01.12.1969

OLYMPIA / MOSKAUZurück zum Zaren

Der einzige Konkurrent, den wir fürchten", frohlockte Olympiabewerber John B. Kilroy aus Los Angeles, "hat sich noch nicht gemeldet: Moskau." Vorletzte Woche meldete sich Moskau.
Oberbürgermeister Wladimir Promyslow teilte die Botschaft den Auslandsjournalisten mündlich mit und sandte die schriftliche Bewerbung an das Sekretariat des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Lausanne -- die erste Bewerbung aus dem Osten seit IOC-Gründung.
Der russische Vizepräsident im IOC, Konstantin Andrianow, begründete die überraschende Kandidatur" ("L'Equipe", Paris) mit Argumenten, die noch nie ein sowjetischer Sportfunktionär benutzt hatte: "Unsere Olympiatradition reicht bis 1894 zurück. Damals war ein Russe Mitbegründer des IOC." Es war der Zarengeneral Butowsky, Leiter der russischen Militärschulen.
Bisher hatten die Sowjets russische Sportverdienste vor der Oktoberrevolution 1917 sorgsam verschwiegen. "Vor der Revolution", wetterte noch 1967 der Sektorenleiter im Propagandaamt des kommunistischen Zentralkomitees. Subkow, "war der Sport in Rußland nur Privilegierten vorbehalten." Ab 1925 trachteten die Sportpolitruks, den Sport als kommunistische Errungenschaft aufzubauen. Die Dachorganisation freilich wandelte sich ähnlich häufig wie die Geheimpolizei; fünfmal änderte sich der Firmenname. In einem Punkt blieb der Parteisport linientreu: Auslandsstarts der Sowjetsportler fanden nie statt.
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg tauchte 1946 bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Oslo eine UdSSR-Equipe auf. Im benachbarten Helsinki erschienen 1952 die Sowjets erstmals bei
Olympischen Spielen. Vier Jahre später ergatterten sie schon die meisten Medaillen: 99. Die bis dahin führenden USA holten nur 74.
Als 1959 Chruschtschow den Einfluß der Parteifunktionäre und zugleich die Prämien für die "Verdienten" und "Internationalen Meister" des Sports minderte, zerfiel die Sportmacht: 1960 waren es noch 103 Olympiamedaillen, 1968 nur noch 91.
Vergebens versuchten die Sportpolitruks den Niedergang aufzuhalten. 175 000 Berufstrainer arbeiteten Perspektivpläne für medaillenverdächtige Jugendsportler aus. 900 000 Talente trainierten in 2197 Kindersportschulen.
Dennoch riskierten die Russen nie eine Olympiabewerbung. Erstmals wurde sie für 1968 geplant, unterblieb jedoch, weil es an Hotels und Visa-Kontingenten mangelte. Denn: Ohne freizügigen Touristen-Zugang billigt das IOC keine Bewerbung.
Als München die Spiele 1972 erhielt, stachelte es erneut den Olympiaehrgeiz der Moskauer an. "Die Münchner Spiele der kurzen Wege kennen wir", gab ein polnisches IOC-Mitglied den Russen Hilfestellung. "von Dachau her."
Da übernahm der ehemalige Chef der kommunistischen Jugendorganisation Komsomol, Sergej Pawlow. die Sportführung der UdSSR. Als im November IOC-Präsident Avery Brundage, 82, in Helsinki das 50jährige Bestehen des finnischen Olympiakomitees mitfeierte, animierte er die Sowjets, deren Amateurauslegung durch die Staatssportformel er gutheißt, sich zu bewerben. Brundage mißtraut vor allem den US-Managern. die er für "olympische Banausen" hält. Doch Kilroy machte ein verlockendes Angebot: "Für 500 Dollar garantieren wir Flugreisen aus aller Welt nach Los Angeles."
Der Weg nach Moskau wird auch noch 1976 weit beschwerlicher sein. Andrianow warb deshalb mit der "sowjetischen Gastfreundschaft". Die olympischen Liebesgrüße aus Moskau nannte Brundage "eine gute Nachricht". Er hofft für 1972 in München, daß Moskau als künftiger Veranstalter Olympiafrieden hält. Falls die Stadt beim IOC-Kongreß im Mai 1970 die Spiele 1976 nicht erhält, erhebt sie Anspruch auf Olympia 1980. Bisher einziger Konkurrent: Prag.

DER SPIEGEL 49/1969
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 49/1969
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

OLYMPIA / MOSKAU:
Zurück zum Zaren

  • Videokritik zu "The Crown" Staffel 3: "Eine Serie wie ein Monumentalfilm"
  • Proteste in Hongkong: "Die Bewegung steuert auf einen Showdown zu"
  • Impeachment-Anhörung: Kronzeugen sagen gegen Trump aus
  • Überflutungen in Venedig: Für Touristen eine Attraktion, für die Bewohner ein Problem