„ABER CHURCHILL, DEM TRAUE ICH ALLES ZU“
Die große Winteroffensive der Roten Armee, die sich Mitte Januar 1945 auf einer Frontbreite von 700 Kilometern von der Memel bis zu den Karpaten entfaltete, rollte unaufhaltsam in westlicher Richtung. Bis zum 1. Februar -- innerhalb von 18 Angriffstagen -- stießen die Sowjet-Truppen an der Mittelfront bis zu 300 Kilometer vor.
Marschall Schukow stand am 1. Februar 1945 im Abschnitt von Küstrin bereits an der Oder und war dabei, seinen Brückenkopf auf dem westlichen Flußufer zu verstärken. Im Norden erreichte Marschall Rokossowski zur gleichen Zeit die Danziger Bucht: Kurland und Ostpreußen waren vom übrigen Deutschland abgeschnitten.
Im Süden brach Marschall Konjew nach der Einnahme Krakaus in Oberschlesien ein und drang bis Breslau vor. Das schlesische Industrierevier, das "östliche Ruhrgebiet" des Reiches, im Frühjahr 1945 eine der wichtigsten Rüstungskammern Hitlers, fiel in wenigen Tagen fast unversehrt in die Hände des Marschalls.
Ein Rätsel bedeuteten für Stalin indessen die Operationen seiner Verbündeten, die sich von der Schlappe bei den Ardennen im Dezember 1944 anscheinend noch immer nicht vollständig erholt hatten. Für Moskau waren Angriffstempo und Aktivität der anglo-amerikanischen Truppen im Westen viel zu langsam und viel zu umständlich -- vom italienischen Kriegsschauplatz ganz zu schweigen.
Stalin begriff es nicht, daß SHAEF (Oberkommando der Westalliierten) alle seine Operationen mit übertriebener Vorsicht plante und sich dabei vom Grundsatz leiten ließ, das Leben der eigenen Soldaten möglichst zu schonen -- ein Prinzip, das bei der Roten Armee unbekannt war.
Da zwischen dem SHAEF in Paris und der "Stawka" (Oberkommando der Roten Armee) in Moskau keine unmittelbare Verbindung bestand -- weder die Russen noch die Westalliierten unterhielten Verbindungsstäbe in den Hauptquartieren -, stammten die militärischen Informationen der Roten Armee über die Operationen ihrer Kriegspartner nur aus Meldungen westlicher Nachrichtendienste -- und aus den Berichten des sowjetischen Geheimdienstes. Auf eine Zusammenarbeit der beiden Nachrichtendienste legte Stalin keinen Wert. Einige recht zweifelhafte Meldungen aus alliierter Quelle machten den Sowjet-Diktator aber mißtrauisch gegenüber seinen Verbündeten.
Dazu gehört die Nachricht Über eine Verlegung der 6. SS-Panzerarmee vom Westen nach dem Osten. Der amerikanische Generalstabschef Marshall informierte den sowjetischen Generalstab darüber durch den Chef der amerikanischen Militärkommission in der Sowjet-Union, General John R. Deane, am 20. Februar 1945. Danach sollten die vier aufgefrischten SS-Panzerdivisionen mit ihren Spezialtruppen in den Raum Wien und Mährisch-Ostrau verlegt werden, um gemeinsam mit einer anderen, ähnlich starken deutschen Gruppierung (die aus Pommern in Richtung Thorn antreten sollte) die nach Berlin vorgestoßenen russischen Kräfte in die Zange zu nehmen.
Diese westliche Information war eine Falschmeldung. Heute weiß man, daß eine solche Operation in jener Zeit im deutschen Generalstab tatsächlich erwogen wurde; Hitler wollte aber davon nichts hören. Gegen den Willen seines Generalstabschefs Guderian befahl er, den SS-Verband nach Ungarn zu verlegen, weil die Russen seiner Ansicht nach dort mit Truppen minderer Qualität und balkanischen Bundesgenossen kämpften, so daß ein Sieg leicht zu erringen sei.
Stalin jedoch rechnete nach den westlichen Falschmeldungen mit der Möglichkeit eines deutschen Gegenangriffs an der mittleren Ostfront. Er ließ daher an diesen Frontstellen Gegenmaßnahmen vorbereiten. Vor allem Schukows Oder-Brückenkopf und Konjews Schlesien-Position sah er als gefährdet an.
Dann aber führten die Deutschen einen (allerdings begrenzten) Entlastungsangriff südlich der Karpaten, an der oberen Donau im Raum von Gran. Drei Infanteriedivisionen des Heeres, durch zwei SS-Panzerdivisionen verstärkt, begannen am 18. Februar 1945 die Operation "Südwind" und nahmen den Russen in heftigen Kämpfen den Gran-Brückenkopf wieder ab. Es stellte sich heraus, daß hier die ersten Divisionen der 6. SS-Panzerarmee im Einsatz waren.
Sowjet-Marschall Tolbuchin, der den Angriff gegen Wien vorbereitete, wurde daraufhin von der Stawka gewarnt. "Marschall Tolbuchin ist es gelungen, eine Katastrophe zu vermeiden ... unter anderem deshalb, weil meine Gewährsleute, wenn auch mit einiger Verspätung, den deutschen Plan für diesen Großangriff aufdeckten" -- schrieb später Stalin noch höflich an Präsident F. D. Roosevelt.
Die Reaktion der sowjetischen Militärs auf die falsche Information der Amerikaner war schroffer. General Antonow, der sowjetische Generalstabschef, ließ den Übermittler Deane wissen: "Die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, daß gewisse Quellen dieser Information das Ziel verfolgen, das anglo-amerikanische wie auch das sowjetische Oberkommando irrezuführen und die Aufmerksamkeit des sowjetischen Oberkommandos von dem Gebiet abzulenken, in dem die Deutschen die Hauptangriffsoperation an der Ostfront vorbereiteten."
Nach den ersten Märztagen änderte sich die Lage zunehmend. Die deutsche Märzoffensive in Ungarn, das Unternehmen "Frühlingserwachen", ausgetragen durch mehr als 16 Divisionen (darunter sechs Panzerdivisionen), belehrte die Stawka darüber, daß der deutsche Widerstand noch keineswegs gebrochen war.
Auch an den Oder-, Schlesien- und Kurlandfronten versteifte sich der Widerstand. Hinzu kam, daß die alliierten Truppen, kaum hatten sie den Rhein überschritten, ihren Vormarsch ins Herz Deutschlands nun in ungewohnt raschem Tempo vorantrieben. Es schien Moskau, als ob die deutsche Wehrmacht den Widerstand gegenüber den Truppen Eisenhowers und Montgomerys bereits eingestellt hätte.
Den krankhaft argwöhnischen Stalin ließ offenbar der Gedanke nicht los, der deutsche Rückzug im Westen sei
* Am Tisch Stalin (2. v. l.), Roosevelt (2. v. r.) und Churchill (vorn links mit Zigarre).
nicht mit dem Nachlassen des deutschen Kampfgeistes zu erklären, sondern mit politischen Motiven. Ende März schrieb Stalin nach Washington: Es fällt schwer, sich die Erklärung zu eigen zu machen, daß die Deutschen an der Westfront einzig und allein deshalb keinen Widerstand leisten, weil sie geschlagen worden sind. Die Deutschen verfügen an der Ostfront über 147 Divisionen, Sie könnten, ohne sich zu schaden, 15 bis 20 Divisionen von der Ostfront abziehen und zur Unterstützung ihrer Truppen an die Westfront werfen.
Die Deutschen haben dies jedoch nicht getan und tun das auch jetzt nicht. Sie schlagen sich wie irrsinnig mit den Russen um irgendeine fast unbekannte Bahnstation Zemlenice in der Tschechoslowakei, die ihnen soviel nützt wie einem Toten heiße Umschläge, während sie gleichzeitig im Zentrum Deutschlands ohne jeden Widerstand so wichtige Städte wie Osnabrück, Mannheim und Kassel aufgeben. Sie werden zugeben. daß ein solches Verhalten der Deutschen mehr als seltsam und unverständlich ist.
Der Verdacht, Deutsche und Anglo-Amerikaner könnten einen Separatfrieden schließen, verstärkte sich bei Stalin -- genährt durch einige "merkwürdige" Tatsachen, so durch die geheimen Verhandlungen Himmlers mit dem schwedischen Grafen Bernadotte Ende Februar und die Kontakte zwischen SS-Obergruppenführer Wolff und den Vertretern des alliierten Oberkommandos in Italien. Diese Verhandlungen wurden in der neutralen Schweiz geführt, einem Land, in dem es bis 1946 keine sowjetische diplomatische Vertretung gab.
Der sowjetische Nachrichtendienst bekam Kenntnis von den Verhandlungen. Da Stalin der SS und Himmler eine gleich wichtige Rolle in der deutschen Staatshierarchie beimaß wie dem NKWD in der Sowjet-Union, konnte er kaum daran zweifeln, daß die Geheimgespräche zwischen Deutschen und Westalliierten nur von Hitler persönlich angeregt sein konnten.
Hatte Hitler nicht am 24. Februar in einer Proklamation erklärt, daß im Krieg "noch in diesem Jahr die geschichtliche Wende eintritt", hatte Hitler nicht schon während des Krieges einige Male versucht, mit dem Westen zu einem Separatfrieden zu kommen, um dadurch freie Hand gegen die UdSSR zu erhalten?
Auch vom ideologischen Standpunkt aus war es für Stalin durchaus denkbar, daß sich die kapitalistischen Länder England und Deutschland, wenn sie sich zur Zeit auch bekämpften, dennoch verständigen könnten, um sich gegen den gemeinsamen politischen Feind, die Sowjetunion, zu wenden.
Konnten die Engländer vielleicht erfreut sein, daß die Rote Armee nun an der oberen Donau und an der Oder stand? War es nicht ein begreiflicher Schritt von Hitler, die mißliche Kriegs-Lage durch ein diplomatisches Ränkespiel zu meistern?
Hinzu kamen die Kontroversen zwischen Stalin und seinen Verbündeten in der Außenpolitik. Die Entwicklung im befreiten Polen, die Lage in Sofia und Bukarest führte Ende Februar! Anfang März zu einer spürbaren Abkühlung zwischen Russen und Anglo-Amerikanern. Es war eine Situation entstanden, die am besten mit den Dezember-Ereignissen in Griechenland zu vergleichen war, als kommunistische Partisanen die Machtergreifung anstrebten und Churchill mit britischen Truppen intervenierte.
Das alte Mißtrauen Stalins gegenüber den westlichen kapitalistischen Mächten nahm den Kremlherrn in der zweiten Hälfte des März seelisch und gesundheitlich sehr mit. Aus den Schukow-Memoiren geht hervor, wie Stalin in jenen Tagen -- in denen er sich eigentlich über den zum Greifen nahen Sieg freuen konnte -- "müde. abgespannt (war) und sichtlich unter Depressionen" stand.
Am 29. März konferierte Stalin mit Schukow und sagte ihm, die deutsche Front im Westen sei total zusammengebrochen, anscheinend mache dies aber auf die Deutschen überhaupt keinen Eindruck. Dann zeigte er auf die Karte mit den neuesten Eintragungen über den Stand der deutschen Truppen im Osten. Während Schukow die Karte studierte, griff Stalin zu einer Mappe, auf der "Streng geheim" stand. Stalin entnahm ihr einen Brief und gab ihn Schukow mit den Worten: "Lesen Sie nur!"
Schukow ·."Der Brief stammte von einem ausländischen Freund unseres Staates. Er berichtete uns über die Geheimverhandlungen der Hitleristen mit unseren westlichen Verbündeten. Die Hitleristen hätten angeboten, den Kampf gegen den Westen aufzugeben, wenn man einen Separatfrieden mit ihnen schließen würde. Der Brief sprach auch davon, daß es durchaus möglich sei, daß die Deutschen den westlichen Truppen einen Weg nach Berlin öffnen würden."
"Nun, was sagen Sie dazu?" fragte Stalin den Marschall, und ohne auf eine Antwort zu warten, meinte er: "Ich hoffe, Roosevelt wird das Abkommen von Jalta nicht brechen. Aber Churchill, dem traue ich alles zu ..."
Zu dieser Zeit hatte Stalin schon Eisenhowers Telegramm bekommen, in dem der Alliierte Oberbefehlshaber mitteilte, seine Truppen dächten nicht daran, Berlin von Westen her anzugreifen. Ihr Ziel sei es vielmehr, "auf der Linie Erfurt-Leipzig gegen die obere Elbe vorzugehen, um sich dort mit der Roten Armee zu vereinigen".
Eisenhower wurde für diese telegraphische Mitteilung an Stalin von seinen eigenen Leuten später scharf kritisiert. Auch als Oberbefehlshaber der Alliierten Streitkräfte in Europa sei er nicht berechtigt gewesen, ohne Konsultation des gemeinsamen Generalstabs den Russen Mitteilungen über die nächsten Ziele der alliierten Operationen zu machen. Es war das erstemal, daß die Anglo-Amerikaner den Russen so detaillierte Angaben über ihre Angriffspläne zuleiteten. Und eben diese Tatsache verstärkte Stalins Mißtrauen.
Sollte die ungewöhnliche Offenheit nicht eine Falle sein, um die Rote Armee von ihrem unmittelbaren Ziel, der Einnahme Berlins, abzulenken? Die Verhandlungen in der Schweiz, der harte deutsche Widerstand an der Ostfront, der rasche und ungehinderte Vormarsch der Alliierten im Westen und nun Eisenhowers Telegramm, das von einem Desinteresse an Berlin sprach -- das alles fügte sich für Stalin zu dem Bild eines großen Verrates zusammen.
Über dieses Bild schreibt Marschall Konjew, Oberbefehlshaber der 1. Ukrainischen Front, der im Frühjahr 1945 mit seiner Heeresgruppe an der Oder-Neiße-Linie stand, in seinen Memoiren:
Heule ist es eine historische Tatsache, daß es Hitler und seiner Umgebung nicht gelang, einen Separatfrieden mit den Anglo-Amerikanern abzuschließen. Wir wallten schon damals nicht glauben, daß unsere Verbündeten einen solchen Schritt unternehmen würden. Aber in der damaligen Zeit, als sich nicht nur zahlreiche Tatsachen (sic!) darüber in unseren Händen befanden, sondern auch unsere Kopfe voll von Gerüchten waren, hatten wir kein Recht, die Möglichkeit eines Separatfriedens außer acht zu lassen. Diese Umstände trugen noch dazu bei, daß die Operationen um Berlin zusätzliche Bedeutung für uns erhielten.
Stalin entschied sich zu einer Flucht nach vorn. Marschall Malinowski und Marschall Tolbuchin, die für die Kriegsoperationen im Donauraum verantwortlich waren, erhielten strikten Befehl, trotz des versteiften deutsch-ungarischen Widerstandes die Operationen in Richtung Wien zu intensivieren. Für dieses Ziel erhielt! Tolbuchin eine neue Armee, die 9, Gardearmee, bestehend aus zehn Divisionen; die 6. Gardepanzerarmee wurde vollständig aufgefrischt.
Während die Rote Armee im Donauraum am 16. März in einer Offensive gegen die deutsche Heeresgruppe Süd antrat, wurden die Vorbereitungen einer Großoffensive gegen Berlin -- auf breiter Front nördlich der Karpaten -- mit Riesenschritten vorangetrieben. Dabei dachte Moskaus Führung nicht nur an eine Offensive.
Stalin betrachtete die Oder-Linie nicht nur als Ausgangspunkt für die Berlin-Offensive, sondern auch als eine Auffang- und Verteidigungslinie für den Fall, daß die Rote Armee westlich ·der Oder zum Rückzug gezwungen würde.
Untersucht man die Leistungen der Pioniertruppen bei der 1. Belorussischen Front (Schukow), dann fällt auf, daß die Pioniere an der Oder-Linie allein für die Artillerie 4500 Stellungen (das heißt: 50 Stellungen je Frontkilometer) ausgehoben haben. Zu Beginn der Berlin-Operationen waren im Küstriner Brückenkopf allein 636 Kilometer Gräben und Verbindungsgräben angelegt. Das bedeutet bis zu sieben Kilometer Graben je Frontkilometer -und das für eine Angriffsoperation.
Im Bereich der 1. Belorussischen Front wurde ein separater, riesiger Luftwaffenverband von 800 Langstreckenbombern bereitgestellt. Galt dies der deutschen Wehrmacht, die, wenn auch noch kämpfend, bereits am Boden lag? Die rote Luftwaffe hatte in keiner Phase des Krieges die Bodenkämpfe der Truppe durch systematische Luftangriffe unterstützt.
Außerdem war dieser Mammut-Verband hauptsächlich mit Langstreckenbombern ausgerüstet, die eine durchschnittliche Reichweite von 2500 bis 5500 Kilometer hatten (Typ Tu-2 und Pe-8). Was nützte er den Sowjets, wenn Deutschland zu dieser Zeit schon auf einige hundert Kilometer Breite zusammengeschrumpft war, und -- als am 13. April die Amerikaner die Elbe erreichten -- die Entfernung zwischen den Russen und ihren West-Verbündeten höchstens 150 Kilometer betrug?
Auch andere Vorkehrungen zeugen von Stalins Vorbeugemaßnahmen für den Fall eines Frontwechsels seiner Verbündeten. Silvio Bertoldi, Autor des Buches "I Tedeschi in Italia", zitiert ein Gespräch mit dem deutschen Sonderbotschafter Rudolf Rahn, der Ende März eine Botschaft Stalins an den jugoslawischen Marschall Tito abgefangen hatte. Danach drängte der Kremlherr die Jugoslawen, ihre Truppen für eine Besetzung Oberitaliens bereitzustellen, also nicht nur Triest zu nehmen, sondern weiter gegen die Po-Ebene vorzudringen.
Die größte Aufmerksamkeit schenkte Stalin jedoch Berlin. Eisenhowers Mitteilungen, daß die anglo-amerikanischen Truppen nicht nach Berlin vorzustoßen gedenken, hielt er für eine taktische Finte. Seine Antwort an den Oberbefehlshaber der alliierten Truppen im Westen war auch dementsprechend. Am Abend des 29. März telegraphierte Stalin an Eisenhower:
ich habe Ihr Telegramm vom 28. März erhalten: Ihr Plan, durch Vereinigung mit den sowjetischen Streitkräften die deutschen Truppen zu zerteilen, entspricht völlig dem Plan des sowjetischen Oberkommandos ... Die Vereinigung der beiden Fronten sollte im Raum Erfurt-Leipzig-Dresden erfolgen, während ein zweites Treffen im Raum Wien-Linz-Regensburg stattfinden könnte. Die sowjetischen Streitkräfte werden ihren Hauptstoß In dieser Richtung führen. Berlin hat seine frühere strategische Bedeutung vorlagen. Das sowjetische Oberkommando wird deshalb zum Angriff auf Berlin nur Truppen der zweiten Linie einsetzen. Der Zeitpunkt des sowjetischen Hauptangriffs wird wahrscheinlich in der zweiten Maihälfte liegen.
Drei Tage später, am 1. April, wurden jedoch die Marschälle Schukow und Konjew in den Kreml beordert. Stalin besprach mit ihnen die Frontlage und legte ihnen nahe, die Angriffsoperationen auf Berlin so früh wie möglich auszulösen. Als Grund für die Eile gab er -- so Konjew in seinen Memoiren -- das Eisenhower-Telegramm an, in dem angeblich mitgeteilt worden sei, die Westmächte wollten Berlin erobern.
Konjew: "Der abschließende Teil des Telegramms gab uns bekannt, das Oberkommando der westlichen Alliierten wolle die Eroberung Berlins, die ursprünglich der Roten Armee zugedacht war, mit englischen Truppen realisieren und treibe mit voller Kraft die Vorbereitungen dazu voran.
Nun mußte der gesamte Operationsplan der Stawka für die Berlin-Eroberung überarbeitet werden. Der ursprünglich auf den 20. April geplante Großangriff wurde auf den 16. April vorverlegt, wobei es noch nicht sicher war, daß Rokossowskis Heeresgruppe den Aufmarsch an der Oder rechtzeitig beenden könne. Die Hauptlast des Angriffs lag nach wie vor bei Schukows 1. Belorussischer Front.
Während der letzten Vorbereitungen für die umfangreichste Operation des Zweiten Weltkriegs auf sowjetischer Seite traf die Nachricht vom plötzlichen Tode Präsident Roosevelts ein -- sie steigerte das Mißtrauen Stalins gegenüber seinen Verbündeten.
"Das war ein schwerer Schlag", schrieb Ilja Ehrenburg in seinen Memoiren über jenen 12. April. "Aus der heutigen Perspektive sehen wir deutlich, daß Roosevelt einer jener wenigen Staatsmänner Amerikas war, die das Friedensklima erneuern und die guten Beziehungen zur Sowjet-Union wahren wollten. Moskau zeigte Trauerfahnen. Alle rätselten daran herum, was der neue Präsident Truman wohl tun würde."
Goebbels dagegen jubelte. Er propagierte sofort einen historischen Vergleich zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Siebenjährigen Krieg. Durch den plötzlichen Tod der Zarin Elisabeth war 1762 das gegen Friedrich den Großen gerichtete Bündnis zwischen Osterreich und Rußland zerbrochen -- was Preußen vor der totalen Niederlage rettete. Roosevelts Tod -- so die deutsche Propaganda -- werde jetzt auch die Allianz zwischen Ost und West zerstören und das Deutsche Reich retten.
Hitlers Tagesbefehl vom 13. April ("Berlin bleibt deutsch, Wien wird wieder deutsch, und Europa wird niemals russisch!") schien die Befürchtungen des Kreml zu bestätigen. Truman war ihnen ohnehin kein Unbekannter. Als demokratischer Senator hatte er 1941 scharfe Aufsätze gegen den Kommunismus geschrieben. Aus Stalins Sicht war höchste Vorsicht geboten -- der Sowjetarmee wurden neue Sicherheitsmaßnahmen verordnet.
Schon am 13. April erhielt Marschall Tolbuchin in Österreich den Befehl, alle weiteren Angriffshandlungen einzustellen. Die 9. Gardearmee sollte aus der Hauptkampflinie herausgelöst und als Reserve in die Wälder westlich und südwestlich des bereits eroberten Wien verlegt werden. Jeder weitere Vormarsch nach Westen wurde Tolbuchin untersagt. Die von der 3. Ukrainischen Front erreichte Linie (March -- Stockerau -- Sankt Pölten -- westlich Gloggnitz -- ostwärts Maribor und weiter das linke Drau-Ufer entlang) mußte befestigt, die Truppen mußten zur Verteidigung umgruppiert werden.
Der Oberbefehlshaber der deutschen Heeresgruppe Süd, Generaloberst Lothar Rendulic, stand vor einem Rätsel. In seinen Erinnerungen schreibt er: In der zweiten Aprilhälfte konnte die merkwürdige Tatsache festgestellt werden, daß die Russen vor der Heeresgruppe an der Ausgestaltung eines etwa 20 Kilometer tiefen Verteidigungssystems arbeiteten. Den Sinn dieser Maßnahme vermochten wir nicht zu deuten, da die Russen doch nicht mit einer Offensive von unserer Seite rechnen konnten. Sonderbar mutete euch der Nachdruck an, mit dem sie von ihren Truppen und von der Zivilbevölkerung die Anlage von Luftschutzeinrichtungen und Splittergräben forderten, obwohl sich schon seit Wochen kein deutsches Kampfflugzeug in der Luft zeigte und deutsche Luftangriffe nicht mehr zu erwarten waren.
Dann setzte in den letzten Apriltagen am größten Teil der Front südlich der Donau russische Lautsprecherpropaganda ein, bei der die Sätze immer erneut wiederholt wurden: "Der größte Verrat der Weltgeschichte bohnt sich an. Wenn ihr nicht mit den kapitalistischen Mächten gegen uns weiterkämpfen wollt, dann kommt zu uns herüber!" Wir zerbrochen uns darüber den Kopf. Hierbei kam mir immer wieder die Mitteilung des OKW über eine Beendigung dieses Krieges auf politischem Wege vor Augen. Letzten Endes mußten wir den Eindruck bekommen, daß die Russen damit rechneten. die angelsächsischen Mächte würden sich nun gegen sie wenden!"
Für diese mögliche Fortsetzung des Krieges mit neuen Fronten suchten die Russen neue Bundesgenossen -- und zwar bei den Deutschen.
Noch Ende Januar/Anfang Februar 1945 waren Schukows Soldaten an den deutschen Ostgrenzen mit riesigen Schildern der Moskauer Polit-Propaganda empfangen worden, auf denen zu lesen stand: "Rotarmist: Du stehst jetzt auf deutschem Boden -- die Stunde der Rache hat geschlagen!" Ilja Ehrenburgs Haßtiraden -- "Töte, Rotarmist, töte! Es gibt keine unschuldigen Deutschen. Die Deutschen haben keine Seele!" -- machten in der Roten Armee die Runde.
Im April wurde die Haß-Propaganda plötzlich eingestellt. Neue Tafeln mit neuen Inschriften zitierten nun Stalin, der sagte: "Die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk, der deutsche Staat bleibt" Und Ehrenburg mußte am 17. April in der "Prawda" lesen, daß er sich "irrte" und seine Artikel das Verhältnis zu den Deutschen "simplifizierten".
Ehrenburg beklagte sich später: "Der Redakteur des "Roten Stern" (des Armeeblatts) fuhr mich an, als sei ich Soldat in einer Strafkompanie." Bis zum 10. Mai 1945, einen Tag nach dem Sieg, durfte kein Artikel Ehrenburgs mehr gedruckt werden. Der Starjournalist erhielt auch keine Erlaubnis, Deutschland zu besuchen.
Am 16. April begann die entscheidende Schlacht der Roten Armee um Berlin. Am 25. April trafen sich Amerikaner und Russen an der Elbe bei Torgau -- auch der russische Ring um Berlin schloß sich an diesem Tag.
Für Stalin waren beide Ereignisse von größter Bedeutung. Konjew, dessen Truppen als erste auf die Amerikaner stießen, mußte dem Kremlherrn über dieses historische West-Ost-Treffen sehr ausführlich berichten. Er sprach von einem äußerst warmen Empfang durch die "Amerikanski".
Aber gleichzeitig traf in Moskau die Meldung ein, daß sich die 12. Armee des General Wenck ohne Schwierigkeiten von der amerikanischen Front gelöst habe und nun auf Berlin marschiere, um die Stadt zu entsetzen.
Für Stalin stellte sich die Frage: Würden die Amerikaner nachstoßen, ihre in Jalta vereinbarte Demarkationslinie überschreiten und Berlin vor der Roten Armee erreichen? Die Vertrauenskrise zwischen dem Kreml und den Westalliierten schien sich noch einmal gefährlich zuzuspitzen.
Sie löste sich erst auf, als am 29. April Wenck in der Zange zweier russischer Armeen bei Potsdam den Rückzug antreten mußte und deutlich wurde, daß weder Eisenhowers noch Montgomerys Truppen den Auftrag hatten, einen Vorstoß über die Elbe in Richtung Osten zu unternehmen.