09.03.1970

THEATER / KOPITApplaus für Greuel

Auf der Bühne palavern Sitting Bull, der Apachen-Häuptling Geronimo und Spotted Tau vom Stamme der Sioux.
Es treten auf: Doc Holliday, Billy the Kid, Jesse James, die Gangsterbraut Beile Starr und General Custer, der die Schlacht am Little Big Horn verlor.
Auch Buffalo Bill ist dabei. Er spricht: "Es fällt mir nicht leicht, so etwas von mir zu sagen. aber ich glaube wirklich, ich bin ein Held, ein richtiger Held, verdammt noch mal."
Zumindest ist er der Held einer historisch-moralischen Wildwest-Schau mit dem Titel "Indianer", die, vom neuen Chef des Deutschen Schauspielhauses Hans Lietzau in Szene gesetzt, letzte Woche in Hamburg deutsche Erstaufführung hatte.
Ihr Autor: der Amerikaner Arthur Kopit, 32, der bisher mit absurden Komödien ("Oh Vater, armer Vater, Mutter hängte dich in den Schrank. und ich bin ganz krank") reüssierte und nun zum erstenmal à la Peter Weiss und Rolf Hochhuth historische Vorfälle dramatisierte -- in einer Revue, die mit aller romantischen Vorstellung von der grausamen Rothaut und dem braven Bleichgesicht gründlich aufräumt,
"Buffalo Bill war einer von jenen Männern, gestählt und mit eisernen Nerven, deren trotziges Fortschreiten den grollen Westen für Besiedlung und Zivilisation öffnete. Sein Name wird immer mit der alten Abenteuerzeit und den Tagen der Pioniere verbunden sein, als die großen Ebenen und die Rocky Mountains für unsere Rasse gewonnen wurden. Er verkörperte jene Züge von Mut, Stärke und selbstsicherer Kühnheit, die für die Wohlfahrt unserer Nation lebenswichtig sind." So sagte einst Präsident Theodore Roosevelt (1858 bis 1919).
Kopit korrigierte solchen Unsinn: Denn In Wirklichkeit war dieser Colonel Cody (1846 bis 1917), der in 17 Monaten 4280 Büffel abgeschossen haben soll und sich dadurch seinen Beinamen verdient hatte, nichts anderes als einer jener häßlichen Amerikaner, die stets das Gute wollen und stets das Böse schaffen.
Er wollte "vielen Leuten helfen". Weißen und Indianern. und konnte dennoch nicht verhindern, daß seine Landsleute die Indianer vertrieben, aushungerten und schlachteten. Er war, so Kopit, "ein Liberaler" und "ohnmächtig, menschliche Veränderung zu bewirken".
Kopit belegt seine Richtigstellung der Historie mit einer Parodie jener "Buffalo Bill's Wild West"-Show, die der wahre Cody zur Propagierung eines verlogenen Western-Mythos als Schaust eher in den USA und in Übersee vorgeführt hatte:
Die Bühne ist ein Zirkusrund, darüber thront ein Blasorchester, gerahmt von bilderbuchbunten Jagd- und Kampfszenen-Tableaus, vom Tonband prasselt Applaus für Greueltaten.
Geronimo, der "grausamste aller lebenden Indianer", wird von Buffalo Bill im Raubtierkäfig vorgeführt; ein russischer Großfürst will auf Nordamerika-Expedition unbedingt einen Indianer erlegen -- er tötet seinen eigenen Späher.
Auch ein "Old Time President" tritt auf. Statt sich die Klagen verhungernder Indianer anzuhören, pokert er lieber mit dem Zug- und Bankräuber Jesse James und bestaunt den Unterleib des Polizistenmörders Billy the Kid. der mit 21 so viele Menschen auf dem Gewissen hatte, wie er Lebensjahre zählte ("Der macht ne Deichsel zum Strohhalm").
Dann wandelt sich die turbulente Zirkusszenerie zum Schlachtfeld am Wounded Knee in South Dakota: Dort haben im Dezember des Jahres 1890 Regierungstruppen 300 Sioux-Indianer niedergemetzelt, davon zwei Drittel Frauen und Kinder -- ein frühes Song My.
"Natürlich sind unsere Herzen bei diesen unschuldigen Opfern", kommentiert ein US-Oberst im Kopit-Stück dieses Massaker, "aber der Krieg ist nun mal kein Honiglecken." Nicht von ungefähr; denn so ähnlich hat es der Autor in der Zeitung gelesen -- als Ausspruch des seinerzeit in Vietnam kommandierenden Generals Westmoreland.
Doch dem Autor und seinem deutschen Regisseur waren solche Parallelen nicht die Hauptsache. Zwar hatte sich Kopit vorgenommen, "die Leute zu unterhalten und zu verstören". Lietzaus Inszenierung unterhielt mit pittoreskem, groteskem und oft komischem Indianerspiel. Verstört hat sie wohl keinen.

DER SPIEGEL 11/1970
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