03.11.1969

ERZIEHUNG / INTERNAT PLÖNSpuk im Schloß

Vor 300 Jahren prunkten Herzöge im holsteinischen Schloß Plön. Vor 100 Jahren besetzten preußische Kadetten den Feudalbau und übten Paradeschritte bis zum Untergang der Monarchie. In diesen Wochen proben dort Oberschüler den Aufstand.
Plöner Gymnasiasten und ihre um die Schul-Ordnung bemühten Lehrer sind so verfeindet, daß der schleswigholsteinische Landtag jetzt einen Untersuchungsausschuß zur "Aufklärung der Zustände am Staatlichen Internatsgymnasium Schloß Plön" einsetzte.
Geklärt werden soll, warum an dem Renommier-Internat des nördlichsten Bundeslandes sechs Zöglinge -- davon fünf Mitglieder der Internatsmitverwaltung -- des Schlosses verwiesen worden sind.
Die Gefeuerten hatten gegen die strenge Ordnung des Parade-Pennals opponiert. "König Erwin", wie die Schüler ihren Oberstudiendirektor Erwin Schmidt, 63, nennen, argwöhnt: "Die Apo hat von außen die Unruhe ins Haus getragen."
Ein anderer Plöner sieht es anders: Dr. Richard Bünemann, 49, SPD-Abgeordneter im Kieler Landtag und bis 1967 stellvertretender Landesbeauftragter für Staatsbürgerliche Bildung in Schleswig-Holstein, hält Schmidts "veraltete pädagogische Einstellung" für die Ursache der Schloß-Revolte.
Schmidt leitet das Internat bereits seit 23 Jahren. Und Bünemann vermutet, daß "der Geist der alten Kadettenanstalt" auf den Direktor abgefärbt hat.
Das Schloß der Herzöge von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Plön (Bauzeit 1633 bis 1836) war von 1867 bis 1918 preußische Kadettenanstalt; die Nationalsozialisten machten eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt (Napola) daraus.
Plöner Kadetten waren fünf Söhne Kaiser Wilhelms II., die späteren Generale Erich Ludendorff, Kurt von Schleicher und Erich von Manstein. Auch der heutige SPD-Wohnungsbauminister Lauritz Lauritzen kommt aus der Plöner Schule.
Gegenwärtig leben 45 Mädchen und 185 Jungen für 300 Mark Monatsgebühr in der ehemaligen Drillstätte. Zum Lernen begeben sie sich allmorgendlich -- wie ihre beiden Erzieherinnen, sieben Erzieher sowie Internatsleiter Schmidt -- in die Plöner
* vor Schloß Plön: zweiter v. l. Schloßtags-Präsident Lamprecht; erster v. r. Schülerzeitungs-Chefredakteur Domizlaff. Oberschule, die ebenfalls von Schmidt geleitet wird.
Die Pendler zwischen Schloß und Schule konnten sich mit der Zeit des Verdachtes nicht erwehren, daß in. ihrem Internat noch immer -der Geist von Potsdam herumspukt. Denn auf Schloß Plön ist verpönt oder sogar untersagt, was in anderen Internaten längst üblich ist -- etwa Blue jeans: In Nietenhosen dürfen Jungen wie Mädchen nie zu den Mahlzeiten erscheinen, die sie im Rittersaal an getrennten Tischen einnehmen. Den Mädchen ist es lediglich zur Winterzeit gestattet, in nietenlosen langen Hosen zu speisen.
Im Ort dürfen sich die Schloß-Schüler nur Filme ansehen, die von der Schuldirektion freigegeben sind. Der Besuch von Tanzsälen außerhalb der Anstalt ist verboten; der Zapfenstreich wird strenger gehandhabt als beim Kommiß: Selbst Oberprimaner müssen bis 21 Uhr vom Ausgang zurück sein. Um 22 Uhr herrscht auch für sie Bettruhe.
Wer in seiner Freizeit in einer Illustrierten blättert, verstößt schon gegen ein Verbot. Radios und Tonbandgeräte halten die Schüler versteckt. Und als sich ein Plöner Gymnasiast weigerte, seinen Beatle-Schopf stutzen zu lassen. mußte er zur Strafe allein auf seinem Zimmer essen.
Den Drang der Plöner Internatsinsassen zur Lockerung dieser strengen Riten bestärkten Plöner Absolventen, die sich "Butenplöner" nennen und aufrührerische Schriften in das Schloß schmuggelten. So verfaßte ein "Butenplöner Autorenkollektiv" das Elaborat "Erziehung und Gesellschaft" mit Kernsätzen wie "Die Anwendung
repressiver Mittel ist in diesem Haus nicht selten" und "Wer sich dem vorgefaßten Schema ... entzieht, wird. als "Faulenzer, Nichtstuer, graue Maus" abqualifiziert".
Im Frühjahr wirkten sich diese Thesen aus; seitdem hat sich, wie Direktor Schmidt feststellt, "das Klima verschlechtert": Die Leistungen seiner Zöglinge und Ihre Manieren ließen nach; ihr Alkoholverbauch und die Anzahl ihrer nächtlichen Ausflüge in die Stadt nahmen zu.
Gerüchte über Rauschgift-Genuß im Schloß machten .das Kieler Rauschgiftdezernat mobil. Doch obwohl der Internatserzieher Peter von Gartzen meint, es hätten sich "Anhaltspunkte für die Bestätigung dieser Gerüchte ergeben", blieben die wochenlangen Polizei-Ermittlungen ergebnislos.
Der von diesen Zwischenfällen aufgeschreckte Internatsleiter beschloß, die mutmaßliche Apo-Infektion seiner Zöglinge im Keim zu ersticken. Dazu verfaßte er unter Assistenz von sieben Erziehern zehn "Ordnungsprinzipien".
In diesem Verhaltens-Katalog verpflichtete Schmidt jeden Internatsangehörigen "zur Sauberkeit und Ordnung an sich selbst und seiner Umgebung". Seine Schüler dürften nicht "durch ihre Haltung, ihr Benehmen und ihr Äußeres Aufsehen erregen -und als öffentliches Ärgernis bezeichnet werden".
Pädagoge Schmidt mischte unter die strammen Vorschriften aber auch demokratisches Beiwerk. So erwartet er von seinen Schülern, daß sie "mitdenken und Ideen entwickeln". Er räumt ihnen auf seinem Papier auch "ein großes Maß an Verantwortung" ein und wünschte sich "freiwillige" Mitarbeiter an den Internatsaufgaben, denn: "Für Nichtstuer, Faulenzer und schulisch unter dem Durchschnitt stehende Schüler und Schülerinnen sei im Internat kein Platz".
In einem Beischreiben forderte Schmidt von Eltern und Schülern die "Anerkennung" seiner zehn Gebote für Zucht und Sitte "durch Unterschriftsleistung". Andersdenkenden wurde nahegelegt, "die Möglichkeit eines Wechsels der Ausbildungsstätte zu erwägen".
Mit diesem Ultimatum zog die Internats-Schar Ende Juni in die Ferien. Anfang August kehrte sie zurück -- alle Internatler mit den geforderten Unterschriften.
Doch die von Schmidt erstrebte Ruhe im Schloß kehrte nicht ein. Die Schüler-Mehrheit meinte bald, sie hätte voreilig unterschrieben. Und im Schloßtag, dem Parlament der Internatszöglinge, erklärte sie ihr "nachträgliches Nichteinverständnis" und beschloß, die Unterschriften zurückzuziehen.
Damit nicht genug: Der Schloßtag setzte eine Kommission ein (Vorsitzender: der Schloßtagspräsident und Oberprimaner Jürgen Lamprecht), die ihrerseits eine Internatsverfassung entwarf. Hauptforderung: paritätische Mitbestimmung der Schüler "über grundsätzliche Erziehungsfragen".
Direktor Schmidt und die Erzieher entledigten sich daraufhin des Sprecherrates: Bis auf einen flogen alle Funktionäre dieses obersten Organs der Internatsmitverwaltung aus dem Schloß. Das Gymnasium dürfen immerhin fünf der sechs Ex-Internatler weiter besuchen. Dem Unterprimaner Svante Domizlaff, Chefredakteur der Schülerzeitung "Der Scheinwerfer", wurde auch das verwehrt,
Direktor Schmidt, der den Eltern nur kurze Bescheide zustellen ließ, hat sich von seinen Erziehern ausführliche Gutachten über die Gefeuerten anfertigen lassen. Über den am schärfsten gemaßregelten Domizlaff heißt es, er habe eine "recht kindlich unreife klassenkämpferische Begeisterung" gezeigt und "marxistisches Gedankengut ins Internat" getragen.
Internats-Kritiker Bünemann, der die Plöner Affäre vor den Kieler Landtag brachte, machte auch Schmidts Ordnungskatalog publik, der nach Bünemanns Meinung "dem Geist der freiheitlich-demokratischen Grundordnung widerspricht". Die Kieler SPD-Wochenzeitung "Nordwoche" fühlte sich gar an "HJ-Methoden" erinnert.
Der parlamentarische Untersuchungsausschuß für Schloß Plön, der am Freitag vorletzter Woche zum erstenmal tagte, soll nun unter Mitwirkung von Ausschußmitglied Bünemann herausfinden,
* ob die Verweise dem Gesetz entsprechen,
* ob Internatsleiter Schmidt sich einer Dienstverfehlung schuldig gemacht hat und
* welche Verstöße der Schüler zu den Internatsverweisen führten.
Bünemann hält den Pädagogen Schmidt nicht für den Alleinschuldigen. Der Ausschuß soll auch klären, ob das Kieler CDU-Kultusministerium seine Aufsichtspflicht verletzt hat,
Für den pensionsreifen Schulmann Schmidt "Ist das Ganze die letzte große Bewährung als Pädagoge". Er hält die Plöner Affäre für eine "gymnasiale Wohlstandsrevolte einiger weniger Schüler".
Schmidt: "Wie soll ein junger Mensch, der am Wochenende bis spät in die Nacht hinein Im Mercedes seines Vaters herumfährt, sich am Montag in ein Internat einfügen?"

DER SPIEGEL 45/1969
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