08.06.1970

ÖSTERREICH / NATIONALSOZIALISTENArmer Teufel

Zunächst gab sich Osterreichs neuer sozialistischer Innenminister Otto Rösch wegen einer SPIEGEL-Einsicht in seine braune Vergangenheit (SPIEGEL 2211970) überrascht.
"SA-Mann", meinte Rösch auf Anfrage der Wiener Tageszeitung "Kurier", "das ist vollständiger Blödsinn. Aber ich war auch nicht Mitglied der NSDAP. Zwar habe ich um die Mitgliedschaft angesucht, bin aber nie aufgenommen worden."
Zwei Tage später schwächte der Minister die Version des abgewiesenen Partei-Bewerbers gegenüber der Wiener "Kronen-Zeitung" leicht ab. Er bestritt seine NS-Zugehörigkeit (Mitgliedsnummer 8 595 796) nicht länger, versicherte jedoch, von dieser Gunst nie erfahren und daher nach Kriegsende die erforderliche Registrierung in gutem Glauben unterlassen zu haben.
Rösch: "Ich habe mich Immer auf den Standpunkt gestellt, wenn ich bis 1945 keinerlei Vorteile aus einer mir nicht bekannten Mitgliedschaft bei der NSDAP gezogen habe, so sollen mir nach 1945 keinerlei Nachteile daraus erwachsen."
Zöglinge der "Nationalpolitischen Erziehungsanstalt" (Napola) Traiskirchen bei Wien haben ein besseres Gedächtnis: Sie erinnern sich, wie der vormalige HJ-Führer Rösch sogleich zum Klassenleiter ihrer Napola befördert und seinen Schülern "pausenlos als großes Vorbild unverrückbarer nationalsozialistischer Gesinnung" hingestellt wurde.
Auch Nachkriegs-Nationale aus der Steiermark haben den Kameraden Rösch nie vergessen. Der Grazer Eisenkaufmann, Herausgeber neonazistischer Pamphlete ("Europa-Ruf") und spätere Madrider Waffenhändler Theodor Soucek gratulierte 1961 seinem einstigen Mithäftling Otto Rösch telegraphisch zu dessen Ernennung zum Staatssekretär und empfing auch ein "Danke für Glückwünsche, Dein Otto". Soucek war in einer Prozeßserie gegen Neonazis vor dem Grazer Volksgericht -- in der Otto Rösch einen Freispruch mangels Beweises
* In BHJ-Uniform.
erlangte -- zum Tode verurteilt, aber nach 14 Monaten amnestiert worden.
Österreichs sozialistischer Bundeskanzler Bruno Kreisky -- selbst vor der NS-Herrschaft nach Schweden emigriert -- ist mit Rücksicht auf 400 000 braune Wählerstimmen in Österreich zu einer Generalamnestie für die Belasteten in seiner Regierung bereit. In einem Interview mit der israelischen Zeitung "Jediot Chadaschoth" verteidigte er die Ernennung des früheren SS-Führers Öllinger zum Landwirtschaftsminister freilich mit einem Ausfall gegen Österreichs Konservative:
"Ich war früher -- in der Koalition mit der Österreichischen Volkspartei -- gezwungen, mit führenden Ex-Nazis und ehemaligen SS-Leuten zusammenzusitzen, und da soll ich den Ölunger, diesen armen Teufel, ablehnen?"
Der arme Teufel Öllinger trat selbst zurück. Und Österreichs Schwarze wehren sich gegen Kreiskys Braun-Malerei: "Unter den schwarzen Regierungsmitgliedern seit 1945 waren doppelt so viele KZ-Insassen und nur halb so viele Nazis wie unter den Roten", konterte ein ÖVP-Sprecher. "Es gab unter den ÖVP-Ministern jedenfalls keinen einzigen führenden Ex-Nazi und keinen einstigen SSler."
Österreichs Zeitungen plädieren unterdessen dafür, den Menschen einen "politischen Entwicklungsprozeß" zuzugestehen (so die "Oberösterreichischen Nachrichten").
Aber in den Wiener Spitzenposten sitzen nicht nur seit der NS-Zeit Entwickelte. Landwirtschaftsminister Öllinger beispielsweise hat einen Sekretär namens Gerhard Pleschiutschnig, 32, aus Kärnten mit in die Bundeshauptstadt gebracht-und nach seinem eigenen Rücktritt im Ministerium belassen.
Dieser Pleschiutschnig war Ende der fünfziger Jahre Kärntner Landesführer des neofaschistischen, unterdessen verbotenen "Bundes Heimattreuer Jugend" (BHJ). Noch 1960 wurde der BHJ-Führer wegen Neonazismus angeklagt, unter anderem hatte er laut Staatsanwalt Melnitzki bei Heimabenden unter der Odalsrune das "schändliche Gaskammer-Lied" geschmettert.
Textprobe des BHJ-Songs: Der Teufel hol die Verräter, die Gaskammern waren zu klein, viel größere bauen wir später, da kommt ihr alle hinein!
Dank seiner Jugend -- 22 Jahre -- und der Fürbitte der übrigen neun Angeklagten sprachen die Geschworenen Pleschiutschnig 4:4 "im Zweifel" frei.
Öllinger-Nachfolger Oskar Weihs fand an dem hinterlassenen Sekretär nichts auszusetzen -- auch der neue Minister selbst war nicht immer rot.
NSDAP-Mitglied Weihs diente zu Hitlers Zeiten als hoher Beamter dem Reichsnährstand des Gaues Steiermark.

DER SPIEGEL 24/1970
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 24/1970
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ÖSTERREICH / NATIONALSOZIALISTEN:
Armer Teufel

  • Buhrufe in Luxemburg: Boris Johnson schwänzt Pressekonferenz
  • Umweltschützer in Wales: "Ich gebe auf - und vielleicht solltet ihr das auch"
  • Angriff auf saudi-arabische Raffinerie: "Es kann die gesamte Region anzünden"
  • Riskantes Projekt in Russland: Erstes schwimmendes AKW am Ziel