22.01.1968

VERFASSUNGSSCHUTZ / STUDENTENM 3951 KN

Es begann unter vier Augen an einem Nachmittag im Kieler Café Pursche. Es endete vor 2500 Studenten um Mitternacht in der Neuen Mensa der Kieler Universität. Am Dienstag vergangener Woche offenbarte der Student Detlef Gritzka, 23, daß er unter dem Decknamen "Grillparzer" für den Verfassungsschutz tätig gewesen ist.
Zum drittenmal innerhalb weniger Wochen scheiterte ein Versuch des Verfassungsschutzes, Studenten für die Überwachung von Studenten zu gewinnen. Doch zum erstenmal mißlang ein solches Ausspähungs-Unternehmen erst, nachdem ein Student -- Gritzka -- monatelang den willigen Gehilfen gespielt und dabei die Methoden des Verfassungsschutzes studiert hatte.
In Gießen hatte am 10. November vergangenen Jahres der Student Martin Siegler, 21, die Mitarbeit sogleich abgelehnt. Der Student Ulrich Weyl, 22, nahm nur 75 Mark und den Decknamen "Atze Wolf" entgegen, dann verständigte er den Allgemeinen Studentenausschuß (Asta) und seinen Vater. der zur Zeit Rektor der Universität ist (SPIEGEL 50/1967).
In Göttingen benachrichtigte kurz darauf ein -- anonym gebliebener -- Student auch gleich Rektor und Asta, daß er für Spähaufgaben angeheuert werden sollte. Wie an allen deutschen Hochschulen wird auch dort der linke "Sozialistische Deutsche Studentenbund" (SDS) vom Verfassungsschutz überwacht. Dessen Auftrag ist es, radikale Organisationen daraufhin zu observieren, ob sie verfassungsfeindliche Ziele verfolgen.
In Gießen und Göttingen bemühten sich die Beamten in vertraulichen Gesprächen um Studenten als V-Männer. In Kiel hingegen gaben sie eine Suchanzeige auf. In den "Kieler Nachrichten" boten sie "leichte journalistische Tätigkeit, bes. für Studenten geeignet" an und versprachen "gute Honorierung". Zuschriften wurden unter "M 3951 KN" erbeten.
Gritzka, Student der Soziologie und Volkswirtschaft, schrieb und wurde ins Café bestellt. Dort erwartete ihn ein Verfassungsschutz-Mann" der sich als "Rolf Wilke" auswies.
Der Student akzeptierte den Geheim-Job, kassierte ein Handgeld von 100 Mark und erhielt für die Überwachung des SDS monatlich 100 Mark.
Anrufen konnte er seine Auftraggeber unter den Nummern 54063 und 54120, schriftliche Berichte schickte er auf vorgedruckten Formularen ein. Zu Weihnachten bekam er eine Flasche deutschen Weinbrand als Präsent für treue Dienste.
Gritzka führte zwar die Aufträge aus; er sah sich Sowjet-Filme ("Oktober") und ihr Publikum an, hörte Vorträge über Notstand und über Revolution.
Von Anfang an wußten einige Freunde von seinem Job. Seit Anfang Dezember hielt "Grillparzer" auch den Kieler SDS-Vorsitzenden Bernhard Achterberg, 22, auf dem laufenden. Nie zuvor und nirgendwo sonst erfuhren die aufsässigen Studenten so genau, was die Staatsgewalt über sie erfahren wollte.
Als Gritzka-Grillparzer in der vergangenen Woche sein Doppel-Spiel beendete, waren sich -- wie zuvor in Gießen und Göttingen -- Rektor und Studenten einig im Protest. Magnifizenz Wolf Herre, 58, versprach sogar, notfalls mit den Studenten "auf die Barrikaden" zu gehen. Die SPD stimmte in den Entrüstungs-Chor mit ein, und sogar die Junge Union forderte einen parlamentarischen Untersuchungsausschuß.
Doch anders als Hessens Innenminister Schneider (SPD), der sich nach dem Gießener Debakel sogleich von den Methoden seiner Verfassungsschützer distanziert hatte, besann sich Schleswig-Holsteins Innenminister Hartwig Schlegelberger (CDU) auf seine Dienstherren-Pflicht.
Schlegelberger über die Affäre: "Dafür bin ich verantwortlich." Er verteidigte sich und seine Beamten mit SDS-Zitaten. Einer seiner Belege dafür, daß die Überwachung der linksradikalen Studenten legitim sei: In einem Flugblatt hatten sie das Parlament als "eine vom Monopol-Kapital lizenzierte Schwatzbude" bezeichnet.

DER SPIEGEL 4/1968
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