22.01.1968

BERLIN / POLIZEILetzte Wahl

Der Posten wird mit einem Jahresgehalt von 50 720 Mark dotiert. Aber keiner wollte ihn.
Verwaist blieb das Amt des West-Berliner Polizeipräsidenten, seit sich die Polizei der Stadt durch ihre Knüppel-Oper am 2. Juni in Verruf gebracht hatte und Polizeiherr Erich Duensing gehen mußte. Er war es, der die Studenten-Demonstration nach dem "Leberwurst-Prinzip" ("In der Mitte hineinstechen und nach beiden Seiten ausdrücken") zerschlagen ließ; der Student Benno Ohnesorg wurde dabei erschossen.
Ebenso diskret wie vergeblich bemühte sich der West-Berliner Senat. einen Duensing-Nachfolger unter westdeutschen Polizeichefs anzuwerben. Allein Münchens Polizeichef Manfred Schreiber zeigte Verständnis für die bedrängte Stadt und wollte dem Senat wenigstens für zwei Jahre als Übergangspräsident dienen. Doch Oberbürgermeister Vogel (SPD) intervenierte, und Schreiber blieb an der Isar.
Gründe für die Abneigung, im Tempelhofer Polizei-Hauptquartier Stellung zu beziehen, gab es genug. Denn Polizist sein heißt in Berlin zwar wie in Frankfurt oder Hamburg auch: Verkehrsknoten lösen, Betrunkene einsammeln, Verbrechen bekämpfen. Es bedeutet zugleich aber, "inmitten des kommunistischen Machtbereichs jederzeit einsatzbereit und schlagkräftig zu sein" (Ex-Bürgermeister Albertz).
Zudem braucht der Berliner Polizeipräsident robuste Konstitution: Er wird vom Parlament direkt gewählt und läuft deshalb bei möglichen Auseinandersetzungen mit der leicht zum Streit aufgelegten SPD-Fraktion Gefahr, abgewählt zu werden. Und diplomatisches Geschick hat er nötig, weil er nicht nur Senat und Parlament, sondern auch den alliierten Kommandanten des Besatzungsgebietes West-Berlin verantwortlich ist. Widmet sich der Diener dreier Herren dann auch noch dem Versuch, die militante Moral der 20 000 Mann starken Schlagstock-Truppe zu mildern, riskiert er Schwierigkeiten mit dem durchaus frontstadtbewußten Offizierkorps.
Wie kein anderer Berliner Amtsträger steht der Chefpolizist im Kreuzfeuer öffentlicher Kritik. Härte und Hauen im Umgang mit den aufmuckenden Studenten würden ihm im linken Lager unverzüglich den Ruf eines Notstandspolizisten eintragen. Milde gegenüber der außerparlamentarischen Opposition aber brächte ihn beim Volk von Berlin in Verruf, dem die Polizei ohnehin zu lasch ist.
Der neue Mann sollte nach Vorstellung der regierenden Sozialdemokraten denn auch nahezu unerfüllbare Bedingungen erfüllen: Er sollte Volljurist und Philanthrop, SPD-Mitglied und überparteilich, reich an Polizeierfahrung, zugleich aber jung an Jahren sein. Und die Alliierten erwarten von dem neuen Mann, dessen Wahl sie bestätigen müssen, eine lupenreine Vergangenheit.
In Berlin schien so ein Mann nicht auffindbar. Entweder stand die Vergangenheit im Wege -- so erging es dem West-Berliner Schupo-Kommandeur Hans-Ulrich Werner, dem DDR-Zeitungen NS-Mitgliedschaft und "Partisanenbekämpfung" im Zweiten Weltkrieg vorwarfen. Oder die Persönlichkeitskonturen paßten nicht in die Mauer-Landschaft -- so schied etwa der Sozialdemokrat Joachim Prill, Chef der Polizeiaufsichtsbehörde des Senats, als Nachfolger aus, weil er die "Hemdsärmel um eine Lage zu weit aufgekrempelt hat" (so Innensenator Kurt Neubauer).
In dieser aussichtslos scheinenden Notlage griffen die regierenden Sozialdemokraten in der letzten Woche schließlich auf einen Mann zurück, der ihnen bis dahin wegen seines Parteibuchs nicht akzeptabel erschienen war: Polizeivizepräsident Georg Moch, 47, CDU-Mann und Katholik, soll nun Polizeipräsident werden.
Stellvertreter Moch galt im Tempelhofer Polizei-Hauptquartier schon immer als der eigentliche Präsident. Der oberschlesische Berufs-Jurist schickte sich in die notwendige Arbeitsteilung, als 1962 der ihm erst unterstellte Schupo-Chef Duensing sein Vorgesetzter wurde: Moch administrierte, Duensing kommandierte.
Der Mann, der im Zweiten Weltkrieg schwer verwundet wurde und heute in seinem Arbeitsstab nur Zivilisten duldet, der sich in jungen Jahren der Theologie zuwandte und in seiner Freizeit Wikingerschiffe bastelt, war die letzte Wahl von Bürgermeister und Innensenator Neubauer. Erstaunt vernahmen es die Genossen vom SPD-Fraktionsvorstand -- und sie akzeptierten den politischen Gegner.
Daß Neubauer seinen Polizeipräsidenten nach langem Zögern aus den Reihen der Oppositionspartei erkor, trug ihm schnell den Ruhm ein, ein Politiker ohne engstirnigen Parteihorizont zu sein. "Der Abend" lobte, Neubauer sei "über den eigenen Schatten gesprungen".
Gleichwohl hatte der sozialdemokratische Stratege seine Auswahl nicht ohne Vorbedacht getroffen: Neubauer hofft, daß er mit dem Christdemokraten Moch an der Spitze der Polizei die von der Berliner Presse stark beachtete Kritik der CDU eindämmt, er behandele rebellische Studenten nicht mit genügendem Nachdruck.

DER SPIEGEL 4/1968
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