09.03.1970

Rolf Becker über Philip Roth: Portnoys Beschwerden“MOMMYS VERWORFENER SOHN

Der amerikanische Schrifsteller Philip Roth, 36, ist auch in Deutschland -- mit Erzählungen aus dem jüdisch-amerikanischen Milieu, Goodbye, Columbus“, und mit dem Roman „Anderer Leute Sorgen“ bekannt geworden. Sein neuer Roman „Portnoys Beschwerden“ steht seit dem Frühjahr 1969 auf den US-Bestsellerlisten und hat dem Autor schon weit über vier Millionen Mark (einschließlich der Honorare für die Taschenbuchund Filmrechte) eingebracht. US-Auflage bis heute: 3,1 Millionen. Rowohlts deutsche Erstauflage: 30 000.
Jude Jude Jude Jude Jude Jude!" stöhnt der junge Alexander Partnoy. Es kommt mir schon zu den Ohren raus -- die Legende vom leidenden Juden! Tu mir den Gefallen. mein Volk, und steck dir dein Leidenserbe in deinen Arsch -- ich bin nämlich auch ein Mensch!'
Du lieber Himmel, wie mag dieses Buch in Deutschland gelesen und (miß-)verstanden werden?
"Was wäre wohl aus dir geworden", so fragt vorwurfsvoll Hannah Portnoy ihren Bruder Alexander, das Schandmaul, "wenn du, statt in Amerika, in Europa zur Welt gekommen wärst?" Alexander: "Darum geht es nicht, Hannah." Sie: "Du wärst tot." Er:,. Darum geht es nicht."
Gewiß, darum geht es hier nicht. Und doch: Kann, wer in Europa, wer in Deutschland nun diesen Roman liest, ihn so lesen wie die Amerikaner, die diesen "besten jüdischen Witz aller Zeiten" (so die "New York Times") zum Bestseller gemacht haben -- diesen komischen Roman vom skrupulösen Erotomanen Alexander Portnoy, der seinen Psychiater um Erlösung "von der Rolle des unterdrückten Sohnes im jüdischen Witz" bittet?
Er ist -- ironisches Spiel mit dem Witzklischee von der überwältigenden jüdischen Mutter und ihrem gegängelten Sohn -- allerdings unwiderstehlich und am Ende vielleicht nicht nur für seinen Helden und dessen Autor befreiend: eine Tour de force' mit der Philip Roth die Enge seiner früheren Schriftstellerei hinter sich gelassen hat, Satyrspiel auch auf eine ganze Gattung jüdischamerikanischer "Problem"-Literatur.
Alexander Portnoy, 33, New Jersey, redet sich auf der Couch des Dr. Spielvogel die Beschwerden eines jüdisch -- amerikanisch -- kleinbürgerlich-großstädtischen Phänotyps von der Seele: "Guter Gott, ein jüdischer Mann, dessen Eltern noch leben, ist ein fünfzehnjähriger Knabe und wird es bleiben, bis sie sterben!" Er breitet sein Leiden unter "Mommy" aus, dieser energischen "Schutzheiligen der sich Aufopfernden", die von sich selber sagt, sie sei einfach "zu gut". Er bekennt sein grimmiges Mitleid mit "Poppa", dem spießigen, ausgebeuteten Vater und Versicherungsagenten, der an permanenter Verstopfung leidet, "weil sein Verdauungssystem sich fest in Händen der Firma Sorge. Angst & Pech befindet".
Er bejammert seine Unterdrückung durch das irrationale System von Warnungen, Verboten und Strafen, von Speise- und Hygiene-Vorschriften ("dieses ewige "Paß auf!"'), von Minderwertigkeitskomplexen einerseits und Überlegenheitsansprüchen andererseits ("das gojische Dies und das gojische Das"), dem er durch seine Eltern, diese "größten Erzeuger von Schuldgefühlen unter der Sonne", durch sein Milieu und seinen minoritären Status unterworfen wird.
Und er beredet -- und dies nun wahrlich nicht zu knapp -- seine erziehungs- und milieubedingte sexual-psychische Deformation, die eine dem Roman vorangestellte "wissenschaftliche" Präambel so definiert:
"Portnoy'sche Beschwerden (nach Alexander Portnoy, 1933-), ein abnormer Zustand mentaler Verwirrung, in dem tiefempfundene ethische und altruistische Impulse mit extremen sexuellen Begierden, oftmals perverser Natur, in ständigem Widerstreit liegen. Spielvogel schreibt: "Exhibitionismus, Voyeurtum. Fetischismus, Autoerotismus und Fellatio sind weit verbreitet, doch weder die Wunschvorstellung noch der ausgeführte Akt gewähren wirkliche sexuelle Befriedigung, bewirken vielmehr, bedingt durch die "Moral' des Patienten, ein überwältigendes Gefühl der Scham und der Angst vor Strafe, vornehmlich als Kastrationsphobie
Alexander Portnoy also, der von seiner Mutter sowohl verhätschelte wie terrorisierte Knabe, ist ein wahrhaft -- wahrhaft burlesk -- besessener Onanist, später, auf "gojische" Mädchen fixiert, ein emotional unterentwickelter "Schicksen"-Jäger und, auch mit 33, auch als "Stellvertretender Vorsitzender der New Yorker Städtischen Kommission für Soziale Gerechtigkeit", immer noch Masturbant.
"Schlecht sein und es genießen! Das macht Männer aus uns Knaben, Mutter!", so trotzt er, der kleine Schnödipus, der familiären ethischen Repression. Aber auch mit jenem mundfertigen Mannequin, der "Erfüllung meiner schlüpfrigsten Pubertätsträume"' wird er nicht froh.
Bei einem Besuch in Israel schließlich, endlich nicht mehr zur Minorität gehörig ("Re, hier sind wir die Herrenmenschen"), versagt er vor einer robusten Kibbuz-Heroine, die ihn an Mommy erinnert. Die stämmige Naomi mit dem "keuschen, sozialistischen Mund" kanzelt ihn als Inbegriff des "Diaspora"-Juden ab: "Alles, was Sie sagen, ist irgendwie verbogen und verzerrt, so oder so, damit es "komisch' wirkt."
Grotesk verzerrt ist Alexander Portnoys hysterisches Couch-Lamento in der Tat -- aber auch tatsächlich überwältigend komisch. Der Monolog dieses Asphalt-Schlemihls' diese so rüde wie raffinierte Suada -- vom Autor virtuos als Vehikel der Erzählung gehandhabt -, diese schrille Arie voller Vulgär-Vokabeln und Bajazzo-Schluchzer ist ein Bravourstück moderner komisch-obszöner Literatur.
Am Ende, impotent in Israel, scheint der arme Alexander Portnoy für einen Moment mit sich ins reine zu kommen.
"Sie sind nichts weiter als ein Jude, der sich selbst haßt", so fährt ihn die wehrhafte Naomi an. Doch Portnoy ("Eine jüdische Heilige. Zum Kotzen!") pariert den Angriff: "Ach, Naomi, vielleicht sind das die Besten."
Und dann macht er sich Luft: "Ihr kleinen Heiligen, so ist das Exil! Verführung und Schande! Verworfenheit und Selbstironie! ... Ja, ich bin besudelt, oh, ich bin unrein -. dazu hängt's mir ziemlich zum Hals "raus, meine Liebe, dem Auserwählten Volk immerzu nicht zu genügen!"

DER SPIEGEL 11/1970
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