15.01.1968

Datum: 15. Januar l968 Betr.: Duplikate

Sein vorletztes Werk betraf die Darstellung des Hauchbolds und der Heuchelhutzel, des Schwebeziefers, Schemenwurz und grauen Seifenblasendrehers: Für einen Berliner Buchverlag hat der Graphiker Hans-Joachim Zeidler, 32, mit geheuchelter Wissenschaftlichkeit Dutzende von Tieren "wiederentdeckt, gezeichnet und kommentiert", die zwar seit Hieronymus Bosch, Arcimboldi und dem Höllen-Brueghel in der manieristischen Tradition der europäischen Malerei ihr fabelhaftes Leben führen, die aber ebenso gewiss in keinem Nachschlagewerk der Fauna zu finden sind -- geisterhafte Ungeheuer und Alptraumviehzeug aus den Vorratskammern der Phantasie. Sein neuestes Werk enthält eine ähnlich verborgene Welt, deren exaktes Funktionieren diesmal aber über Tod und Leben entscheidet -- eine Dacron-Trachea und einen elektronischen Blutdruckregler etwa, ein Vitallium-Hüftgelenk oder eine Grow-it-yourself-Ohrmuschel: komplizierte mechanische Ersatzteile für den Menschen, abgebildet auf der Titelseite dieses Heftes und im einzelnen erläutert auf Seite 89. Zeidler war für den Auftrag, die Titelseite zum Thema mechanische Organe zu zeichnen, besonders ausgerüstet; er hat an der Berliner Hochschule Anatomie und wissenschaftliches Zeichnen studiert und einige Zeit am Institut für Vor- und Frühgeschichte der Universität Tübingen als wissenschaftlicher Zeichner gearbeitet. Die Staffelei hat er, wie auf seinem Selbstporträt zu sehen, im Gehirnkasten auf gestellt.
"Jeder Schachspieler hat zwei Springer zur Verfügung, die sich zum Verwechseln ähnlich sind" -- so beginnt ein Text, der seit diesem Januar in Anzeigen und Plakaten verbreitet werden soll, und zwar von einem der beiden Springer, der eben diesen Verwechslungen vorbeugen
möchte. 1842 ist in Berlin der Springer-Verlag gegründet worden und hat sich seitdem -- er auch -- zu einem der grössten Unternehmen seiner Art auf der Welt entwickelt, als Verlag wissenschaftlicher Literatur und nicht weniger als 92 wissenschaftlicher Zeitschriften. Tatsächlich gibt es zwischen diesem Verlag und Axel Springers Konzern keinerlei verwandtschaftliche oder wirtschaftliche Verbindungen. "Studentische Gruppen" aber, schrieb die Springer-Verlagsleitung an den SPIEGEL, "haben in den letzten Monaten in wissenschaftlichen Buchhandlungen verschiedener Universitätsstädte auch gegen unsere Bücher und die Verteilung von Prospekten unseres Verlages demonstriert", so sei eine Aufklärungsaktion nötig. Slogan der Kampagne: "Springer ist nicht Springer."
DER SPIEGEL, Nr. 3/1968

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