15.01.1968

DIPLOMATENSilbernes Paulchen

Ohne eine Spur von Zweifel in der Stimme", trug 1944 auf den "Morgenandachten" in Ribbentrops Reichsaußenministerium ein stellvertretender Abteilungsleiter vor, "was Goebbels meinte".
Das "Sprachrohr des Dr. Goebbels", damals "wissenschaftlicher Hilfsarbeiter" im Außenamt, wiederholte stereotyp, "daß die Juden, das Weltjudentum an allem schuld sei und deshalb vernichtet werden müsse.
Der Hilfsarbeiter von damals ist heute Kanzler der Bundesrepublik Deutschland: Kurt Georg Kiesinger. Der Mann, der die Szene beschreibt, ist angeblich der Ex-Diplomat Robert von Lenwitz.
Die Memoiren dieses Herrn von Lenwitz hat der vormalige Bonner Journalist Michael Mansfeld zu Papier gebracht**. Sie sind eine verschlüsselte Anklageschrift gegen die NS-Renaissance in der Kommandozentrale der Bonner Außenpolitik: Das Auswärtige Amt sei nach 1945 nahezu unverändert von der Wilhelmstraße in Berlin an die Koblenzer Straße (alias Adenauerallee) in Bonn verpflanzt worden.
Autor Mansfeld hat seine Anklageschrift -- wie er im Vorwort schreibt -- "verschlüsselt", aber nicht um "Lebende und Tote zu schonen", sondern weil "ich kein Interesse an langwierigen Prozessen habe".
Der ostelbische Generalssohn Robert von Lenwitz, dem bei den ersten Kämpfen um Stalingrad die linke Hand abgeschossen wurde, kam nach der Genesung durch standesübliche Protektion ins Reichsaußenministerium, zunächst in die Protokollabteilung.
Dort lernte Lenwitz den Diplomaten Öxler und "das silberne Paulchen" kennen.
Das "silberne Paulchen", wegen eines Augenfehlers so genannt, war für Ordensverleihungen zuständig; Lenwitz: "Daß er auf diesem Posten große Möglichkeiten hatte, Hitler täglich Widerstand zu leisten, erfuhr ich allerdings erst nach dem Krieg."
Öxler, wegen eines Nierenleidens von den Widrigkeiten des Wehrdienstes befreit, trank "trotz kranker Nieren gut und viel".
Lenwitzens "silbernes Paulchen" ist leicht zu entschlüsseln -- an seiner NSDAP-Mitgliedsnummer 6 977 147 und an seinem wahren Spitznamen "Goldenes Herbertchen": Herbert Blankenhorn, ehedem enger Berater Kanzler Konrad Adenauers" heute Botschafter Bonns in London.
Auch Öxler ist eine Schlüsselfigur: Alex Boeker, nach dem Krieg zuerst in Adenauers Kontaktbüro zu den alliierten Hohen Kommissaren, heute AA-Abteilungsleiter.
Der erste große Nachkriegstreffpunkt der alten Wilhelmstraßler war Nürnberg, Schauplatz der ersten alliierten Kriegsverbrecher-Prozesse. Zeuge Lenwitz traf dort viele alte Bekannte. Doch waren sie kaum wiederzuerkennen. Fleißig woben sie nun an der Legende, in Wahrheit Widerständler gewesen zu sein. Allen voran die "große und die kleine Motte" -- zwei AA-Brüder, in denen man Theo und Erich Kordt wiedererkennen soll.
Beide hatten unter Ribbentrop glänzende Karrieren gemacht. "Die Brüder", so hatte Wilhelmstraßen-Personalchef Hans Schröder über sie gesagt, sind "von vorne wie von hinten zu gebrauchen". Nun machten sie die Amerikaner glauben, Hauptakteure des 20. Juli gewesen zu sein. Unter Adenauer wurde Theo Kordt Botschafter in Athen, Erich Kordt Dozent an der Diplomatenschule zu Speyer.
Dann in Bonn" Koblenzer Straße, gab es das große Wiedersehen.
Das "silberne Paulehen" Blankenhorn war schon bei Gründung der Bundesrepublik Chefberater Adenauers in allen außenpolitischen Fragen und eröffnete -- laut Lenwitz -- der Frau des damaligen US-Hochkommissars McCloy: "Es gibt für mich nur eine Wiedergutmachung, nämlich an den Kollegen, die in den Nachkriegsjahren in den alliierten Internierungslagern gesessen haben."
Im Spätherbst 1949 registrierte der inzwischen selbst im neuen AA residierende Lenwitz: "Das Organisationsbüro für konsularisch-wirtschaftliche Fragen, die eigentliche Kernzelle des neuen AA, war nur mit Leuten aus d& Wilhelmstraße besetzt."
Kanzler und Außenminister Konrad Adenauer tat nichts gegen den Einzug der NS-Diplomaten ins AA; gab es Angriffe deswegen, so nahm er sie "mit harter Stirn hin". Lenwitz wußte auch warum: Der Alte hatte ein Alibi.
* In London mit dem britischen Protokollchef Konteradmiral Earl Cairns (r.).
** Michael Mansfeld: "Bonn -- Koblenzer Straße. Der Bericht des Robert von Lenwitz". Verlag Kurt Desch, München; 488 Seiten; 24 Mark.
"Konrad Adenauer war auf dem Wege, seinen Frieden mit der Vergangenheit zu schließen. Wieder einmal ohne das Kabinett oder gar das Parlament zu informieren, verhandelte er über den Wiedergutmachungsvertrag mit Israel."
Über diese Verhandlungen wurde Lenwitz von Öxler unterrichtet: Nahum Goldmann, "der Führer der Weltjudenheit", sei bereit, sich mit Adenauer zu treffen. Zur Vorbereitung sollte sich Lenwitz "informieren, einige Herren kennenlernen", einen gewissen Lewy zum Beispiel -- Jude" aber "trotzdem sympathisch".
Die Manier, in der Öxler und das "silberne Paulchen" den Wiedergutmachungsvertrag aushandelten und in Gang brachten" trug ihnen die Feindschaft des aufstrebenden Bayern Franz-Josef Strauß ein, der sie, so kommentiert Lenwitz, "durch ihre Vergangenheit korrumpiert sah. Sie konnten gar nicht, so meinte er, unbefangen verhandeln". Hinzu kam, daß Strauß den Adenauer-Helfern vorwarf, bei der Ausführung des Vertrages "Versuchungen erlegen zu sein
Lenwitz hatte von vornherein den Verdacht, daß Strauß, der damals noch nicht Verteidigungsminister war. "einen tieferen Sinn" darin sah" einzelne Mitarbeiter des Kanzlers unter Druck zu setzen. Und er fand später seinen Verdacht bestätigt, als das "silberne Paulehen". inzwischen Bonner Botschafter bei der Nato geworden, durch äußerst negative Berichte über das Ansehen des ersten Bundesverteidigungsministers Theodor Blank dazu beitrug. Blank abzuschießen und Strauß den Weg ins Wehrressort frei zu machen. Denn, so schlußfolgerte Lenwitz, noch standen dem "silbernen Paulchen" Strafprozesse aus der Wiedergutmachungs-Affäre bevor, "und Strauß war ein ernst zu nehmender Zeuge der Gegenseite.
Als solcherlei Vergangenheitsbewältigung Ende vergangenen Jahres gedruckt auf dem offenen Buchmarkt erschien, vermuteten AA-Herren zunächst, ein ehemaliger Kollege habe sich der Nestbeschmutzung schuldig gemacht. Rasche Nachforschung in den Personallisten ergab jedoch: Einen Robert von Lenwitz hat es in der deutschen Diplomatie nie gegeben.
·Die Erinnerungen des Herrn von Lenwitz sind in Wahrheit Erinnerungen des Michael Mansfeld, der schon 1951 als Reporter für die "Frankfurter Rundschau" eine Serie über den Einzug der NS-Diplomaten ins Bonner AA geschrieben hat.
Dieser Bericht führte 1951 zur Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses. Ergebnis: Zwei subalterne Diplomaten mußten den Dienst im AA quittieren; Blankenhorn und Theo Kordt, gegen die ebenfalls ermittelt worden war, durften bleiben.
Mansfeld resignierte damals. Wie sein Romanheld Lenwitz, der verdrossen den Abschied nimmt und auswandert, ging er nach Spanien. Dort faßte er sein Bonner Wissen aus jener Zeit in die Form eines Schlüsselromans.
In dem Buch spielen noch viele verschlüsselte Prominente der Vor- und Nachkriegszeit eine mehr oder minder rühmliche Rolle: Politiker wie der vormalige Bonner Botschafter in London Hasso von Etzdorf ("Retzland"), Militärs wie Generalleutnant a. D. Graf Baudissin ("Baerlau") und auch Journalisten wie der (im Buch namenlose TV-Frühschöppner Werner Höfer und "Christ und Welt"-Chefredakteur Giselher Wirsing ("Nothung Kunsemüller").
Jetzt schreibt Mansfeld in Andalusien an einem neuen Bonn-Buch
über Theorie und Praxis der Hallstein-Doktrin. Geplanter Titel: "Bier unter Palmen".

DER SPIEGEL 3/1968
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