15.01.1968

KANZLER-REISENGoldene Worte

Bonns dritter Kanzler hat die Dritte Welt entdeckt. Kaum erholt von seinem Acht-Tage-Rennen durch vier Länder Asiens im November letzten Jahres, schmiedet der deutsche Regierungschef nun Pläne für eine Südamerika-Reise.
An einem der letzten Dienstage des vergangenen Jahres überraschte Kiesinger, Außenpolitiker aus Neigung, die zur wöchentlichen "Lagebesprechung" im Kanzleramt versammelten Staatssekretäre und Abteilungsleiter mit der Frage: "Meine Herren, ist Ihnen schon aufgefallen, wir haben bisher mit keinem Wort über Südamerika gesprochen?" Gerade diese Region aber sei enorm wichtig.
Bestärkt von seinen Asien-Erfahrungen, verfügte der Regierungschef: "Eine persönliche Interpretation unserer Politik in diesen Ländern ist unbedingt notwendig."
Persönlichen Einsatz hielt der Kanzler für unverzichtbar. Denn: "Wenn der Bundespräsident reist, sind das doch weitgehend protokollarische Angelegenheiten." Und: "Unsere Botschafter in diesen Ländern haben meist keinen Zugang zu den höchsten Persönlichkeiten."
Bundespräsident Lübke war 1964 auf Südamerika-Tournee; er besuchte Peru, Chile, Argentinien, Brasilien und hinterließ einen Kapitalhilfekredit vor 80 Millionen Mark. Nicht minder großzügige Gastgeschenke brachten deutsche Minister in die Welt der Sonne und der Samba: Gerhard Schröder einen 100-Millionen-Kredit für Argentinien (1960), Kurt Schmücker 30,7 Millionen Kapitalhilfekredit für Brasilien (1966).
Kanzler Kiesinger freilich hat, wenn er an Südamerika denkt, eher goldene Worte als Geld im Sinn. Auf dem diplomatischen Umweg über die blockfreien Staaten in Südamerika will er die Entspannungspolitik seiner Großen Koalition voranbringen, solange der direkte Weg nach Moskau versperrt ist. Belobigt sich der Kanzler: "In Asien ist mir das zweifellos gelungen."
Lateinamerika, das kommunistische Kuba ausgenommen, bietet in seinen Augen dafür noch bessere Ansatzpunkte als die neutralen Asiaten. Denn die südamerikanischen Staaten, nicht am Konflikt der Großmächte beteiligt, haben
* als eigenen Entspannungs-Beitrag 1967 einen Vertrag geschlossen, der ihren Raum zur atomwaffenfreien Zone deklariert;
* beim Kampf um den Atomsperrvertrag gegen die Hegemonie-Ansprüche der Supermächte Front gemacht und verlangt, eine allgemeine Abrüstung der Atomgiganten mit dem Sperrvertrag zu koppeln und die friedliche Nutzung der Atomenergie nicht zu behindern;
* die DDR bisher nicht diplomatisch anerkannt und ihr auch noch keine amtlichen Niederlassungen gewährt; Ost-Berlin muß sich vielmehr mit Vertretungen seiner Außenhandelskammer in Brasilien, Uruguay und Kolumbien begnügen. Aber die DDR hat im Konkurrenzkampf mit der Bundesrepublik in letzter Zeit auch Pluspunkte verbuchen können. Ausgerechnet in Chile, dessen Präsident Frei mit finanzieller Unterstützung der Bonner Christdemokraten in sein Amt gewählt wurde, unterzeichneten 1966 namhafte Senatoren eine Resolution, in der die Anerkennung der DDR gefordert wurde. Und in Kolumbien war ein Jahr zuvor Ost-Berlins Volkskammerpräsident Dieckmann als offizieller Besucher gefeiert worden.
Bonns Gegenoffensive unter dem Kreuz des Südens wird nun nicht mehr lange auf sich warten lassen. Aber nicht Kurt Georg Kiesinger wird die persönliche Kanzler-Werbung eröffnen, sondern sein glückloser Vorgänger im Amt: Mitte Februar geht erst einmal Ludwig Erhard auf Vortragsreise durch Südamerika.

DER SPIEGEL 3/1968
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