01.12.1969

BIBEL / PAULUS-FORSCHUNGVorsicht geboten

Aus dem Saulus ist nie ein Paulus geworden. Was zwei Jahrtausende lang Christen und Nichtchristen glaubten, ist eine "verbreitete, aber irrige Ansicht". Der einstige Christenverfolger und spätere Völkerapostel hat, als er sich bei Damaskus bekehrte, seinen Namen nicht gewechselt. Denn der Jude Saulus hieß schon von Geburt an Paulus, weil er ein Leben lang die Rechte eines römischen Bürgers besaß.
Das stellt .der evangelische Heidelberger Neutestamentler Professor Günther Bornkamm, 64, jetzt in einem Paulus-Buch klar. Es liest sich weithin wie ein Dementi all der christlichen Literatur, die jahrhundertelang über Paulus verbreitet wurde.
Bornkamm ist einer der angesehensten Gelehrten seines Fachs. Sein Jesus-Buch wurde allein in Deutschland schon in hunderttausend Exemplaren verbreitet. Mehrere umfangreiche Fachstudien hat er Paulus und anderen Ur-Christen gewidmet**.
Christliche Autoren und sogar Christen-Gegner gingen bislang zumeist davon aus, daß sie für Leben und Werk des Paulus die allerbeste Quelle besäßen: die Bibel selbst. Von den 27 Teilen des Neuen Testaments soll Paulus 13 selber verfaßt haben, und die Hälfte der Apostelgeschichte besteht aus Berichten über ihn.
Die modernen Theologen aber, die mit Stilvergleichen und anderen wis-
* Bei der Flucht aus Damaskus. Tuschzeichnung des Chinesen Th Huang-ch'ang, 20. Jahrhundert.
** Günther Bornkamm: "Paulus". W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart: 200 Seiten: 7,20 Mark. Im Chr. Kaiser Verlag, München. sind Bornkamms Bücher "Geschichte und Glaube", "Studien zu Antike und Urchristentum" und "Das Ende des Gesetzes. Paulusstudien" erschienen; 216 bis 288 Seiten; 13,50 bis 20 Mark.
senschaftlichen Methoden arbeiten, haben das Vertrauen in den historischen Wert der meisten biblischen Paulus-Quellen längst verloren, ihre Erkenntnisse in auflagenschwachen Werken aber eher versteckt als veröffentlicht.
Von den 13 Briefen, die in der Bibel als Werke des Paulus ausgegeben werden, stammen in Wahrheit nur sieben von ihm. Die anderen wurden unter seinem Namen von späteren Christen geschrieben. Die Apostelgeschichte, die erst etwa vier Jahrzehnte nach dem Tode des Paulus zu Pergament gebracht wurde, ist keinesfalls ein historischer Bericht, wie auch heute vor bibelbuchstabengläubigen Theologen behauptet wird. Die 24 Reden der Apostel Petrus, Paulus und Jakobus etwa, die ein Drittel des Textes ausmachen, sind "nicht Protokolle oder Exzerpte wirklich gehaltener Reden, sondern vom Verfasser der Apostelgeschichte gestaltet und an Höhepunkten und Übergängen seines Werkes eingelegt" (Bornkamm).
Einig ist sich der Heidelberger Paulus-Forscher mit Autoren früherer Veröffentlichungen darüber, daß der Apostel sicher Jesus nicht gekannt hat und wahrscheinlich in Rom den Märtyrertod gestorben ist. Was dazwischen liegt, wird in den meisten Büchern anders dargestellt als von Bornkamm.
Es sei "größte Vorsicht geboten", meint er zu biblischen Berichten darüber, daß der Apostel einst Kranke geheilt, böse Geister gebannt und gar durch Tücher seine Zauberkraft übertragen habe. Eine "drastische Pauluslegende" nennt der Bibelkritiker die Schilderung, ein Zuhörer des Apostels sei aus dem dritten Stock gefallen, "tot aufgehoben" und von Paulus erweckt worden.
Anders als es vor allem in der katholischen Literatur dargestellt wird, ist nach Bornkamms Erkenntnis auch das Verhältnis des Paulus zu anderen Aposteln gewesen. Die Berichte über das sogenannte Apostelkonzil, das Bornkamm "das wichtigste Ereignis in der Geschichte der Urkirche" nennt, haben keinen "eigenen Quellenwert". Die "einzige historisch brauchbare Quelle" sei der eigene Bericht des Paulus in seinem Galaterbrief, und daraus gehe hervor, daß sich auf dem Apostelkonzil einerseits die Jerusalemer Gemeinde, angeführt von Petrus und Jakobus, und Paulus auf der anderen Seite "gleichberechtigt gegenüberstanden".
Mehr Raum als dem Leben widmet Bornkamm dem Werk des Apostels Paulus. Und mehr als die Legenden stört den frommen Forscher, daß die Botschaft des Völkerapostels der heutigen Welt fremd geworden ist.
Das Kernstück, seine Lehre von der Rechtfertigung "allein durch den Glauben ohne Werke des Gesetzes". friste "oft nur noch in pietätvoll gehüteten Formeln ein Schein- und Schattendasein". Es bedürfe erheblicher Anstrengungen, "die paulinische Botschaft wieder zum Sprechen zu bringen und damit in den Sturm zu geraten, den sie einst entfacht hat".

DER SPIEGEL 49/1969
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 49/1969
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BIBEL / PAULUS-FORSCHUNG:
Vorsicht geboten

  • Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante
  • Anschlagsserie in Sri Lanka: Video zeigt weitere Explosion
  • Titelgewinn für PSG: Mbappé schießt Hattrick zur Meisterfeier
  • Meereswissenschaft: Durch die Augen eines Weißen Hais