10.11.1969

KIRCHE / STEUERAuf Wunsch würdig

Die Absender verschwiegen ihre Namen und nannten ihre Meinung: "Euch hat der Teufel schon im Nacken", vermutete einer, und eine "normal denkende Hausfrau" versprach: "Euch scheißen wir was, statt aus der Kirche auszutreten."
Adressat dieser Briefe war der in Nürnberg ansässige "Bund für Geistesfreiheit", der 2500 Mitglieder zählt und bis zum vergangenen Sonntag eine "Informationswoche zum Kirchenaustritt" veranstaltete. Hauptargument für den Austritt: die Kirchensteuer, durch die den Kirchen "ungeheure Gelder zugeführt" würden.
Bislang wetterten nur einzelne Kirchensteuer-Zahler gegen den frommen Aderlaß und drohten mit Austritt. Sie forderten vor Kirchentagen und Gerichten, die Steuer zu senken oder sogar abzuschaffen.
Nun aber wurde in Nürnberg der Kampf gegen die Kirchensteuer und für den Austritt zum erstenmal auf offener Straße ausgetragen. Am Hauptmarkt, an der Lorenzkirche und am Weißen Turm waren Stände aufgebaut, vor denen 50 000 rote Flugblätter verteilt wurden. Darin wurde gebeten, sich doch "bitte als modern und fortschrittlich denkender Mensch" zu entscheiden und die Kirche zu verlassen.
Doch die Flugblattverteiler fochten nicht unmittelbar in eigener Sache. Sie sind keine Kirchensteuer-Zahler. Der Nürnberger "Bund für Geistesfreiheit"" dem der pensionierte Personalchef der Stadtverwaltung Wilhelm Adler präsidiert, ist eine von rund 260 Ortsgruppen, die dem "Bund freireligiöser Gemeinden Deutschlands" -- mit 100 000 Mitgliedern -- angehören.
Die Nürnberger Freigeistler organisierten sich vor 120 Jahren. Und wie alle "deutschkatholischen", "freichristlichen" oder "freireligiösen Gemein-. den", die zu jener Zeit in Deutschland entstanden, steuerten auch sie gleich einen scharf antiklerikalen Kurs.
Dieser Kurs gilt heute noch. Und damit möglichst viele Christen der Kirche den Rücken kehren, weisen Nürnbergs Freireligiöse vor allem darauf hin, daß die "internationale Finanzmacht katholische Kirche: Vermögen von 40 bis 60 Milliarden Mark" und die "katholische und evangelische Kirche in der Bundesrepublik: Kapitalvermögen von sechs Milliarden Mark" durch die staatlich eingezogene Kirchensteuer immer reicher würden.
Wer nur wegen kirchlicher Taufen, Hochzeiten oder Beerdigungen noch seine Kirchensteuer bezahlt, wird im Nürnberger Abwerbe-Prospekt für den Austritts-Fall beruhigt: "Unsere Sprecher gestalten auf Wunsch würdige Feiern zu Geburt, Reife, Vermählung und Tod."
Den Milliarden-Rechnungen der Freigeistler begegnete der Nürnberger evangelische Dekan und Kirchenrat Fritz Kelber mit statistischen Daten aus der Haustierhaltung. Von der Kanzel verkündete er am Reformationstag -- kurz vor der Aktion pro Kirchenaustritt und kontra Kirchensteuer:
"Der Jahresumsatz der westdeutschen Tiernahrungsmittel-Industrie beträgt genausoviel wie die jährlichen Kirchensteuer-Einkommen beider Kirchen, nämlich drei Milliarden Mark." Das "jährliche Hundesteueraufkommen in der Bundesrepublik" sei mit 150 Millionen Mark ebenso hoch wie die Kirchensteuer-Einnahmen der evangelischen Kirche in Bayern. Die Kelber-Vergleiche werden nächste Woche in 127 000 Sonderdrucken verbreitet,
Kelbers katholischer Kollege Dekan Paul Holzmann dagegen schwieg in der Öffentlichkeit; denn er wertet den Nürnberger Straßen-Kampf positiv: "Mancher, der durch die Aktion angesprochen wird, denkt vielleicht erstmals über seinen Glauben nach."
Nach langjähriger Erfahrung der Kirchen führt Arger über Kirchensteuer seltener zu Austritten als beispielsweise Mischehen.
Zwar hat in fast allen bundesdeutschen Großstädten die Zahl der Austritte aus der evangelischen Kirche im ersten Halbjahr dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahr "um etwa 50 Prozent" zugenommen, wie Dr. Paul Zieger, der Chefstatistiker der Evangelischen Kirche in Deutschland, schätzt. Doch warum von 10 000 Christen nicht mehr zehn, wie es die Regel war, sondern jetzt bereits 15 absprangen, vermag noch kein Kirchenmann schlüssig zu deuten.
Das Standesamt der 466 000-Einwohner-Stadt Nürnberg registrierte 1968 insgesamt 886 Kirchenaustritte, bis Oktober 1969 aber schon 700.
Nürnbergs Ober-Freigeist Wilhelm Adler glaubt: "Dieser Trend wird nach unserer Aktion sicherlich noch stärker werden."

DER SPIEGEL 46/1969
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