22.01.1968

FUSSBALL / TRAINER-GAGENSechs über 10000

Bei Roulade, Erbsen und Kartoffelbrei berieten die 18 Trainer der deutschen Fußball-Bundesliga in einer Frankfurter Villa über ihre Zukunft. Die Manager der jüngsten Branche im Schaugeschäft beschlossen, künftig keine Gehälter mehr zu kassieren. Sie wollen -- wie die Künstler -- Gagen.
Die Kicker-Kommandeure scheuen den Vergleich mit normalen Gehaltsempfängern. Denn: Trainer, die sich mit ihrer Mannschaft an die Tabellenspitze vorkämpften, erzielten höhere Einkünfte als der Bundeskanzler (8822 Mark). Trainer, die zu viele Spiele verloren, verloren auch ihren Posten.
Anderthalb Jahre lang hatten die Bundesliga-Klubs ihre Trainer-Gehälter zu verheimlichen vermocht. Da drang 1964 durch eine Indiskretion an die Öffentlichkeit, daß Max Merkel bei München 1860 monatlich 11 000 Mark bezog. Vorstandsmitglied Franz Bickel von München 1860 trat aus Protest zurück.
Das ist heller Wahnsinn", empörte sich der Berliner "Tagesspiegel". Und Bild rechnete vor, daß Spitzentrainern ihr Risiko fünfmal so hoch wie Starfighter-Piloten vergütet wird. Bayerns Finanzminister Dr. Konrad Pöhner versprach, streng zu prüfen, ob Merkels Verein weiterhin als gemeinnützig gelten dürfe.
Doch statt maßzuhalten, forderten nun auch Merkels Rivalen gleichen Lohn für alle -- vor allem Zlatko ("Tschik") Cajkovski. der 1965 den FC Bayern als zweiten Münchner Klub in die Bundesliga geführt hatte. Tatsächlich kletterte seine Gage bis 1966 auf 15 000 Mark.
München ist die einzige Stadt mit zwei Bundesliga-Klubs; jeden Sonnabend bittet einer der beiden Konkurrenten die Fußball-Fans zur Kasse.
Weinkenner Merkel und Schlemmer Cajkovski füllten das Stadion (Fassungsvermögen: 42 500 Besucher) fast zu jedem Bundesliga-Spiel. Beide Klubs siegten nacheinander im deutschen Pokalfinale. Merkeis Mannschaft errang 1966 sogar die Deutsche Meisterschaft. Als Meister- und Pokalsieger qualifizierten sich beide Equipen für den Europacup. den gewinnträchtigsten Fußball-Wettbewerb der Welt; ein Spiel brachte schon bis zu eine Million Mark ein.
Durch die zusätzlichen Einnahmen aus den Europapokal-Kämpfen vermochte Merkeis Verein fast eine Million Mark Schulden abzutragen. Die beständige Rivalität um das Wohlwollen der zahlenden Zuschauer beendete allerdings die frühere Freundschaft der beiden Münchner Trainer.
Trotz seiner Erfolge stürzte Merkel im Dezember 1966. Die Spieler von München 1860. denen er zu maximal 5000 Mark Monatseinkommen und ins Europacup-Finale verholfen hatte. wählten den Bundesliga-Trainer ab. der seine Kicker am härtesten schliff. Der Verein entließ ihn. Merkel wurde vom 1. FC Nürnberg angeheuert, dem der Abstieg drohte.
Konkurrent Cajkovski triumphierte: Nun war er mit seiner auf 17 500 Mark angehobenen Gage der Spitzenverdiener unter den Bundesliga-Lehrern. Das niedrigste Gehalt (2800 Mark) bezieht sein Bruder Zeljko beim Aufsteiger Borussia Neunkirchen.
Schon ein halbes Jahr später, im Juni 1967, überholte Merkel seinen Gegenspieler wieder. Im Frühling 1967 hatte er den 1. FC Nürnberg vor dem Abstieg gerettet. Der Klub belohnte Merkel mit der Rekordgage von 20000 Mark (netto: 9890 Mark). In der neuen Saison 196711968 erkämpfte Merkel sofort die Tabellenspitze.
"Soviel ist kein Trainer wert", kritisierte Maizena-Direktor und HSV-Präsident Carl Mechlen. " Mit diesen Phantasie-Gehältern ruinieren sich die Vereine selbst. Der HSV besoldete infolge unzulänglichen Managements zeitweise drei Trainer gleichzeitig.
"Wenn rachitische Keuchhüstler am Abend auf der Bühne ebensoviel verdienen wie ich im Monat", verglich Merkel sich mit Beatsängern. "komme ich mir noch bescheiden vor. Sein Erfolg gab ihm recht: Ohne Merkel verpaßte München 1860 zusätzliche Einnahmen im Europacup. Zudem erschienen zu den ersten acht Punktkämpfen der neuen Spielserie 35 000 Zuschauer weniger als zur vergleichbaren Zeit ein Jahr vorher -- als Merkel die Münchner noch trainierte. Mindereinnahmen: 180 000 Mark.
Dagegen verdoppelte der 1. FC Nürnberg -- mit Merkel -- die Besucherzahl (auf 338 845) und die Einnahmen (auf 1.5 Millionen Mark). "Was der Merkel uns in einem Jahr kostet", rechtfertigte Nürnbergs Präsident Walter Luther die Rekordgage, "hat er in fünf Spielen wieder eingebracht."
Findige Bundesliga-Trainer sparen ihren Arbeitgebern außerdem durch erfolgreiche Nachwuchs-Förderung beträchtliche Summen ein. Die Nationalspieler Friedhelm Konietzka und Jürgen Schütz, die Merkel beispielsweise bei Vorstadtvereinen entdeckt hatte, erreichten einen Kurswert von zusammen 1,7 Millionen Mark.
Im kommenden Juli wird Cajkovski mit seinem alten Konkurrenten Merkel gleichziehen und ebenfalls 20 000 Mark kassieren -- als Trainer bei Hannover 96, wo er sich für die neue Saison verpflichtete. Inzwischen verdienen schon sechs Bundesliga-Trainer 10000 Mark und mehr. Neben Gehältern und Prämien erschlossen sich die pfiffigsten weitere kostensparende Vorteile. Albert Sing fuhr beim VfB Stuttgart und bei München 1860 einen klubeigenen Dienstwagen. Hannover 96 überließ Trainer Horst Buhtz ein mietfreies Apartment.
Aber den Einkünften entsprach das Risiko. Seit dem Bundesliga-Start 1963 haben acht Klubs allein 35 Trainer verschlissen. Nur einer. Helmut Johannsen, hielt von der Bundesliga-Premiere bis jetzt bei einem Klub aus -- dem Meister Eintracht Braunschweig.
Doch Johannsen schlug der Zwang zum Erfolg auf die Galle. Im Dezember 1967 mußte er sich -- wie vorher schon Merkel -- einer Gallen-Operation unterziehen. Im gleichen Monat brach in Kaiserslautern Trainer Otto Knefler zusammen: Kreislaufkollaps.
Selbst das Finanzamt beurkundete den Fußball-Lehrern das erhöhte Berufsrisiko: Es stuft sie wie Hochseil-Akrobaten ein -- als Artisten.

DER SPIEGEL 4/1968
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FUSSBALL / TRAINER-GAGEN:
Sechs über 10000

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