29.01.1968

THEATER / FRISCHAbend mit Antoinette

Sechs Jahre lang hat der Theatergänger nichts Neues von Max Frisch, 56, gesehen. Jetzt kann er einen neuen Frisch betrachten.
Am Donnerstag dieser Woche erlebt im Zürcher Schauspielhaus, auf Frischs Stammbühne, das jüngste Produkt des Schweizer Dramatikers die erste Nacht. Am Sonnabend darauf spielen es München, Frankfurt und Düsseldorf nach; insgesamt wird es noch in dieser Spielzeit auf 15 Bühnen kommen.
Das Werk, nach Hochhuths Churchill-Pasquill "Soldaten" das zweite Groß-Stück dieser Saison, führt an einen Kreuzweg in Frischs Karriere: Nach Polit-Parabeln wie "Biedermann und die Brandstifter" oder "Andorra" markiert es den Rückzug ins Privatleben. Sein Titel: "Biografie".
"Die Domäne der Literatur", sagt Frisch jetzt, "ist das Private." In dieser Domäne hatte er bislang nur seine Romane einquartiert.
Frischs Schaffen war übersichtlich nach der "Janus-Methode" (Frisch) geteilt. In seinen Romanen "Homo Faber", "Stiller", "Mein Name sei Gantenbein" -- hatte Frisch Intim-Konflikte um Liebe, Inzest und Ehe abgehandelt, unter besonderer Berücksichtigung des Identität-Problems.
In den Dramen hingegen waltete Frisch seines Amtes für öffentliche Angelegenheiten; mit dem Landsmann Dürrenmatt begründete er den Nachkriegsruhm des deutschzüngigen Theaters als polit-moralische Anstalt.
Die "Biografie" lenkt nun zurück in den Roman-Raum; mit Frischs jüngstem Buch, dem "Gantenbein" (1964), ist das Theaterstück in Stoff und Machart sehr verwandt. Der Roman, sagt Frisch, war sogar nur "ein Umweg zu diesem Stück", eine "Einübung in diesen Problemkreis".
Beim "Gantenbein" hatte sich der Schweizer vorgenommen, "eine Person möglichst präzise zu beschreiben unter strikter Auslassung ihrer faktischen Lebensgeschichte". Und der Held weigerte sich, "die Geschichte, die er hat, als die einzig verbindliche über sich anzuerkennen" -- wie der "Biografie"-Held, der Verhaltensforscher Dr. Kürmann.
Dem Romanbruder Gantenbein gleich probiert er "Geschichten an wie Kleider" -- mehr noch: Er kann sein ganzes bisheriges Leben revidieren, Ehen anders wiederholen, die längst verstorbenen Eltern wiedersehen und eine einst geliebte Mulattin im Bikini; er kann Affären ausschlagen und eine gegebene Ohrfeige ungeschehen machen. Am Ende freilich wartet ·stets Freund Hein mit einem Magenkrebs auf ihn, dem "Angstwort für Tod" (Frisch).
Für diese Freizügigkeit hat Frisch der eingleisigen, kausalen Dramaturgie der Klassik den Abschied gegeben (siehe Interview Seite 137); ein namenloser "Registrator" erschließt dem Dr. Kürmann jene fabelhafte Simultaneität von Zeit und Raum.
Kürmann, Pfeifenraucher, Schachspieler und Ehe-Grübler wie Frisch, wünscht vor allem "eine Biografie ohne Antoinette". Der Registrator läßt die Handlung, wie bei einer Theaterprobe, noch einmal an dem Abend anheben, da Dr. Antoinette Stein, 29 und Adorno-Schülerin, nach einer Party allein bei Kürmann blieb.
Aber auch in der Zweitfassung seines Lebens kann sich Kürmann (küren -- wählen) vom lieben Gast nicht trennen -- Antoinette wird wieder Kürmanns Frau. Und auch die übrigen Variationen, die der Doktor durchprobiert, ergeben wenig Neues: Sein Beitritt zur KP kostet ihn die Professur, dafür schreibt er ein Buch für Rowohlt: fünf Schüsse, die er auf die treulose Antoinette abfeuert, läßt er aus dem Dossier des Registrators tilgen, als er der Zuchthausmauern ansichtig wird.
So bietet Kürmann ein Muster jener Intellektuellen, die einst als heimatlose Linke galten, heute aber als jene pfeifestopfenden, leberleidenden Salon-Zelebritäten umgehen, die von der Linken längst rechts liegengelassen wurden.
"Biografie" hat die kühle, helle Atmosphäre eines Labor-Experiments. Das Stück, sagt Frisch, ist eine "belletristische Anwendung der Verhaltensforschung", und er betrachtet als "Komödien-Element, daß ein Verhaltensforscher sich selbst beobachtet".
Als Hauptmittel, vom gehaßten "Abbildungstheater" wegzukommen, nutzt Frisch den Registrator: Sein Dirigieren, halb Probe, halb Versuchsreihe, soll bewirken, daß statt der Wirklichkeit nur Reflexion über sie auf die Bühne dringt. Der Allmächtige erinnert an Mephistopheles und an die Beamtin der Totenwelt in Sartres "Das Spiel ist aus".
Frisch will sich den Mann nicht metaphysilieren lassen -- er sei lediglich eine "Hilfskonstruktion", ein "Linienrichter". Sein wahres Gesicht wird er erst auf der Bühne enthüllen. Auch ob die "Biografie" mehr ist als ein intelligentes Puzzle-Spiel, müssen die Premieren weisen -- wenige Stücke sind so von der Inszenierung abhängig.
Vom ersten Uraufführungs-Regisseur, Rudolf Noelte, hatte sich Frisch getrennt -- der sei "verkehrt in diese Garage gefahren". Die Vakanz übernahm Leopold Lindtberg, der scheidende Chef des Zürcher Schauspielhauses. Lindtberg läßt den Registrator, verkörpert vom Quiz-Master Peter Frankenfeld, nach Frisch-Vorschrift links am Stehpult kommandieren. In den Münchner Kammerspielen (Regie: August Everding) sitzt er wie ein Tennis-Schiedsrichter auf einem hohen Gestühl im Hintergrund.
Frisch, der seine Zeit halb in einem einsamen Bauernhaus im Tessin, halb im 20. Stockwerk eines Zürcher Wolkenkratzers verbringt, hat neben Lebens- auch Leber-Erfahrungen in das Schauspiel eingebracht: Die umfangreichen Diät-Vorschriften in der "Biografie" ("Nichts was bläht. Quark jederzeit") lernte er kennen, "weil ich selber mal leberanfällig war".
Für eine neuerfundene Szene in der Münchner Aufführung hatte er sich weniger gut informiert. Kürmann soll darin einem SPIEGEL-Mann Rede und Antwort verweigern, weil das Blatt einst ein Kürmann-Gespräch falsch wiedergegeben habe.
Darüber belehrt, daß jedem SPIEGEL-Befragten das Gespräch zur Korrektur vorgelegt werde, versprach Frisch Änderung der Szene.
* Ullrich Haupt, Peter Frankenfeld und Regisseur Leopold Lindtberg.

DER SPIEGEL 5/1968
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