29.01.1968

BUNDESWEHR / STUDNITZ-BUCHAntwort von FÜ S I

Drei Monate lang sann Bonns militärische Führungsspitze darüber nach, wie sie die Bundeswehr vor der Kampfschrift "Rettet die Bundeswehr!" retten könne. Dann beschloß sie, in den Papierkrieg zu ziehen.
Anfang Februar treten die feldgrauen Militärs auf der Bonner Hardthöhe gegen das Bundeswehr-Buch des Militaristen in Zivil Hans Georg von Studnitz, 60, zur Konterattacke an: Die Truppe erhält 22 Seiten "Anmerkungen" dazu, auf Kommandeursebene werden kritische Analysen des Buches verteilt, und das amtliche Mitteilungsblatt "Information für die Truppe" veröffentlichte eine Rezension.
Hans Georg von Studnitz, Gardeoffizierssohn und Kommentator rechtsorientierter Blätter ("Christ und Welt", "Welt am Sonntag"), erklärt in seinem vergangenen September erschienenen Buch den Bürger in Uniform für dienstuntauglich. In seinen Augen wimmelt die Truppe von "Marzipansoldaten", die zwar "vorzüglich in die Leberwurstperspektive des deutschen Wohlstandsdenkens" passen, aber so weich sind, daß "die Welt die Bundeswehr nicht fürchtet".
"Rettet die Bundeswehr" wurde bald zur meistbelobigten Lektüre insbesondere der jüngeren Bundeswehr-Offiziere. In den großen Garnisonsstädten fand das Buch reißenden Absatz. "Der Vorabdruck von ein paar Dutzend Sätzen aus diesem Buch im SPIEGEL genügte, um die kapitolinischen Gänse der Bundesrepublik zu aufgeregtem Geschnatter zu veranlassen", freute sich der Stuttgarter Seewald- Verlag im Klappentext. Bislang wurden vier Auflagen (16 000 Exemplare) gedruckt.
Dem Autor Studnitz brachte die Post "Dutzende zustimmender Briefe" ins Haus. Amtierende und pensionierte Generale, Generalstabsoffiziere sowohl aus dem Bonner Verteidigungsministerium als auch aus Nato-Dienststellen im Ausland, markige Stabsfeldwebel und vaterländisch gesonnene Väter eingerückter Wehrpflichtiger fühlten sich von Studnitz menschlich wie militärisch angesprochen.
Ein Bonner Oberst i. G. war "restlos begeistert", denn "Sie haben mir voll aus der Seele gesprochen"; ein Stabsfeldwebel wollte "in Ihrem Buch Wort für Wort" unterstreichen; ein Generalmajor bescheinigte dem Adressaten, "die Malaise Bundeswehr ... im Kern angesprochen und richtig identifiziert" zu haben." Aus unserer Bundeswehr kann nur etwas werden", sekundierte ein Generalleutnant a. D. "wenn schleunigst ..., der Krebsschaden der Baudissinschen "Inneren Führung' ausgebrannt wird."
Von Informanten aus dem Offizierkorps hörte Studnitz, daß er den. Generalinspekteur Ulrich de Maizière, einen Mann der "Inneren Führung". in die Verzweiflung getrieben habe. "Dieses Buch", so soll de Maizière geklagt haben, "hat mein Lebenswerk zerstört." Dazu von Studnitz: "Wenn es stimmt, soll es mich freuen." De Maizière bestritt jedoch, "das oder etwas Ähnliches" gesagt zu haben.
Immerhin: Studnitz-Thesen beherrschten die Kasino-Gespräche, drangen sogar in den staatsbürgerlichen Unterricht der Truppe vor und traten dort in Konkurrenz mit den zwölf Jahre lang gehegten Grundsätzen der Inneren Führung. Das brachte die Ausbilder aus dem Konzept.
Einige Divisionskommandeure erließen "Sprachregelungen" für ihre Unterrichtsoffiziere, andere wandten sich im Oktober hilfesuchend an das Ministerium auf der Bonner Hardthöhe. Dort wurden die für "Innere Führung und Personal" zuständigen Offiziere im Führungsstab der Streitkräfte ("FÜ S I") beauftragt, eine amtliche Entgegnung auf Studnitz auszuarbeiten und an die Truppe zu verteilen, Die Führungsstabler unter Brigadegeneral Rolf Jürgens taten ihr Bestes.
In ihren 22seitigen "Anmerkungen" qualifizieren sie die Kampfschrift als "flüssig, offensichtlich bewußt ohne Anspruch auf Seriosität" geschriebenes Buch, das "sich fast wie ein Kriminalroman liest. Dann zeihen sie den Autor grober Irrtümer, Halbwahrheiten und Widersprüche.
Die Studnitz-These, daß "die besten Waffen nicht Tradition ersetzen" könnten, halten die Führungsstäbler für unrichtig: "Einige der militärisch erfolgreichsten Armeen der Geschichte waren traditionslose Neuschöpfungen, so die französischen Revolutionsarmeen, die napoleonische Armee, die Rote Armee, die Armee Mao Tsetungs, der Vietcong, die israelische Armee etc. Andererseits haben einige besonders traditionsreiche Armeen versagt, so zum Beispiel die preußische bei Jena und Auerstedt oder die französische Armee 1940."
Das "Jobdenken" in der Bundeswehr (Studnitz: "Pünktlich um 17 Uhr macht der Soldat Feierabend") finden General Jürgens und seine Kameraden ganz natürlich: "Die zivile Umwelt ist ... zur Fünf-Tage-Woche übergegangen. Die Bundeswehr war gezwungen, sich diesem Rhythmus weitgehend anzupassen, schon weil sie in vielen Bereichen auf die Mitarbeit ihrer (165 000) Zivilbediensteten angewiesen ist."
Auch das ins Zwielicht geratene Amt des Wehrbeauftragten verteidigen die Führungsstäbler gegen Kritiker Studnitz: Die Abschaffung dieses Amtes hätte -- laut Jürgens -- zur Folge, "daß Soldaten statt an den Wehrbeauftragten vermehrt an ihre Zeitung oder an ihre Abgeordneten schrieben, wo die betreffenden Fälle mit weit weniger Sachverstand behandelt würden".
Grundsätzlich haben die Herren von der Hardthöhe ihren konservativen Kritiker Studnitz in dem schlimmen Verdacht, daß "er seine Kritik von einem geistigen und politischen Standort aus ansetzt, der mit der gesellschaftlichen und politischen Ordnung in der Bundesrepublik schwer oder nicht vereinbar ist".
Desto unangenehmer -- und auch unbegreiflicher -- ist es den hochchargierten Stählern von FÜ S I, daß der Appell des Zivilisten Studnitz zur Rettung der Bundeswehr soviel Resonanz bei den Soldaten gefunden hat.
Eher resigniert als belustigt kolportieren sie einen Kasinowitz, der sich bei der Truppe bereits des Studnitz-Erfolges bemächtigt hat: "Im Kasino der Kampftruppenschule Munster liegt das Studnitz-Buch auf einem schwarzen Kissen, flankiert on zwei Kandelabern, und jeden Morgen wird unter dumpfem Trommelwirbel eine Seite umgeblättert."

DER SPIEGEL 5/1968
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 5/1968
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BUNDESWEHR / STUDNITZ-BUCH:
Antwort von FÜ S I

  • Hilfe für bedrohte Korallenriffe: Das Geräusch der Fische
  • Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel
  • Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden
  • Erster Filmtrailer: "James Bond 007 - Keine Zeit zu sterben"