15.01.1968

BONN / REFORMENMifrisi

Daß sich die Welt bewegt, haben letzte Woche auch Deutschlands Genossen und Deutschlands Professoren gemerkt. "Alles, aber auch alles" sieht die SPD in Bewegung. Und was dabei alles überrollt werden könnte, schwant den Rektoren westdeutscher Hochschulen: nicht nur Universitäten. sondern Kirchen, Gerichte, Parteien, Parlamente.
Das haben -- nicht zuletzt -- die Studenten dieser Republik getan. Ihre Unrast hat bei Politikern wie Professoren sowohl den Eifer für Reform als auch die Angst vor Revolution geschürt. Davon künden zwei Dokumente, die in der letzten Woche veröffentlicht wurden:
* eine SPD-Denkschrift mit dem Titel "Sozialdemokratische Perspektiven", die Denkmodelle für die westdeutsche Gesellschaft "im Übergang zu den siebziger Jahren" entwirft, sowie
* eine Grundsatzerklärung der westdeutschen Hochschul-Rektoren, die Leitsätze für die -- längst überfällige -- Reform der westdeutschen Universitäten enthält.
Jugend, Jugend schmettern die hellen Fanfaren in der SPD-Denkschrift. Im Vorwort stellt sich die SPD als eine Partei vor, die "die Impulse der jungen Generation aufnimmt"; auf der letzten Seite offeriert sie sich als eine Partei, die "Verständnis für den kritischen Geist der Jugend" aufbringt.
Zu der "energischen Reform der Struktur unserer Hochschulen", wie sie die SPD fordert, bekennen sich auch die Rektoren eben dieser Hochschulen -- wenn auch nicht mit sozialdemokratischer Emphase. Und die Rektoren warnen sogar -- wie es in einem unveröffentlichten Begleittext des Rektorenkonferenz-Präsidenten Professor Walter Rüegg heißt -- vor dem revolutionären Impetus der radikalen Studenten. Staat und Gesellschaft, meint Rüegg, seien "weitgehend blind dafür, daß über kurz oder lang alle Institutionen der Gesellschaft in die gleiche Rolle" wie die jetzt angegriffenen und zum "Sündenbock" der Gesellschaft gemachten Universitäten geraten könnten, "wenn es den Provokationen gelingt, die Universität einem politischen Rätesystem zu unterwerfen".
Das will gewiß auch nicht die so jugendfrohe und studentenfreundliche SPD. Ihre Losung ist nicht Revolution, sondern Reform -- und diese behutsam, nicht radikal. Das SPD-Papier liest sich wie eine Anthologie von Graß und Heraklit, ediert von SPD-Informationsdirektor Wesemann. Es ist der rührend anmutende Versuch der Sozialdemokratie, den matt gewordenen Glanz einer Fortschrittspartei durch gesellschaftspolitische Reformvorschläge etwas aufzupolieren.
Was die Sozialdemokratie will, ist die sozialsichere, leistungsorientierte, friktionsfreie, funktionstüchtige Gesellschaft.
Dasselbe Schema schwebt, speziell für den Bereich der Universität allerdings, den Rektoren der westdeutschen Hochschulen vor. Aufgeschreckt durch die Studenten-Rebellion, die das strukturbedingte Dilemma der deutschen Universität offenkundig machte, fordern die Rektoren der Hochschulen die funktionstüchtige Leistungsuniversität -- etwa durch "Stärkung der zentralen Organe", "funktionsgerechte Kompetenzverteilung", "globale, möglichst mehrjährige Haushalte".
Das ist genau die Reform, die Studenten-Ideologen wie Rudi Dutschke für schiere Reaktion halten. Sie glauben an das akademische Elysium ewigen Lernens und Lehrens und verachten -- wahrscheinlich im Gegensatz zur Mehrheit ihrer Kommilitonen -- eben diese moderne Leistungsuniversität, die in ihren Augen nur eine Erziehungsfabrik zur Fertigung von Fachidioten ist.
"Mobilität" haben die Sozialdemokraten angekündigt, "Reform" die Rektoren. Was immer es aber ist, das eventuell die Gesellschaft in Bewegung setzen sollte -- die Richtung wird nicht die der Dutschkisten sein, eher die entgegengesetzte. Nicht ein intellektuelles Elysium ist das Ziel der Reformer, sondern ein besser angepaßtes, besser bürokratisiertes, besser technisiertes Gemeinwesen -- eine nach dem Muster von Mifrifi sozusagen mittelfristig sinnierende Gesellschaft: Mifrisi.

DER SPIEGEL 3/1968
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