16.01.1967

MARX BROTHERSChuzpe unter Brüdern

Ihr "Marxismus" erschüttert die Welt mit Gelächter. Bei ihren Filmen grinsten, kicherten und brüllten, krümmten und kugelten sich Amerikaner und Europäer, Biederleute wie Eierköpfe.
Von den Stückeschreibern Samuel Beckett und Eugène Ionesco wurden die vier als Pioniere absurder Schauspielkunst verehrt. Salvador Dalí schenkte ihnen, durchaus stilgerecht, eine Harte mit Saiten aus Stacheldraht.
Und Grand Old Winston Churchill war mitten im Krieg, 1941, derart auf ihre Faxen versessen, daß ihn nicht einmal die Nachricht von der schottischen Bruchlandung des Vize-Führers Rudolf Heß aus dem Kinosessel treiben konnte. Er ließ sich erst 90 Minuten vom Irrsinn schütteln, bevor er Aufklärung über die Niederkunft des braunen Flüchtlings verlangte.
Mochten die Marx Brothers, kaum weniger berühmt als der große Charlie Chaplin, auch den schönsten Blödsinn machen, seit der Film 1928 Töne bekam -- eine Grenze blieb ihrem internationalen Ruhm gesetzt: die Dritte-Reichs-Grenze.
In Hitlers Staat waren die lachhaften Brüder Chico, Groucho, Harpo und Zeppo Marx so unerwünscht wie ihr Namensvetter Karl ("Das Kapital"). Und auch nach dem Krieg kamen sie in Deutschland nicht an. Ein einziger ihrer Filme, Ende der vierziger Jahre importiert, fand dank mäßiger Synchronisation nur mäßige Begeisterung.
Aber jetzt sind die Brüder endlich im Kommen. Schon im vergangenen Jahr, während der Wiener Film-Viennale 1966", hatte das "Österreichische Filmmuseum" zwölf der insgesamt dreizehn marxistischen Kinostücke im Original dargeboten.
In diesem Jahr will das deutsche Fernsehen die Chuzpe der Marx Brothers nun auch seinem Publikum vor Augen führen: Am Montag dieser Woche strahlt die ARD die Marx-Groteske "The Cocoanuts" (1929) mit deutschen Zwischentiteln aus; vier weitere Filme in deutscher Sprache ("Die Marx Brothers auf See", 1931; "... im Krieg", 1933; "... in der Oper", 1935; "... im Kaufhaus", 1941) werden folgen. Und das ZDF will "Go West" (1940) senden.
Serviert wird damit eine mörderische Mischung von Zirkus, Musical und Märchen, von" Klamauk, Poesie, schlimmsten Kalauern und witzigsten Wortspielen. Ob auf See oder im Krieg, in der Oper oder im Kaufhaus -- bei den Marx-Clowns ist alles möglich, Absurdes und Abstruses. Sie wirbeln, delirisch beflügelt, durch eine verrückte Zivilisation und spielen allemal die gleichen Rollen:
Groucho, mit aufgemaltem Schnurrbart, dicker Zigarre und scheel rollenden Augen hinter randloser Brille, ist der smart und unaufhörlich quasselnde Rechtsanwalt, Detektiv, Kurpfuscher, Manager, Impresario oder gar Staatspräsident -- auf jeden Fall ein skrupelloser, öliger Hochstapler und Beutelschneider.
Chico, mal italienischer Eismann, mal tschechischer Fischhändler, fungiert als kleiner Ganove, der Eier klaut, pornographische Ansichtskarten verhökert und zuweilen Klavier spielt.
Und Harpo, der ewig Stumme, bietet neben Solo-Einlagen an der Harfe noch besonderen Wahn-Witz. Er trinkt Tinte, holt eine brennende Lötlampe aus der Tasche, knabbert an Telephonen, verspeist Untertassen und hechelt als Unhold mit roter Perücke und laszivem Grinsen den Mädchen nach, freilich ohne recht zu wissen, was er mit ihnen anstellen soll: Wenn er schon einmal einer Blondine habhaft wird, dann versucht er allenfalls, ihr den Arm zu brechen.
Beim infantilen, anarchistischen, schwarzen Humor der Marx Brothers -- Stückeschreiber Ionesco wußte es wohl zu schätzen -- geht die Realität aus allen Fugen. Züge rasen querfeldein, durch Wohn- und Schlafzimmer, während die drei unermüdlich Waggons zerhacken und in der Lokomotive verheizen. Eine Granate mäßigt vorm Feldherrnhügel ihr Tempo und fliegt gemächlich an der Generalität vorüber. In derselben Kampagne ("Die Marx Brothers im Krieg".) schießt Staatschef Groucho von Freedonia auf seine eigenen Soldaten, und Harpo stolpert, mit zwei Schildern behängt, übers Schlachtfeld. Aufschrift: "Join the Army and see the Navy".
Harpo, Groucho und Chico, schreibt der englische Filmhistoriker Raymond Durgnat, setzen sich in ihren Filmen "mit raschem Verstand," Gaunerschlauheit und Bauernfängerei durch, mit genau den Tricks, die junge Slum-Bewohner brauchen, um in der Großstadt zu überleben ... Unter der absurden Oberfläche ihrer Phantasie will immer wieder die erlebte Wirklichkeit hervorbrechen".
Denn als Slum-Kinder waren die Marx Brothers, ursprünglich fünf an der Zahl, aufgewachsen. Vater Samuel, ein Immigrant aus dem Elsaß, hatte sich um 1890 als Tanzlehrer und Schneider -- er bekleidete seine Kunden nach Augenmaß -- in einem New Yorker Armenviertel niedergelassen; Mutter Minnie, Tochter eines deutschen Zauberkünstlers, brachte die Kinder zwischen 1891 und 1901 zur Welt und möglichst schnell ins Unterhaltungsgeschäft:
Leonard (später "Chico" genannt) wurde mit dreizehn Pianist in Kneipen und Bordellen; Adolph ("Harpo"), Julius ("Groucho"), Milton ("Gummo") und Herbert ("Zeppo") traten als "Die vier Nachtigallen" auf -- mit äußerst mäßigem Erfolg.
Weit mehr Glück hatten sie während der zwanziger Jahre mit ihren New Yorker Vaudeville-Shows -- Gummo war mittlerweile der Manager seiner Brüder geworden, Zeppo spielte den seriösen jugendlichen Liebhaber. Die zumeist wild improvisierten Musical-Komödien "The Cocoanuts" (Musik: Irving Berlin) und "Animal Crackers" liefen je zwei Jahre am Broadway und -- wurden von der Paramount verfilmt. Harpo erinnerte sich an sein erstes Werk im Dienste Hollywoods: "Sie richteten einfach eine Kamera auf uns, während wir unsere alte Bühnenversion von "Cocoanuts, herunterspielten. Fingen wir zu improvisieren an, so hörten sie jedesmal zu drehen auf. Nicht weil wir nicht komisch waren. sondern weil sich (Regisseur) Florey vor Lachen krümmte. Er lachte so, daß man nachher den Ton nicht mehr hörte."
Florey mußte schließlich in einem schalldichten Glaskasten mit Handsignalen Regie führen. Harpo: "Wenn er sich lautlos zu krümmen begann, wußten wir, daß wir etwas Gutes gemacht hatten."
Sie machten es von da an immer gut, bis in den Zweiten Weltkrieg hinein und noch darüber hinaus. Ihr letztes gemeinsames Leinwand-Werk, "Love Happy", wurde 1949 gedreht. Mit von der Partie: ein Starlet namens Marilyn Monroe.
Marilyn Monroe ist tot. Auch Chico (1961) und Harpo (1964) sind gestorben, bevor die Deutschen endlich die Marx Brothers kennenlernen dürfen -mit. einer Verspätung von dreieinhalb Jahrzehnten.
Groucho, der Überlebende: "Das einzige, was ich über die Filme der Marx Brothers sagen kann, ist, daß es keine neuen geben wird."

DER SPIEGEL 4/1967
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