03.11.1969

NOBELPREISE / ÖKONOMIEGemessene Größen

Die Ideen der Ökonomen und politischen Philosophen -- ob sie richtig sind oder falsch -- regieren die Welt. John Mayhard Keynes
Alfred Nobel, Gründer der ersten internationalen Monopole und einer der reichsten Kapitalisten des 19. Jahrhunderts, hatte seine Preise "Träumern" zugedacht, die die Welt verbessern. Er glaubte freilich, nur Naturwissenschaftler bastelten "Bausteine für das Glück kommender Geschlechter". Die Wissenschaft vom Volkswohlstand und seiner Verteilung jedoch erschien dem Industriellen, der täglich 40 000 Goldfranc verdiente, für den Fortschritt der Menschheit ohne Belang.
Nun, 73 Jahre nach dem Tod des Stifters, wurde der Irrtum korrigiert. Am Montag vergangener Woche verlieh die Schwedische Akademie der Wissenschaften zum ersten Male einen Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaftler.
Erste Preisträger sind die beiden Senioren der modernen mathematischen Nationalökonomie,
* der Holländer Jan Tinbergen, 66, Professor für Entwicklungsplanung an der Niederländischen Hochschule für Ökonomie, sowie
* der Norweger Ragnar Frisch, 74, Emeritus der Universität Oslo. Die Auszeichnung, die Wie die Preise für Physik und Chemie mit 265 000 Mark datiert ist, war im vorigen Jahr von der Schwedischen Reichsbank gestiftet worden. Denn heute -- so Reichsbankchef Per Asbrink -- "würde Alfred Nobel sicherlich auch die Wirtschaftswissenschaftler in seinem Testament bedenken".
"In der Fachwelt", so meinte die Londoner "Times", ist kaum jemand mit dieser Entscheidung der Jury unzufrieden." Denn Tinbergen und Frisch, die Geld und Ehre zu gleichen Teilen für ihre Verdienste "um die Entwicklung und Anwendung dynamischer Modelle und die Analyse wirtschaftlicher Prozesse" erhielten, haben den Nationalökonomen ein zukunftsträchtiges Betätigungsfeld erschlossen -- die Wirtschaftsplanung.
Der gelernte Goldschmied und Freizeit-Imker Frisch entwickelte als erster jene Wissenschaft, die heute als bestes Hilfsmittel für eine wirksame Konjunkturpolitik gilt: Die Ökonometrie, laut Mit-Preisträger Tinbergen "die mathematische Wirtschaftstheorie, die mit gemessenen Größen arbeitet". In ökonometrischen Modellen wird im Gegensatz zur reinen Theorie mit Zahlen gearbeitet, die Sozialforscher in der Feldarbeit ermittelt haben. Und die Abhängigkeit verschiedener Größen, beispielsweise die Beziehung zwischen Einkommen, Konsum und Preisen, wird mit Hilfe mathematischer Gleichungen ausgedrückt.
"Wenn man wirklich die Wechselwirkungen zwischen den antagorlistischen Interessen einer Gesellschaft, zwischen ·den Zielen verschiedener Wirtschaftszweige und den Verhaltensformen der sozialen Schichten sehen" will, so lehrt Frisch, kommt niemand mehr um das mathematische Werkzeug herum. Frisch: "Einfache Erklärungen über wirtschaftliche Zusammenhänge, die der "größte Teil der Bevölkerung verstehen kann, sind natürlich eindrucksvoller, aber für die Wirtschaftspolitik in der Nachkriegsgesellschaft reichen sie nicht mehr aus."
In der Tat hat das von Frisch angeregte Konzept, des Tinbergen weiter ausbaute, allen früheren nationalökonomischen Erkenntnissen eines voraus: Die Folgen wirtschaftspolitischer Eingriffe wie etwa eine Diskonterhöhung oder die Aufwertung der Mark werden im voraus meßbar.
Schon vor Jahren hat die neue Disziplin die Wirtschaftspolitik revolutioniert. Der holländische Nobelpreisträger Tinbergen leitete von 1945 bis 1955 das zentrale Planungsbüro seines Landes und entwarf damals das erste ökonometrische Modell der Niederlande, das heute noch die Richtzahlen für die Wirtschaftspolitik liefert. Auch Tinbergens Preiskollege Frisch entwickelte bereits vor mehr als 20 Jahren neuartige Entscheidungsmodelle für die Wirtschaftspolitik seines Landes. Und fast alle Chefs der norwegischen Planungskommission, die nach dem Krieg aufgebaut wurde und seither mit Hilfe eines einfachen ökonometrischen Modells die Wirtschaft steuert, waren seine Schüler.
Der Ruhm der beiden Planungsexperten und ihre Methoden drang über die Türkei, deren Wirtschaftslenker Tinbergen um Rat baten, bis nach Ägypten und Indien, deren Wirtschaftspolitiker sich von Frisch unterweisen ließen -- über die deutsche Grenze nach Bonn jedoch kam er nicht. Denn während der Vorherrschaft der Christdemokraten waren quantitative Methoden und Rationalität in der Wirtschaftspolitik verpönt. "Man pflegte die Vorstellung", so kritisierte Deutschlands bekanntester Ökonometriker, der Bonner Ordinarius Wilhelm Krelle, "daß die unsichtbare Hand alles am besten regelt."
Von der SPD/FDP-Koalition jedoch erwartet der Wissenschaftler, "daß endlich alle irrationalen Hemmnisse gegen eine vernünftige Politik abgebaut werden". Die Wissenschaftler haben sich schon für die neue Ära gerüstet und mühen sich, den Vorsprung ihrer ausländischen Fachkollegen einzuholen. Westdeutschlands Ökonometriker basteln sogar seit Monaten an einem Planungsmodell für die Bundesrepublik, das laut Krelle "perfekter" sein wird als die meisten ausländischen Konzepte.
Doch Chancen auf einen Nobelpreis hat hierzulande vorläufig keiner, Krelle: "Wenn ich die Kollegen und ihre Leistungen ansehe, wird es wahrscheinlich auf Jahre hinaus keinen deutschen Preisträger geben."

DER SPIEGEL 45/1969
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