09.03.1970

SCHRIFTSTELLER / HENRI CHARRIEREBomben gegen Papi

Seit über neun Monaten gilt er in Frankreich als "Gloire der Saison" (so der "Figaro Littéraire") und als "nationales Monument" ("Pariscope"). Sein Bestseller (bisherige Auflage: 975 000) wurde der allerbeste des Jahres, der Autor zum mehrfachen Tantieme-Millionär.
Jetzt beginnt das Monument ein bißchen zu wackeln.
Henri Charrière, 63, der seine Autobiographie nach seinem Ganovennamen "Papillon" (deutsch: Schmetterling) nannte und der mit dieser Geschichte seines wüsten, abenteuerlichen Heldenlebens als Tresorknacker, Justizopfer, Bagnosträfling, Ausbrecher und Totschläger zu Ruhm und Geld kam (SPIEGEL 32/1969) -- Papillon, der Liebling von Tout-Paris, den der "Figaro Littèraire" als "einen Mann im vollsten Sinne des Wortes" feierte, er soll nun doch nur ein
erfindungsreicher Aufschneider sein.
Ob derlei Anwürfe dem vitalen Vollblut-Sechziger mit dem flott-karierten
Hütchen viel werden schaden können, ist jedoch zweifelhaft: Der "Papi", der in Frankreich seit 39 Wochen ununterbrochen auf der Bestsellerliste steht und von dem Massenblatt "France-Soir" zum Helden eines täglichen Papillon-Comic-strip gemacht wurde, ist inzwischen eine nationale Figur.
Francois Mauriac hat ihn gelobt, Pompidou bekannte sich als sein Leser. Und wo immer er sich zeigte -- und er zeigte sich, wo immer er konnte
strömten ihm die Massen, die Mikrophone, Scheinwerfer und Kameras zu, und Papillon äußerte sich beredt zu allen Problemen dieser Welt.
Im Wintersport zeigte er sich, Arm in Arm wandelnd, mit Brigitte Bardot, in Pariser Salons leistete dem Papi Papon, der ehemalige Polizeipräfekt, Gesellschaft. Die Pariser Hautevolee'
* Mit Frau Rita und Brigitte Bardot im französischen Winterkurort Avoriaz.
so registrierte "Paris-presse", "hat ihn auf ein Piedestal gesetzt".
Papillons französischer Verleger ist denn auch über die Anti-Papi-Propaganda kaum beunruhigt: "Bei einer Auflage von fast einer Million kann nichts mehr schiefgehn." Ausländische Verlage freilich, die gerade jetzt ihre "Papillons" herausbringen (unter ihnen der Wiener Molden-Verlag, der in dieser Woche 50 000 deutschsprachige "Papis" auf den Markt wirft*), sind besorgt. "Die rufen wie wild bei uns an", so der Verlag Laffont zum SPIEGEL, "und fragen: "Ist das nun alles wahr oder gelogen, was wir da gekauft haben?'"
Der erste, der diese Frage beförderte, war der ehemalige Bagnosträfling Charles Hut, 70, der schon 1955 seine eigenen, dürr erzählten Cayenne-Erlebnisse ("Zwischen Haien und Bestien") in Buchform offenbart hatte.
"Ich bezeuge", so schrieb Hut im Februarheft der Zeitschrift "Lui", "daß Papillons Werk ein Lügengewebe ist. Ich schwöre bei Gott, daß sein Werk voll ist von Erfindungen und Tatsachen, die er in verschiedenen Büchern, darunter in meinem, gelesen hat. Charriére ist ein Schwindler."
Hut ist nicht der einzige Cayenne-Kenner, der den Papi attackiert: "Alle, die je in Cayenne Ketten an den Füßen trugen", so klagte der "Figaro", "greifen jetzt zur Feder, um die Authentizität von Papillon zu bezweifeln."
Der beschuldigte Autor hat mit einem pathetischen offenen Brief an seine ehemaligen Kameraden ("Ihr irrt euch, mecs!") geantwortet und eine Klage angekündigt.
Diesen bislang harmlosen Scharmützeln zwischen alten Kameraden, die alle den Schmetterling zur Schnecke machen wollen, folgen jetzt die ersten richtigen "Anti-Papillon-Bomben" ("Figaro"): In der vorigen Woche ließ der ehemalige "Paris Match"-Reporter Georges Ménager, 40, ein erstes Enthüllungsbuch über "Die vier Wahrheiten des Papillon" erscheinen**. Der Verlag Presses de la Cité wird in dieser Woche ein noch umfänglicheres Entlarvungs-Werk herausbringen.
Ménager dokumentiert in seinem Buch, von dem in einer Woche bereits 15 000 Exemplare verkauft worden sind, Papis Pariser Vergangenheit, bevor er wegen eines von ihm heute noch bestrittenen Totschlags verurteilt und nach Cayenne verschifft wurde. Der anrüchige Hautgout des renommierten schweren Jungen und Geldschrankknackers, den Charrière in seinem Buch von sich vermittelt, nimmt dabei empfindlich Schaden.
So kommt bei Ménager der Polizei-Inspektor Mayzaud zu Wort, der den Papi damals auf dem Pigalle verhaftet hatte. Mayzaud, 80, äußert sich über das "Fliegengewicht" ("Demi-Sell") Papillon mit beruflicher Geringschätzung: "Papillon lebte armselig als Zu-
* Henri Charrière: Papillon". Molden Verlag, Wien; 560 Seiten; 25 Mark.
** Georges Ménager: "Les quatre vérités de Paptilon". Verlag La Table Ronde, Paris; 236 Seiten; 18 Franc.
hälter von zwei Nutten und verkehrte im "Pierrots. Ins Gangsterlokal "Dante' wäre er nie reingelassen worden."
Aber Manager hat noch Schlimmeres herausgefunden über den jugendlichen Gernegroß-Gangster, der nur einmal wegen einer kleinen Hehlerei verurteilt wurde, der aber gern wichtigtuerisch mit einer Pistole herumfuchtelte: In den Polizei-Akten wird der Papi von einem anderen Inspektor gar als Spitzel gerühmt: "Ich habe die Ehre mitzuteilen, daß der sogenannte Papilion mir zahlreiche Dienste durch Auskünfte erwiesen hat und mir dadurch zahlreiche Arrestationen ermöglichte."
Der emsige Literatur-Forscher Ménager hat bei seinen Recherchen auch die kesse Nénette aufgefunden, die für Papillon auf den Trottoirs im Pigalle anschaffen ging und ihm noch im Pariser Gefängnis angetraut wurde.
Nénette, inzwischen 58, lebt jetzt, halb gelähmt, aber noch als legitime Madame Charrière, in einem Altersheim und klebt, im Gedenken an den national berühmten Gatten, Schmetterlinge (Papillons) auf Senfgläser. Millionenverdiener Papi, der seit zwanzig Jahren in Venezuela mit einer Rita zusammenlebt, unterstützt Nénette mit monatlich 1500 Franc.
Charrières Verleger Robert Laffont hat versucht, Ménagers Anti-Papillon beschlagnahmen zu lassen. Doch dem Entlarvungs-Buch kam das lediglich als Reklame zugute: Ausländische Verlage reißen sich inzwischen um die Ménager-Rechte.
Anfang dieser Woche wird es wohl noch einen anderen Run geben. Dann nämlich wird der Verlag Presses de la Cité die ersten 40 000 Exemplare seines "Papillon épinglé" ("Papillon aufgespießt") ausliefern und damit die zweite, noch brisantere Anti-Papi-Bombe explodieren lassen. Die deutschen Rechte des dickleibigen Wälzers freilich sind schon weg; die hat sich der Molden-Konkurrent Kurt Desch gesichert.
Auch der Autor dieses Aufklärungsbuches ist ein ehemaliger Journalist: Gerard de Villiers, 40, der seit vier Jahren authentische Spionagefälle in aller Welt recherchiert und zu (bislang 17) Reißern à la James Bond aufputzte. Villiers (Auflage: 4,5 Millionen) ist selbst Bestseller-Autor.
Ihm ging es bei der Lektüre Papillons wie Manager: "Das ist Schwindel", fand er, "wenn das alles wahr wäre, dann müßte der Mann eine Mischung aus Robin Hood, dem heiligen Georg, Don Quichotte und Tarzan sein."
Villiers wies nun eine dominierende Münchhausen-Komponente nach: Er reiste 30 000 Kilometer per Flugzeug, Auto, Fuß und Kanu der Papi-Odyssee hinterher und suchte überlebende Bagno-Aufseher und -Häftlinge auf.
Nach Villiers' Erkundigungen ist Papillon nicht, wie in den Memoiren beschrieben, zehnmal ausgebrochen, sondern nur zweimal. Er erschlug dabei keinen Aufseher, sondern entfernte sich unbemerkt. Der Ausflug dauerte nicht zwei Jahre, sondern sechs Monate. Der Papi lebte nie unter Wilden. Zwei indianische Perlenfischerinnen, denen er angeblich Kinder zeugte, traf er nirgends. Wenn Papillon von mehreren hundert Kilometern spricht, so fand Villiers in Wirklichkeit eine 20-Kilometer-Distanz.
Den überwiegenden Teil seiner Erlebnisse, dies ist das Fazit des fleißigen Buches, hat Papi erfunden, von anderen Bagnards entlehnt oder aus Charles Huts Erinnerungen abgeschrieben, die er zwar nicht gekannt haben will, die Villiers jedoch in seinem Bücherregal in Caracas erspähte.
Der wirkliche Papillon verbrachte die längste Zeit seiner Bagno-Haft als Latrinen-Ausleerer, und alle Zeugen seiner wahren Vergangenheit bescheinigen ihm bei dieser Beschäftigung große Gewissenhaftigkeit: "Er war ein braver Typ, ein höflicher junger Mann, der gerne schwatzte."
Die Demontage des Papillon-Heldenbildes -- einer der lustigsten Literaturskandale der letzten zwanzig Jahre -- wird das Geschäft mit ihm freilich wohl eher beleben als beenden. In Italien verkaufte der Verlag Mondadori in zehn Tagen 100 000 "Papis", in Spanien stieg die Auflage in einer Woche auf 30 000.
Und je mehr an Henri Charrière vom Image des letzten großen Abenteurers abblättert, um so höher steigt sein Ansehen als Romancier. "Wenn es wahr ist, daß Papillon nicht wahr ist", so folgerte "Paris Match", "dann müssen wir den Hut vor ihm ziehen."
Einzig ins Stocken geraten ist einstweilen das Filmgeschäft. Der amerikanische Filmproduzent Reed wollte schon Roman Polanski als Regisseur anheuern, und Papi wünschte sich als Papillon den Alain Delon. Aber ein Held, der in Wirklichkeit hauptsächlich gewissenhaft Latrinen geleert hat, ist natürlich kein rechter Filmheld mehr.

DER SPIEGEL 11/1970
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