29.01.1968

JUGOSLAWIEN / PARTEISÄUBERUNGPension mit Jaguar

Der Serbe mit dem Bart war Partisan der ersten Stunde. Tito lobte ihn 1941 -- schriftlich: Bataillonskommandeur Radivoje Jovanovic (Tarnname: "Bradonja" -- "Der Bärtige") vollbrachte an einem einzigen Tage 17 Taten gegen die deutsche Besatzungsmacht.
Zusammen mit dem jungen Metallarbeiter Stjepan Filipovic griff er Gemeindearchive, Telephonkabel, Elektrozentralen, eine Gummifabrik in Belgrad, den Eilzug 860, Kollaborateure und königstreue Gendarmen an.
Mitkämpfer Filipovic wurde von den Deutschen gefaßt und, ein Hoch für Moskau auf den Lippen, auf dem Marktplatz von Valjevo öffentlich gehenkt. Kampfgenosse Jovanovic aber machte Karriere: Am 20. November 1941 durfte er seinem Chef Tito persönlich rapportieren.
Für Jovanovic ließ Tito in seinem geheimen Quartier gleich dreimal den "Partisanenmarsch" spielen. Unter dem Schutz von Jovanovic-Kanonen zog Tito sich später aus Serbien nach Bosnien zurück.
Auf den Tag genau 26 Jahre später ließ Jugoslawiens KP den SPIEGEL (48/1967) verbieten, weil er über Zwist zwischen dem alten Partisanen-General und seiner Partei berichtet hatte. Jovanovic zum SPIEGEL: "Jeder, der mein Photo veröffentlicht, wird verklagt!"
Trotz Verbot wanderten am 22. November SPIEGEL-Bilder durch den Saal des Gewerkschaftshauses am Belgrader Marx-Engels-Platz, in dem das serbische Zentralkomitee den Jovanovic-Zwist diskutierte. Der zuständige Parteisekretär Bogosavljevic über Jovanovic: "Ein Fraktionist und Parteischädling."
Schädlinge werden derzeit allenthalben in Jugoslawiens KP, dem "Bund der Kommunisten", entdeckt. Titos Rote sind auf dem Weg zu Demokratie und Dezentralisierung am weitesten vorangekommen. Doch die Feinde der neuen Freiheit -- Expartisanen, Altkommunisten, Stalinisten -- profitieren von der verordneten Dezentralisierung. Und die Freunde der Refor-
* Bei seiner Hinrichtung durch die deutsche Besatzungsmacht 1941.
men müssen auf Eingriffe von oben hoffen -- die sie beseitigen wollten.
Eine liberalere Wirtschaftsverfassung schaffte die Subventionen für unrentable Betriebe ab und nahm dafür selbst Arbeitslose in Kauf, Arbeiterräte empörten sich dagegen. Der Betriebsrat des Kopavnik-Kombinats wollte seinen Direktor feuern, der reformfeindliche Fraktionsbildung verurteilt hatte. 600 Arbeiter verteidigten ihn durch Streik.
Altpartisan Jovanovic war von konservativen Bauern in Lazarevac zum Abgeordneten gewählt worden -- gegen den Willen der Partei. Wie in alten Zeiten mußte die Parteizentrale eingreifen -- Stalinist Jovanovic flog aus dem Kommunistenbund.
Wie in alten Zeiten mußte Tito -- zur Rettung seiner Reformen -- verkünden: "Wenn die Mehrheit eine Entscheidung trifft, hat die Minderheit sich zu unterwerfen," Und: "Darum müssen wir die Partei von denjenigen säubern, die keinen Platz in ihr haben."
Etwa 400 Mitglieder der Beigrader Parteiorganisation wurden gesäubert. 336 kroatische Genossen, darunter 19 Partisanenkämpfer der ersten Stunde, traten freiwillig aus. 1966 verloren insgesamt 13 488 Kommunisten ihr Parteibuch; mehr als die Hälfte der Ausgeschlossenen waren Arbeiter (7029) und Jugendliche (1440).
Prominentestes Opfer der Partei war Tito-Vize Rankovic im Juli 1966.
Geheimpolizei-Chef Rankovic hatte sich als künftiger Tito-Nachfolger aufgeführt und dabei enge Kontakte zu Moskau unterhalten. Er wurde entlarvt, gestürzt, begnadigt und ist heute Staatspensionär mit Adriavilla und Luxuswagen des Typs "Jaguar".
Im November 1967 stürzte Slobodan Krstic (Partisanenname "Uca"), bis September 1965 jugoslawischer Generalkonsul in München. Er hatte sich nach dem Krieg durch die Verhaftung des gefährlichsten innenpolitischen Tito-Gegners verdient gemacht, des Tschetnik-Führers Draza Mihajlovic.
Jetzt genießt Staatspensionär Krstic allmorgendlich bei türkischem Kaffee und serbischem Sliwowitz in Belgrads Hotelrestaurant "Majestic" den Ruhestand.
Titos Ungnade führt nicht mehr ins Gefängnis. Der serbische Staatssicherheitschef Vojin Lukic wurde Berater eines in der Knez-Mihajlova-Straße Nr. 17 residierenden Rechtsanwalts. Er vertritt derzeit die Interessen jugoslawischer Ölofenhersteller gegen die Dumpingpreise der Konkurrenz: serbische Zuchthäuser -- die Lukic einst selbst beschickt hatte.
Die um Stellung und Privilegien besorgten Rankovic-Anhänger der unteren Funktionärsschicht aber gingen in den politischen Untergrund. Auf den Dörfern verbreiteten sie Gerüchte -- etwa jenes, der Vater der jugoslawischen Wirtschaftsreform, Sergej Krajger, sei ein CIA-Spion.
Die Untergrund-Kommunisten werden sogar von der Polizei verdächtigt, an den 4821 vorjährigen Schadensfeuern beteiligt zu sein, die allein in den ersten beiden Monaten 1967 Werte in Höhe von 108 Millionen Mark vernichteten (SPIEGEL 41/1967).
Einigen konservativen Widersachern Titos gelang der Sprung in die Legalität: Sie ließen sich -- wie Jovanovic -- zu Wahlen aufstellen und gelangten bis ins Bundesparlament, wo sie prompt gegen alle Reformen stimmten.
Doch die Umwandlung Jugoslawiens in eine sozialistische Demokratie ist der Partei wichtiger als die Demokratie in der Partei. Mijalko Todorovic, zweiter Mann in der jugoslawischen KP: "Von 1,1 Millionen Mitgliedern ist eine Million zuviel."

DER SPIEGEL 5/1968
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