22.01.1968

KIRCHE / THIELICKEMookt wi

Meine Herren", sprach Brigadegeneral Dr. Hermann Wulf, 52, zu seinen Offizieren, "wer sich als verantwortlicher Christ fühlt, möge mit mir in die Kirche gehen."
Was der Kommandeur der Heeresoffizierschule II zu Hamburg-Wandsbek, genannt "General Mookt wi" ("Machen wir"), den versammelten Offizieren und Fähnrichen antrug, war rund 50 Untergebenen Befehl.
Am Sonnabend vorletzter Woche, gegen 15.30 Uhr, besetzten die Soldaten Christi -- als Staatsbürger ohne Uniform -- alle taktisch wichtigen Punkte der Hamburger Kirche St. Michaelis. Sie postierten sich unter der Kanzel und auf der Empore, hinter dem Eingang und vor dem Altar -- bereit, das Wort Gottes und des Predigers D. Dr. Helmut Thielicke D. D., 59, Theologie-Professor an der Universität Hamburg, notfalls mit ihren Händen zu verteidigen.
Denn ins Gotteshaus stand eine Aktion des SDS, des radikalen linken Studentenbundes, der den Professor Thielicke in eine Diskussion verwickeln wollte. "Daß man in die Kirche beruhigende Elemente hineingibt", erschien dem General "Mookt wi" daher die richtige Abwehrmaßnahme. Er mochte nicht untätig zusehen, wie "unsere Ordnung subversiv kaputtgemacht wird".
Unterstützt wurde das hundertfäustige Wachkommando durch im VW-Behördenbus angereiste Zivilpolizisten, Thielicke-treue Theologie- und Medizinstudenten, Kirchenvorstandsmitglieder, fromme Jungmänner und zwanzig Kirchendiener aus Nachbargemeinden; in der nahen Polizeiwache Schaarmarkt standen zusätzlich zwei Gruppen Uniformierte bereit.
Während Johann Sebastian Bachs e-Moll-Fuge durch die Kirche orgelte, inspizierte der General zwischen Altar und Portal seine Truppe und stellte sich auf Feindberührung ein. Schon verteilte der Gegner im Gotteshaus Handzettel mit Texten wie "Kapital unser das du bist im Westen -- Amortisieret werde deine Investition -- Dein Profit komme ...
Doch als der "in Zungenschlägen redende Gottesmann" ("Süddeutsche Zeitung"), an diesem kalten Tage etwas verschnupft, auf die Kanzel stieg, blieben wider Erwarten der Militärs die Kampfhandlungen aus. Denn den sonst Klamauk nicht abgeneigten Studenten ging es, wie sie in einem Flugblatt kundtaten, "keineswegs um Störung des Gottesdienstes". Die Roten vom SDS standen artig auf, wenn sich Mütterchen und Fähnriche zum Gebet erhoben.
Nur ein einziger, dünner Zwischenruf, von wenigen vernommen, tönte durch das Gotteshaus, während Thielicke. zuweilen mit gebauter Faust und emporgerecktem Kinn, sein Manuskript über "Das zwiespältige Herz" verlas. Und als die Studenten nach dem Thielicke-Wort "Gott braucht Menschen, mit denen er Schlachten schlagen kann ... Amen" zu einer Diskussion übergehen wollten, vereitelte eine geschickte Kirchen-Regie jeglichen Wortwechsel.
Mit Musik ging alles besser als befürchtet.
"Bitte die Orgel ... Wir singen", signalisierte Prediger Thielicke, als sich ein junger Kirchgänger erhob und bat: "Herr Professor, wir möchten mit Ihnen über Ihre Predigt diskutieren." Und die Gemeinde stimmte bekannte fromme Lieder an, damit möglichst viele lautstark mitsingen konnten.
Als der Sprecher im Parkett erneut ansetzte ("Herr Professor ), unterbrach der Geistliche: "Die Gemeinde erhebt sich noch einmal ..."
So ging die Diskussion in Sang und Klang unter, und Professor Thielicke bat im Gebet: "Erbarme dich der vielen jungen Menschen, die in Unruhe und Leere dahinirren, die so hirtenlos sind. Begegne ihnen doch in ihrer Wüste."
Rund 300 vermeintliche Wüstensöhne verharrten vor dem Altar, nachdem Thielicke unter Orgelgebraus die Kirche verlassen hatte. Unter den Aufbrechenden bahnte sich ein rudimentäres Gespräch an. Ein ungläubiger Junger zu einem gläubigen Alten: "Aber wie soll denn der Krieg in Vietnam beendet werden?" Ironischer Zwischenruf: "Durch Glauben, du Knallkopp.
Während Kirchendiener stufenweise das Licht ausknipsten, suchten Thielicke-Gegner, darunter Dutzende junger Pastoren, Vikare und Theologiestudenten, zu begründen, warum im Gottesdienst über die Predigt diskutiert werden müsse.
In der fast leeren Kirche meckerte ein junger Christ: "Wenn Thielicke hier autoritär von der Kanzel herab Gesellschaftskritik übt, 2000 ahnungslose Leute durch Emotionen negativ programmiert, ein Gebet sprechen läßt, damit alles richtig sitzt, und sie dann nach Hause schickt, ohne daß andere theologische Richtungen zu Wort kommen, dann grenzt das an Zynismus."
Die widerspenstigen Kirchgänger, darunter 16 SDS-Leute, beanstandeten Predigt-Passagen wie: "Wir wissen, daß die Welt nicht anders werden kann, wenn unser altes Herz ... nicht zuerst anders wird". Und was Thielicke in einem Halbsatz des Gebets über Vietnam ("Erbarme dich der Opfer von Vietnam, und sprich nur ein Wort, damit sich die Wogen legen") verlas, erschien ihnen pharisäerhaft.
Nach ähnlichen Thielicke-Äußerungen hatte sich schon am 2. Dezember vorigen Jahres im "Michel" der Hamburger Studienrat Bernhard Nierth, 38, nach der Predigt erhoben und ein Gespräch über Christentum und Vietnam gefordert. Schon damals übertönten Orgelklänge die Szene -- allerdings auch die Empfehlung frommer Kirchgänger an den Pädagogen: "Ins KZ!"
Obwohl Thielicke die Linken zunächst diskussionsunwürdig fand, ließ er sich, zwei Tage nach seiner letzten Predigt am Montag vergangener Woche, doch darauf ein, im Gemeindehaus der Kirche St. Michaelis öffentlich zu diskutieren. Seine Widersacher aus dem SDS blieben dieser Veranstaltung, von der sie sich kein Spektakel versprechen konnten, freilich fern.
Gleichwohl war nach einer zweistündigen Diskussion auch unter den älteren Zuhörern kaum noch jemand bereit, Thielicke zu unterstützen. Als die 350 anwesenden Gemeindemitglieder darüber abstimmten, ob künftig im "Michel" diskutiert werden sollte, votierten nur sieben Teilnehmer (zwei Prozent) gegen Predigt-Gespräche.
Mühsam hielt sich der sprachgewaltige Theologe zurück: "Ich will diesen Abend nicht mit einem Krach schließen, obwohl es mir sehr naheliegt, diesen Krach jetzt zu inszenieren."
Daß er für seinen Gottesdienst am Sonnabend vorletzter Woche in der St.-Michaelis-Kirche die Streitkräfte zu Hilfe gerufen habe, streitet der Professor ab. Thielicke zum SPIEGEL: "Ich habe nicht die Bundeswehr angefordert."
Brigadegeneral Wulf, vom SPIEGEL gefragt, ob Thielicke ihn um den "Michel"-Schutz gebeten habe: "Ja, so ist es."

DER SPIEGEL 4/1968
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