23.01.1967

BELGIEN / FÜHRERSCHEINEFahrt in den Tod

Maurice Simon aus Gilli in Belgien kaufte einen Opel Rekord, ließ sich Gaspedal und Schaltung zeigen, fuhr los und drei Menschen tot. Die Tat brachte ihm nicht einmal Fahrverbot -- drei Tage später baute er den nächsten Unfall. Daraufhin schoß ihm seine Schwiegermutter eine Kugel durch die Kehle.
Simon hatte nie zuvor am Steuer gesessen. Wie alle Belgier brauchte er bisher keinen Führerschein. 18 Jahre Lebensalter genügten, um die Straßen der Welt unsicher zu machen. Allein 1966 waren belgische Autobusse an zwölf schweren Unfällen mit 41 Toten und 146 Verletzten beteiligt.
Mit Rücksicht auf den individualistischen Sinn der Belgier, die jede Reglementierung als Eingriff in ihre Privatsphäre ablehnen. wagte es keine Regierung. ihren Automobilisten eine Fahrprüfung zuzumuten.
Erst am 1. Januar 1967 führte Belgien Führerscheine ein -- mit fast einem halben Jahrhundert Verspätung hinter den Nachbarländern Deutschland (1909). Frankreich (1899) und den Niederlanden (1927).
Für die kommenden zwei Jahre hat die Regierung vier Millionen Führerscheine drucken lassen. Aber bessere Fahrer werden die Belgier damit kaum werden. Denn das Papier bekommen die bisherigen Chauffeure ohne weiteres gegen eine Gebühr von 20 Mark:
* die über 23jährigen, wenn sie eine schriftliche Erklärung unterschreiben, daß sie die Verkehrsregeln kennen und fahren können;
* die 18- bis 23jährigen nach einer theoretischen Prüfung;
* die am 1. Januar 1967 unter 18jährigen, wenn sie sechs Monate lang ein mit "L" (für Lehrling) gekennzeichnetes Auto gefahren haben, das Autobahn und Ausland meiden muß sowie 70 Kilometer pro Stunde nicht überschreiten darf.
Lediglich die Belgier. die erst nach dem 1. Januar 1967 einen Führerschein beantragten, müssen die Fahrschule -- mit zehn nachgewiesenen Stunden -- absolvieren.
In der vorletzten Woche strich der Bürgermeister von Gent als erster Führerschein-Inhaber des Königreichs Belgien liebevoll über sein Dokument. Da verwischten sich die Eintragungen ins Unlesbare: Schreibmaschinen- und Tintenschrift blieben auf dem Leinenpapier nicht haften; haltbare Kugelschreiberschrift erlaubt Belgiens Bürokratie für amtliche Eintragungen nicht.
Noch einmal frohlockten die belgischen Auto-Autodidakten. Denn die Führerscheine waren bereits gedruckt und verschickt worden. Die Regierung beriet, ob man sie wieder einsammeln und einstampfen müsse.
Da bewies eine Probe: Läßt man die Maschinenschrift fünf Minuten lang trocknen, sind auch die jüngsten Führerscheine der Welt brauchbar.

DER SPIEGEL 5/1967
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