03.11.1969

„AUCH ICH SOLLTE ERMORDET WERDEN“

Der französische Archäologe und Forschungsreisende Marcel F. Homet gehört zu den ersten Europäern, die versuchten, die Weltöffentlichkeit über die systematischen Vernichtungsaktionen privater und staatlicher Organisationen gegen die Indianerstämme Brasiliens aufzuklären. Der in Stuttgart lebende Gelehrte, früher Professor an der Universität Algier, Autor renommierter Werke über prähistorische Kulturen Afrikas und Amerikas, unternahm nach dem Zweiten Weltkrieg drei Expeditionen in bis dahin von keinem Europäer betretene Gebiete am Amazonas. Dabei fand er Spuren der vorgeschichtlichen Ureinwohner Südamerikas. Homet berichtet dem SPIEGEL seine Erlebnisse.
Ich habe die Männer gesehen, die am Amazonas die Indianer foltern und abschlachten, um ihnen ihr Land wegzunehmen. Ich habe auf meinen Expeditionen mehrere Male schwerbewaffnete "Pistoleiros" getroffen und beobachtet, wie die Ländereien "vermessen" wurden, die den getöteten Indianern gehört hatten. Ich habe auch die grausam verstümmelten Leichen gesehen und einen der mutmaßlichen Mörder photographiert.
Bei meiner zweiten Expedition im Jahre 1958 traf ich 200 bis 300 Kilometer östlich des Rio Xingú etwa ein Dutzend bewaffneter Männer. Sie hatten mit ihren Macheten in den Urwald Pfade gehauen und waren dabei, mit völlig unzulänglichen Mitteln ein Gebiet topographisch zu vermessen, das bisher noch nicht kartographisch erschlossen war.
Ich wußte, daß dieses Land den Caiapo-Indianern gehörte und wandte mich an den Anführer der Bande, um ihn nach dem Zweck der Landvermessungen zu fragen.
"Wir arbeiten für eine große Maklerfirma in Sao Paulo, die das Land den Indianern abgekauft hat", war die Antwort. Auf meine Frage, wie man denn das Land nur mit Hilfe von Kompaß und Meßband exakt vermessen wolle, lachte er bloß.
Die "Landvermesser" zeigten mir zur Legitimation ihrer Arbeit amtliche Dokumente, die von führenden Funktionären des Indianerschutzdienstes (SPI) unterzeichnet waren. Einige hatte auch Paulo Duarte unterschrieben, damals Präsident der "Prähistorischen Kommission" in Sao Paulo. --
Ich erkundigte mich nach den Caiapos und fragte die "Landvermesser", weshalb sie so schwerbewaffnet seien. Darauf wurde mir erklärt, die Indianer hätten zwar ihr Land verkauft, "aber das sind ja unberechenbare Schurken, deshalb brauchen wir Waffen, um uns gegen sie verteidigen zu können
Später fand ich die Leichen der von Maschinenpistolen niedergemähten Caiapos. Im Laufe meiner drei Expeditionen traf ich wiederholt Indios, die mir detaillierte Angaben über weitere Mordtaten der Weißen machen konnten.
Zu dem angeblichen Verkauf der Ländereien ist zu sagen, daß bei derartigen Aktionen nach außen hin alles legal zu sein schien. Bestechliche Beamte des Indianerschutzdienstes, der aufs engste mit den Maklerfirmen zusammenarbeitete, drückten gegen entsprechende Bezahlung bereitwillig die erforderlichen Stempel auf die Papiere über den "Verkauf" des Indianerlandes.
Um das Land von Indianern zu "säubern", engagierten gewissenlose Inspektoren des SPI berufsmäßige Killer, die pro Aktion bezahlt wurden. Diese Mörder sind in Brasilien, wo der größte Teil der Bevölkerung am Rande der Existenz dahinvegetiert, leicht anzuwerben.
Ein großer Teil des "gekauften" Landes wird über Maklerfirmen vor allem an Interessenten in den USA und der deutschen Bundesrepublik weiterverkauft. Dabei werden viele Grundstücke von mehreren Interessenten gleichzeitig erworben. Aber das spielt keine Rolle. "Alemanha ist weit!" erklärte mir einer der "Landvermesser".
Ich kenne die Adresse zweier Büros in Sao Paulo, die Land verkaufen, das brasilianischen Indianern abgenommen wurde. Das eine gehört Cecil M. P. Cross, dem früheren Konsul der USA in Sao Paulo, das andere Agnete Engelhardt, einer Deutschen baltischer Herkunft. Die beiden Büros sind zwar finanziell voneinander unabhängig, aber sie arbeiten zusammen beim Erwerb und Verkauf der Ländereien.
Cecil M. P. Cross bedient sich seiner früheren Stellung als Konsul, die ihm Autorität und Ansehen verleiht, und vermittelt überwiegend Grundstücke am Amazonas an US-Bürger. Agnete Engelhardt verkauft an Interessenten aus Frankreich, Österreich und Deutschland. Der Verkauf erfolgt ausschließlich über Vertreter mit Provision.
Selbstverständlich waren nicht alle Inspektoren des SPI Verbrecher. Ich habe unter ihnen viele anständige Leute kennengelernt, die sich aufrichtig bemühten, die Interessen der Indianer wahrzunehmen. Aber die meisten Funktionäre des Indianerschutzdienstes kannten ja noch nicht einmal die Anzahl der Indios, die ihnen anvertraut waren. Dagegen existierten genaue Angaben über die Anzahl der Rinder, Pferde und Schweine dieser Behörde. Denn der Indianerschutzdienst besaß riesige Viehherden, die er auf den Wiesen der ermordeten Indianer weiden ließ und an denen er viel Geld verdiente.
1958 lernte ich den Inspektor des Indianerschutzdienstes von San Marco in der Nähe von Boa Vista kennen. Er sagte mir, daß er in dem ihm unterstellten Gebiet vor zehn Jahren noch 10 000 Indianer geschätzt habe -- von ursprünglich 25 000. Aber jetzt, nach den Massakern, die er nicht habe verhindern können, gebe es nur noch 300 von Ihm gerettete Macuxix- und Upixanas-Indianer. Seine Vorgesetzten hatten ihn beauftragt, für die brasilianische Regierung statistisch festzustellen, daß die Zahl der Indios in seinem Gebiet seit 20 Jahren unverändert sei.
Ich fragte den Inspektor, weshalb denn die Indianer ermordet wurden; darauf erwiderte er mir, man habe sie nur aus dem Grunde umgebracht, um sie am Bepflanzen ihrer Plantagen zu hindern; auf dem Land wollte nämlich der Indianerschutzdienst Hunderttausende von Rindern weiden lassen.
Da ich mich in diesem Gebiet ein Jahr lang aufhielt und dabei über 20 000 Kilometer durchstreifte, konnte ich feststellen, daß die Angaben des Inspektors stimmten. Wo früher die Indianer lebten, grasten jetzt riesige Rinderherden. Ich erfuhr auch, daß in der Provinz von "Rondonia" die Indianer der Stämme Pacas Novas, Surius und Nhambiqueras unter dem Vorwand ermordet worden waren, sie behinderten den Bau einer Straße.
Zu dieser Zeit gab es im Innern Brasiliens eine Anzahl von Großgrundbesitzern, die sich wie die ersten Sheriffs in den USA aufführten. Sie hatten sich den hochtrabenden Titel "Coronel da Guarda Civil" angemaßt. Diese Zivilgarde existierte aber in Wirklichkeit nicht. Einer dieser "Coroneis", die durch ihre Brutalität eine Art richterliche Gewalt erlangt hatten und engen Kontakt zum Indianerschutzdienst pflegten, war ein gewisser Adolfo Brasil. der sich rühmte, mit bloßer Hand über zehn Indianer erschlagen zu haben.
Dieser Adolfo Brasil ist einer der Hauptschuldigen am Massaker von Nova Fazenda im Jahre 1957. Er wollte für die Gold- und Diamantensucher ein Bordell einrichten. Da er aber für dieses Projekt keine weißen Frauen auftreiben konnte, überfiel er mit einer Bande Pistoleiros einen Indianerstamm. Die Männer wurden erschlagen, die Frauen und Mädchen in ein Bordell nach Boa Vista gebracht.
Unter Androhung der Todesstrafe wurden sie wie Sklavinnen gehalten und erhielten gerade so viel zu essen, daß sie "arbeiten" konnten. Wenn sie
* Von Professor Homet im Gebiet des Rio Xingú photographiert.
an den Mißhandlungen sadistischer "Garimpeiros", der Kautschuk- und Diamantensucher, zugrunde gegangen waren, unternahm Adolfo Brasil eine weitere Expedition, um Nachschub zu holen.
Der Haß der Indianer gegen die Weißen wurde durch derartige Aktionen immer größer, vor allem weil die Weißen alle Indianerkinder unbarmherzig töteten. Das bestätigte mir auch der Caiapo-Häuptling Crumare, mit dem ich befreundet bin. Der Inspektor Cicero Cavalcanti de Albuquerque vom Indianerschutzdienst, der zu den indianerfreundlichen Beamten gehörte, sagte dazu, die Massaker würden ständig weitergehen, wenn nicht für die Indianer Reservationen geschaffen würden, die für die Weißen völlig verschlossen seien.
Ich teile diese Ansicht nicht, denn nach meinen Beobachtungen dienen die schon bestehenden Reservate nur dazu, die Indianer leichter ausbeuten und umbringen zu können.
Der SPI hinderte immer wieder Forscher und Missionare daran, in die von Indianern bewohnten Gebiete zu gelangen; niemand sollte Gelegenheit haben, Informationen oder Indizien über die Greueltaten zu sammeln. Wiederholt hatte auch ich Schwierigkeiten, in bestimmte Gebiete des Amazonas zu kommen. Zweimal versuchte man, mich zu ermorden, und jedesmal steckten Revolvermänner des Indianerschutzdienstes hinter diesen Anschlägen.
Die Hauptverantwortlichen für diese unvorstellbaren Verbrechen an den Indianern, die Schreibtischtäter, sind jene Personen des öffentlichen Lebens in Rio de Janeiro und Sao Paulo, die auch in dem Untersuchungsbericht des brasilianischen Innenministeriums vom März 1968 genannt werden. Es sind die Leiter des inzwischen aufgelösten Indianerschutzdienstes, ehemalige Offiziere, Beamte und angebliche Völkerkundler, unter ihnen der General Ribeiro Coelho und der Major Luiz Vinhas Neves, früherer Leiter des SPL
Andere sind in dem Bericht nur deswegen nicht erwähnt worden, weil sie durch ihre persönlichen Beziehungen und Stellungen geschützt werden. Ich kenne ihre Namen.
Der offizielle Untersuchungsbericht des brasilianischen Innenministeriums bestätigt nur, was ich während meiner Expeditionen erlebte und worüber seit Jahren brasilianische Zeitungen berichten: daß am Amazonas Völkermord begangen wird.
IM NÄCHSTEN HEFT
Kautschuk-Barone organisieren die Vernichtung des Cinta-Larga-Stammes -- Staatsanwälte verschleppen den Prozeß gegen Indianermörder -- Der schwedische Völkerkundler Persson berichtet über das Ende der Indianer in Peru, Kolumbien und Venezuela

DER SPIEGEL 45/1969
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