbehalten, die andere Hälfte bleibt für Spiele
Viele Lehrer freilich halten von der neuen Methode nichts, vor allem, weil es nach ihrem Geschmack bei den Schul-Nachmittagen zu wenig diszipliniert zugeht. Kunststudent Söll, Absolvent der Pädagogischen Hochschule, über die Voreingenommenheit der Traditionspädagogen: "Für die Mehrzahl gibt es nur Kinder, die lernen wollen. Soziale Ursachen für Schulversagen kommen den meisten nicht in den Sinn, und gegen uns erheben sie dann den Einwand, daß wir nicht pädagogisch ausgebildet seien."
Bei den Eltern stößt die Bildungsförderung auf nicht weniger Widerstand. Sie sind zwar froh, daß jemand mit ihren Kindern Schularbeiten macht und auch einmal den Zoo besucht, ein Vertrauensverhältnis aber, so Hansjörg Hilke, 26, Student der Kybernetik an der Technischen Universität sei oft erst nach mehrmaligen "ungeheuer zeitraubenden" Abendbesuchen herzustellen. Die Eltern sind häufig
* Als "kompensatorische Erziehung" bezeichnen Pädagogen den Versuch, Milieuschäden auszugleichen, die bei Kindern im Alter von zwei bis sechs Jahren durch fehlende intellektuelle Anreize im Elternhaus entstanden sind.
beide berufstätig und gehören oft zu jenen Bevölkerungskreisen, von denen der Soziologe Ralf Dahrendorf einmal sagte, das Innere einer höheren Schule sei ihnen so fremd wie einem Normal-Bürger das Innere eines Klosters.
Denn Arbeitern mutet das Gymnasium -- so ermittelte der Kölner Psychologie-Professor Josef Hitpaß -- als "sehr kompliziert, theoretisch, unangenehm und außergewöhnlich" an. Hitpaß-Interviewern erklärten sie: "Ich kann doch überhaupt keine Hausaufgaben kontrollieren ... ist ja viel zu hoch."
"Angstzustände" (Hilke) bekommen aber auch viele der neugeworbenen Studenten. wenn sie den ersten Besuch bei solchen "bildungsfernen" Eltern hinter sich haben. Typisches Urteil der studierenden Angestellten- und Beamtensöhne über das Arbeitermilieu: "Das ist alles so grau und duster."
Daß durch die Arbeit der studentischen Bildungsförderer eine nennenswerte Zahl von Kindern aus dieser tristen Umgebung zur höheren Schule gefunden hätte, ist laut Hilke "mehr ein Wunschkind des Senators". Söll klagte zudem über "böse Erfahrungen" bei jenen Schülern, die auf Anregung der Bildungsförderer hin die Oberschule besuchen. Die Studenten kümmerten sich weiter um diese Kinder, aber, so Söll: "Die Lehrer auf der höheren Schule haben noch weniger Sinn für die soziale Problematik dieser Kinder als die Volksschullehrer und ziehen die Leistungsschraube hart an -- ohne Rücksicht auf die Vorkenntnisse und auf die mangelnde Hilfe im Elternhaus."
Die Studenten haben die Werbung fürs Gymnasium deshalb nicht aufgegeben. Aber ihre Erfolge liegen woanders. Kybernetiker Hilke: "Wir erfassen größtenteils Kinder, die schon auf der Grundschule zu versagen drohen." Und von diesen haben sie "schon eine ganze Reihe" vor der Hilfsschule bewahrt.

DER SPIEGEL 49/1969
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 49/1969
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SCHULEN / BILDUNGSFÖRDERUNG:
Grau und duster

  • Neues Start-Up: Elon Musk will Hirn und Rechner vernetzen
  • Sozialer Brennpunkt Folsterhöhe: Kinderarmut in "Saarbrooklyn"
  • Neue Bahnansagen: Eine Stimme für 20 Millionen Fahrgäste täglich
  • Ein Surfer und seine Begleiter: Delfine, alles voller Delfine!