16.01.2006

KORRUPTIONDer kleine König von Abdeck

Die Schmiergeldaffäre bei BMW zieht immer weitere Kreise. Verwickelt sind etliche Großunternehmen. Die Spuren führen auch in die USA, nach Österreich und in die Schweiz.
Die illustre Runde ließ es sich im Landshuter Romantik Hotel Fürstenhof schmecken. In Anwesenheit von Christiane Herzog, Gattin des damaligen Bundespräsidenten, testete das runde Dutzend Manager aus der Automobilzuliefererindustrie am 4. März 1999 die kulinarischen Leistungen der renommierten Hotelküche.
Irgendwann zwischen Selleriepüree und Gewürzkaffeecreme im Baumkuchenmantel kam für Frau Herzog der entscheidende Punkt des Abendprogramms: die Übergabe der Spendenzusagen. Schließlich sammelte sie für ihre Mukoviszidose-Stiftung eifrig frisches Geld ein.
Herzogs Hoffnungen wurden nicht enttäuscht: Der Appell war bei den Geschäftsleuten auf fruchtbaren Boden gefallen. Und so kamen pro Teilnehmer mehrere Tausender zusammen. Was Frau Herzog nicht wusste: Die Top-Manager zeigten sich nicht ganz freiwillig von ihrer karitativen Seite. Als Veranstalter der Spendenparty fungierte der BMW-Einkaufsmanager Günther L., 54, der ebenfalls einen dicken Obulus entrichtete. Die Partygäste wussten genau, was gespielt wurde, sie waren die Auftragnehmer von L. Da musste man sich schon erkenntlich zeigen.
"Es verstand sich für mich von selbst, dass man an dieser Veranstaltung teilnehmen und ein paar Tausender spenden musste, wenn man keine Auftragsprobleme bei BMW haben wollte", erinnert sich ein Teilnehmer. Inzwischen jedoch ist es vorbei mit L.s Gutmenschentum.
Er sitzt im Münchner Gefängnis Stadelheim. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen des Verdachts der Bestechung. Ein weiterer BMW-Mitarbeiter verbrachte vor den Festtagen ebenfalls ein paar Nächte hinter Gittern. Ein dritter Beschuldigter des Konzerns wurde vernommen. "Es wird gegen drei Mitarbeiter von BMW ermittelt", bestätigt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft.
Mindestens eine Million Dollar soll allein L. in den vergangenen Jahren von verschiedenen Zulieferern als Schmiergeld für die Vergabe von Aufträgen kassiert haben. Angeblich stammt das Geld von Konzernen aus den USA und Österreich sowie von mehreren deutschen Mittelständlern.
Seine Beute habe der Manager gleich ins Nachbarland transferieren lassen, auf ein geheimes Bankkonto in Zürich, vermuten die Ermittler. Anfang Dezember erhielt die Zürcher Staatsanwaltschaft ein entsprechendes Rechtshilfeersuchen von ihren Münchner Kollegen. Darin sind mehrere konkrete Geldtransfers aufgeführt. Neben dem Namen des Hauptbeschuldigten werden in dem Papier noch drei weitere Akteure genannt.
"Dazu wollen wir keine Stellungnahme abgeben", heißt es bei der Staatsanwaltschaft. Und auch Albrecht Heyng, Strafverteidiger des inhaftierten L., möchte zu den Vorwürfen "keinen Kommentar" abgeben.
Sein Mandant jedenfalls hat mit einem so jähen Ende seiner Karriere nicht rechnen können. Jahrelang lief für ihn alles nach Plan. Der BMW-Mann kontrollierte seine Zulieferer nach Belieben. Seine Vorliebe für schöne Frauen war berüchtigt. Ein "wilder Hund" sei L. gewesen, sagt ein Insider.
Und alle spurten. Denn als Mitverantwortlicher für den Einkauf der Innenausstattung für die 3er-Reihe von BMW kam im Verlauf der neunziger Jahre keiner mehr um den Automanager herum. Später übernahm sein Ressort sogar noch die Verantwortung für das Innenleben des Retro-Renners Mini.
Vor allem deutsche Mittelständler produzieren häufig ausschließlich für die drei Großen: BMW, Volkswagen und Mercedes-Benz. Fällt man bei einem in Ungnade, kann das schon die Existenz kosten.
So viel Abhängigkeit und Verwundbarkeit im Zuliefererlager führt auf der anderen Seite, in den Beschaffungsabteilungen der Autoimperien, mitunter zu "einer Art Größenwahn", wie L.s hervorstechende Eigenschaft von manchen Branchen-Insidern
gern beschrieben wird. Tatsächlich agierte der BMW-Manager wie ein kleiner König, der sich die Systemproduzenten von Armlehnen, Sitzen oder Schalthebel-Abdeckungen wie einen treu ergebenen Hofstaat hielt - von dem er tüchtig Schmiergelder abpresste, glauben die Staatsanwälte.
Mindestens einmal im Jahr ließ sich L. von seinen Auftragnehmern feiern, sei es als Wohltäter im Dienste der Christiane Herzog Stiftung oder als fanatischer Golfspieler. Berüchtigt war in der Branche das "Abdeck Open". So hießen L.s sportliche Empfänge, an denen er unter anderem seine Geldgeber um sich scharte. Unabhängig von den offiziellen Golfturnieren des BMW-Konzerns organisierte L. auf dem Hügel Abdeck unweit von Landshut sein eigenes 18-Löcher-Event.
Besonders üppig ging es im Jahr 2001 zu, als L. (Handicap 20) seinen 50. Geburtstag feierte. Auch die Spendenbox für die Christiane Herzog Stiftung durfte da nicht fehlen. Die Teilnehmerliste las sich wie das Branchenbuch der Zuliefererszene.
Viele von ihnen bekamen inzwischen Besuch von den Münchner Staatsanwälten oder mussten gar für mehrere Wochen selbst hinter Gitter, darunter auch Schlüsselfiguren der Affäre wie Walter S. und Adolf D.
S. vertrat gegenüber BMW einen der größten Zuliefererkonzerne der Welt: Die amerikanische Lear Corporation macht mit rund 110 000 Mitarbeitern einen Umsatz von über 17 Milliarden Dollar. In der deutschen Niederlassung in Allershausen kam es am 24. November zu einer Hausdurchsuchung (SPIEGEL 48/2005).
Hintergrund war die Lieferung von Autositzen für die im Dezember 2004 angelaufene Produktion einer neuen Modellvariante der 3er-Reihe. S. hatte für Lear den Auftrag bereits 2001 an Land gezogen und dafür eine Provision von 896 000 Dollar kassiert. Anfang 2003 musste er davon offenbar das ausgehandelte Schmiergeld für L. finanzieren.
"Die Höhe der von meinem Mandanten an Herrn L. geleisteten Zahlung betrug 278 000 Dollar", bestätigt sein Anwalt mittlerweile. Das Geld sei auf ein Schweizer Bankkonto geflossen. Auf Seiten von L. werden gewisse Einzelheiten dieser Darstellung allerdings bestritten.
"Wir kennen die Untersuchung und kooperieren mit den Behörden", heißt es am Hauptsitz von Lear in Southfield im US-Bundesstaat Michigan. Zu Einzelheiten will man jedoch nichts sagen.
Bei Golf-Fan D. sah nur das Geschäftsmodell ein bisschen anders aus: Er vermittelte als selbständiger Berater zwischen mittelständischen Firmen und L.
Früher war er Angestellter der Grammer AG, die ebenfalls durchsucht wurde. Der Amberger Zulieferer, der in den vergangenen Jahren ein stolzes Wachstum hinlegte, soll über 200 000 Dollar an L. bezahlt haben. "Kein Kommentar", sagt dazu der Anwalt von D. Grammer selbst hat eine "lückenlose Prüfung" angeordnet.
Falls alle Vorwürfe zutreffen: Wie schaffte es der BMW-Mann überhaupt, jahrelang abzukassieren, ohne aufzufallen? Wie kann es sein, dass bei einem transparenten Weltkonzern wie BMW die internen Kontrollen derart versagten? "Individuelles Fehlverhalten kann nicht verhindert werden", sagt eine Sprecherin des Konzerns. Die internen Sicherungsmaßnahmen seien bisher erfolgreich gewesen, da es bei der BMW Group nur Einzelfälle von Unregelmäßigkeiten gab.
Zurzeit führt der Konzern eigene Prüfungen bei den Lieferanten durch. Hierzu gehört laut der Sprecherin auch die Frage, "ob geheime Preisabsprachen stattgefunden haben".
Im Fall der drei betroffenen BMW-Mitarbeiter, deren Arbeitsplätze von der Staatsanwaltschaft ebenfalls durchsucht wurden, hat der Konzern bereits hart durchgegriffen. Das Trio "wurde bereits im letzten Jahr nach Bekanntwerden der Vorfälle gekündigt", heißt es am Hauptsitz in München.
Dennoch bleibt Fakt: Die internen Revisoren haben jahrelang nichts bemerkt. Erst eine Steuerprüfung bei dem BMW-Zuliefererbetrieb M&H im ostdeutschen Neuensalz brachte die Lawine ins Rollen.
Eine als Betriebsausgabe verbuchte Zahlung an L.s Umfeld setzte die Fahnder auf die Fährte. Eine Quermeldung an das für L. und seine involvierte Ehefrau zuständige Finanzamt lieferte erste Indizien: Die Einnahmen waren nicht versteuert worden. War das Schwarzgeld in Höhe von insgesamt 100 000 Dollar der Preis für die Vergabe eines Großauftrags? Die Ermittler, die durch einen anonymen Anruf zusätzlich munitioniert worden waren, hatten daran bald keine Zweifel mehr.
Die Untersuchungen führten zu Industrievertreter D. Seine Aussagen zeigten schnell, "dass es sich bei M&H nur um ein kleines Rädchen im System des BMW-Managers handelte", sagt der M&H-Anwalt Hartmut Girshausen. Stück für Stück werden seither weitere Details bekannt.
Es folgten etliche Hausdurchsuchungen. Wenige Wochen später standen bayerische Polizisten in den Räumen von Lear und der Münchner Niederlassung von Intier Automotive. Intier gehört zum österreichischkanadischen Zulieferergiganten Magna International, der für BMW unter anderem auch den kompletten Geländewagen X3 produziert.
"Wir wurden von den Vorwürfen überrascht", bestätigt ein Intier-Sprecher die Durchsuchung. Bis zur Klärung gebe man aber keine weiteren Auskünfte. Ein Geschäftsleitungsmitglied einer Intier-Tochter saß bereits mehrere Wochen in Haft und ist inzwischen suspendiert worden.
Schon jetzt laufen in der Branche die ersten Wetten, wen es als Nächsten trifft. Die alten Teilnehmerlisten von L.s Golf- und Spenden-Events waren lang.
Je intensiver sich die Staatsanwälte mit den beschlagnahmten Akten und Beschuldigten beschäftigen, umso größer wird die Dimension der Affäre. Derweil basteln einige der Hauptakteure bereits an einer zweiten Karriere: Berater D. vertreibt zusammen mit einem Partner eine Regenhaube für Golftaschen namens "Rain Save". Und L.? Träumt angeblich von einem eigenen Golfplatz in Kaliningrad, behaupten ehemalige Geschäftspartner. BEAT BALZLI
Von Beat Balzli

DER SPIEGEL 3/2006
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