01.12.1969

AUTOMOBILE / WANKEL M 35Für Liebhaber

Zum erstenmal in ihrer Geschichte präsentierte die angesehene französische Automobilfirma Citroen in der vergangenen Woche ein neues Auto-Modell und kündigte zugleich seinen baldigen Tod an.
Nach Fertigstellung von nur 500 Exemplaren soll die Produktion wieder eingestellt werden. Citroen hat das Auto nach den Worten eines Werk-Sprechers ausschließlich "Liebhabern neuartiger Technik im Automobilbau" zugedacht. Die Liebhaber sollen für das Auto rund 9000 Mark bezahlen und müssen sich verpflichten, mehr als 30 000 Kilometer im Jahr zu fahren.
Frankreichs Automobilisten sollen mit dem "Prototyp Citroen M 35" genannten, raren Auto-Neuling ein für sie neuartiges Triebwerk erproben: Der Wagen, ein sportlich anmutendes Coupé wird von einem 49 PS starken Wankel-Kreiskolbenmotor angetrieben. Höchstgeschwindigkeit: 144 km/h.
Auf diese Weise wollen die Citroen-Ingenieure erfahren, wie sich der Wankelmotor im Alltagsgebrauch bewährt, wenn nicht Testfahrer und Ingenieure, sondern Durchschnitts-Autofahrer ihn traktieren. Außerdem sollen sich auch die Citroen-Werkstätten an den Umgang mit dem Wankel-Auto beizeiten gewöhnen.
Denn der Motor, den Citroen und die deutsche Wankel-Pionierfirma NSU gemeinsam entwickelten, soll später in modifizierter Form einem normalen Grollserien-Automobil eingebaut werden. Das heranreifende Co-Mobil von Citroen und NSU (SPIEGEL 47/1969) soll Ende nächsten Jahres zunächst mit herkömmlichem Hubkolbenmotor, danach wahlweise auch mit Kreiskolbenmotor auf den Markt kommen.
Die Methode, Kunden als Tester zu verwenden, ist freilich sowenig neu wie das Prinzip des Wankelmotors.
Als vor sechs Jahren der amerikanische Chrysler-Konzern eine Limousine mit Turbinen-Antrieb entwickelt hatte, vermochten die Marktforscher mit herkömmlichen Tests nicht schlüssig zu ermitteln, ob der Markt das Fahrzeug mit dem ungewohnten, fauchenden Triebwerk auch kaufwillig aufnehmen werde. Chrysler produzierte daraufhin 50 Turbinenautos und stellte sie 203 Autofahrern beiderlei Geschlechts und aller Altersgruppen je drei Monate kostenlos für Probefahrten zur Verfügung. Wegen technischer Schwierigkeiten verzichtete Chrysler auf eine weitere Produktion.
Bei allem Wankel-Mut mochte auch NSU nicht gleich den Serienbau einer großen Wankel-Limousine wie des späteren NSU Ro 80 riskieren. Die Neckarsulmer bauten zunächst in kleiner Serie 2375 Wankel-Spider, die sie an ausgesuchte Kunden verkauften.
Obwohl bereits vier Wankel-Autos in Serien gebaut werden, wollte sich Citroen nicht allein auf die Erfahrungen seines Partners NSU verlassen. Citroen: "Die intensive Erprobung soll der Entwicklungsabteilung eine Summe von Beobachtungen einbringen, die vom Hersteller allein nicht erzielt werden kann." Die Kunden seien "zur Diskussion aufgerufen".
Auf den Motor des 4,05 Meter langen Test-Coupés (Frontantrieb, hydropneumatische Federung) gewährt Citroen zwei Jahre Garantie -- ohne Kilometerbegrenzung.

DER SPIEGEL 49/1969
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