02.01.1967

AFFÄREN ( RHODESIEN-GELDLohn der Tugend

Im Jahre 1941 forderte SS-Führer Heinrich Himmler die Geld- und Wertpapierdruckerei Giesecke & Devrient auf, Falschgeld zu drucken. Die Leitung der renommierten Firma (Wahlspruch: "Tugend durch Arbeit") mochte nicht. Sie fuhr zu Reichsmarschall Göring und bot die Schlüsselgewalt an. Die Intervention lohnte sich: Himmler mußte die Pfund-Blüten, die -- nach England eingeschmuggelt -- die britische Währung durcheinanderbringen sollten, von KZ-Häftlingen anfertigen lassen.
Tugend durch Arbeit zu erreichen, war noch immer der Firmen-Wahlspruch, als Ende Dezember 1966 -- so der geschäftsführende Hauptgesellschafter Siegfried Otto, 52 -- "die daherkommen und sagen, wir machen Falschgeld".
Dahergekommen waren die Londoner "Reserve Bank of Rhodesia" und der Frankfurter Oberstaatsanwalt Dr. Dietrich Rahn: Über das Generalkonsulat erwirkte die Londoner Bank bei der 12. Zivilkammer des Landgerichts Frankfurt eine einstweilige Verfügung gegen den Abtransport von 28 Tonnen Papiergeld im Wert von fast einer halben Milliarde Pfund (fünf Milliarden Mark), die Giesecke & Devrient für die abtrünnige britische Kolonie Rhodesien gedruckt hatte.
Denn das Rhodesien-Geld wurde von einer Bank bestellt, die es nach offiziellet" britischer Version ebenrowenig gibt wie den Bankpräsidenten, der die Noten faksimilierte. Es ist die "Reserve Bank of Rhodesia" (Sitz: Salisbury). Sie ist für die Briten nicht mehr existent, seit 1965 nach dem Bruch zwischen der britischen und der weißen Minderheitsregierung lan Smiths eine neue "Reserve Bank of Rhodesia" (Sitz: London) etabliert wurde. Oberstaatsanwalt Rahn ließ daher 2,2 der insgesamt 28 Tonnen Papiergeld, die in Frankfurt gerade nach Rhodesien verladen werden sollten, beschlagnahmen.
"Nach britischem Recht durfte der Bankpräsident der Minderheitsregierung die Noten nicht unterschreiben", erklärte Hahn. Es sei zu prüfen, ob die Druckerzeugnisse der Firma Giesecke & Devrient "im Sinne des Gesetzes nach Paragraph 146 als nachgemacht betrachtet" werden müssen**.
Der Vorwurf, Blüten zu drucken, blühte einem Unternehmen, das sich stets so vornehm zurückhaltend gab, wie seine Kundschaft exklusiv war. Nur durch einen wenige Zentimeter hohen Schriftzug "Giesecke & Devrient, gegründet 1852" am Portal des siebenstöckigen Hauptgebäudes in München-Steinhausen weist sich die Firma (750 Beschäftigte, 30 Millionen Mark Jahresumsatz) aus, die neben der Bundesdruckerei das einzige Unternehmen auf bundesdeutschem Boden ist, das Banknoten druckt.
Diktatoren und Despoten, Demokraten und Monarchen waren Kunden des bis Kriegsende in Leipzig beheimateten Druckhauses. Kupferstecher der Firma Giesecke & Devrient fertigten die Form für die einzigen Banknoten, die jemals das Bild Kaiser Wilhelms zeigten -- Rupienscheine der Kolonie Ostafrika.
Giesecke & Devrient druckte Beitragsmarken für Hitlers Deutsche Arbeitsfront, fünf Millionen fälschungssichere Eintrittskarten für die Olympischen Spiele von 1936. Und drei Tage, nachdem General Franco 1939 Madrid eingenommen hatte, landete in der spanischen Hauptstadt eine Ju 52 mit einer Ladung Pesetenscheine aus der Leipziger Druckerei an Bord.
Außer der eigenen Regierung -- die Münchner drucken für die Deutsche Bundesbank die 20-, 100- und 1000-Mark-Scheine -- beliefert Giesecke & Devrient derzeit rund drei Dutzend Staaten mit Banknoten oder die Wirtschaft dieser Länder mit Aktien und Pfandbriefen, Steuer- und Briefmarken, Wechsel- und Scheckheften.
Geld freilich sind die Notenbündel nicht, wenn sie das von Hausdetektiven, einer speziellen "Sicherungsgruppe", Lichtschranken und einer Lift-Schleuse gesicherte Druckhaus verlassen. Denn solange sie von der Bank des Auftraggebers nicht ausgegeben werden, sind sie -- so Otto -- "ein industrielles Produkt wie jedes andere". Und als Exportartikel unterliegen Banknoten mithin keinen anderen Bestimmungen, als sie etwa für die Ausfuhr von Kinderspielzeug oder Christbaumschmuck gelten.
1941 war es Hitlers Marschall Göring, der die Geldscheindrucker vor dem Verlust der Tugend durch die SS rettete. Letzte Woche nahm die 5. Strafkammer des Landgerichts Frankfurt von dem Unternehmen den Makel einer Fälscherwerkstatt.
Nachdem zuvor bereits das Amtsgericht die Bestätigung der Rahn-Beschlagnahme abgelehnt hatte, entschied auch das Landgericht in zweiter Instanz, daß die 2,2 Tonnen "Banknoten ohne Wert", die vor Weihnachten in Frankfurt verladen werden sollten, kein Falschgeld seien.
* Nach der Festnahme 1933 mit einem Kohleanzünder des Fabrikats, mit dem van der Lubbe das Reichstagsgebäude in Brand setzte.
** "Zuchthaus nicht unter zwei Jahren" droht Paragraph 146 StGB unter anderem demjenigen an, der "inländisches oder ausländisches Metallgeld oder Papiergeld nachmacht, um das nachgemachte Geld als echtes zu gebrauchen oder sonst in Verkehr zu bringen ..." Es sei zwar "nicht unbedingt ersichtlich, ob Salisbury zur Ausgabe der Banknoten ermächtigt ist", begründete das Landgericht. Aber: "Vielmehr war zu werten, ob sich das Regime bereits fest etablieren konnte. Dafür spricht, daß es sich immerhin schon ein Jahr gehalten hat."
Während so der Notenstreit strafrechtlich abgeschlossen ist, steht die zivilrechtliche Klärung noch aus. Über die einstweilige Verfügung wird erst Mitte Januar verhandelt. Die Briten haben schon jetzt in München angefragt, ob die Drucker bei Zahlung einer Entschädigung (Otto: "Ein ganz interessantes Angebot") bereit seien, die Noten nicht nach Rhodesien auszuliefern.

DER SPIEGEL 1/1967
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 1/1967
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AFFÄREN ( RHODESIEN-GELD:
Lohn der Tugend

  • Webvideos der Woche: Truck landet auf Hausdach
  • Automesse IAA: Klimaaktivisten blockieren Eingänge
  • Erosion an der Elfenbeinküste: "Unsere Toten verlassen uns schon"
  • Braunkohletagebau in der Lausitz: 8000 Arbeitsplätze, 4 Tagebaue, 130 Dörfer weg