15.01.1968

PARTEIEN / FDPVieles unheimlich

Verzückt schauten FDP-Ehrenvorsitzender Reinhold Maier, der kommende Parteichef Walter Scheel und das versammelte FDP-Volk im Fünfecksaal der Stuttgarter Liederhalle empor zum Rednerpult. Dort erschien ihnen, auf dem baden-württembergischen Parteitag am vorletzten Sonnabend, ein neuer Stern: Professor Dr. Ralf Dahrendorf 38, Ordinarius für Soziologie in Konstanz.
Auf dem traditionellen Dreikönigs-Treffen ließ der formulierfreudige Wissenschaftler ("Es muß doch möglich sein, dieses mein Land so zu gestalten, daß es sich lohnt, in ihm zu leben") die Freien Demokraten die Sorge um Wähler und vor Wahlrechts-Manipulationen, den Groll über Ministerlosigkeit und harte Oppositionsbänke wenigstens zeitweise vergessen.
Den verzagten Liberalen aus Schwaben und Baden gab der gebürtige Hamburger zurück, was laut Partei-Chef Erich Mende das Lächeln des schönen Kurt Georg Kiesinger den Frauen suggeriert: Sicherheit und Selbstvertrauen. Dahrendorfs elegante Eloquenz" dargeboten mit leicht brüchiger Stimme, nahm den designierten Mende-Nachfolger Scheel so ein, daß er erleichtert prophezeite: "Mit dem, was er zu sagen hat, werden wir auch den Bundestagswahlkampf blendend bestehen." Und die liberale "Stuttgarter Zeitung" erkannte in dem Konstanzer Soziologen gar die "Symbolfigur für eine neue liberale Politik".
Noch vor drei Monaten war die Symbolfigur nicht einmal einfacher FDP-Mann -- und schon wird dem Politiker Dahrendorf eine ebensolche Blitzkarriere zugemutet, wie der Wissenschaftler Dahrendorf sie bereits hinter sich hat: mit 23 Jahren Promotion mit einer Dissertation über Karl Marx zum Dr. phil.; mit 25 in London Erwerb eines englischen Doktorgrads; mit 28 Privatdozent in Saarbrücken; mit 29 Jahren ordentlicher Professor an der hamburgischen "Akademie für Gemeinwirtschaft".
In den letzten zehn Jahren machte er mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten die Soziologie in der Bundesrepublik populär ("Gesellschaft und Demokratie in Deutschland"); sich selber verschaffte er internationale Reputation, was ihm ein rundes Dutzend attraktiver Lehrstuhlangebote aus England und Amerika eintrug.
Heute bewohnt der vielbeschäftigte Wissenschaftler mit Ehefrau Vera (die aus England stammt) und seinen beiden Töchtern (drei und neun Jahre alt) in Bodensee-Nähe eine komfortable Neunzimmer-Mietvilla. Vor sieben Jahren gab er das Rauchen auf, trinkt seitdem aber, wie er selbst bekundete, mehr Viertele badischen und württembergischen Weines.
In der kargen Freizeit liest der Vielschreiber ("Schreiben ist mein Hobby, ich wollte ja ursprünglich Journalist werden") englische Krimis ("Und zwar in englisch") oder begutachtet vor dem Bildschirm die Kicker-Aktivität der Bundesliga ("Ich bin ein großer, passiver Fußballfan"). Zugleich ist der Mercedes-230-Fahrer passionierter Schwimmer. "Wenn ich einmal einen lukrativen Preis gewinnen sollte", so Dahrendorf, "würde ich mir davon im Garten eine Schwimmhalle bauen."
Mit dem parteipolitischen Engagement zögerte der Homo politicus -- im Dritten Reich erst Führer eines Kinderlandverschickungs-Lagers (Dienststellung: Fähnleinführer), dann als 15jähriger wegen antinazistischer Propaganda unter Oberschülern Konzentrationslager-Insasse in Schwettig/ Oder.
Noch kurz vor seinem FDP-Eintritt bekannte der Wissenschaftler, der längst als Bildungspolitiker, Fernsehkommentator und Artikelschreiber öffentlich wirkte: "Ich bin nicht festgelegt ... Mir sind im Prinzip unsere drei Parteien recht. Daß in allen dreien mir vieles unheimlich ist, stört mich nicht, da ich ein politisches Wesen bin."
Der Sohn des prominenten Sozialdemokraten Gustav Dahrendorf trat zwar als 18jähriger in die SPD ein ("Ich bin ein gutes Sozialdemokratenkind, am 1. Mai geboren"), doch 1960 trennte er sich von ihr. Grund: Der damalige Hamburger Ordinarius hatte sich die Kritik der SPD-Vorderen Ollenhauer und Brandt zugezogen, weil er propagiert hatte, die SPD solle eine liberale Partei werden.
Heute urteilt Dahrendorf: "Die SPD ist in zunehmendem Maße zu einer Partei geworden, der man eine konzentrierte und bewußte, moderne und liberale Politik leider nicht nachsagen kann."
Außer Sozialdemokraten neiden jetzt auch Christdemokraten den Freien Demokraten Dahrendorfs FDP-Engagement. Denn seit der Soziologe gelegentlich CDU-Chef und Bundeskanzler Kiesinger beriet, zählten ihn viele CDU-Leute zu den Ihren.
Vor allem der Stuttgarter Kultusminister Wilhelm Hahn (CDU), der Dahrendorf für zahlreiche Beiräte herangezogen hatte und ihn den aufsehenerregenden Hochschulgesamtplan ausarbeiten ließ, sieht nun in dem neuen FDP-Mann einen sachverständigen Gegner heranwachsen.
Allerdings: Der Professor entschied sich für die Freien Demokraten erst, als ihm Baden-Württembergs FDP-Hauptgeschäftsführer Karl-Hermann Hummel eine aussichtsreiche Landtagskandidatur antrug. Und auch dazu war es nur gekommen, weil der renommierte Tübinger FDP-Kulturpolitiker, Rechts-Professor Walter Erbe, am 3. Oktober überraschend starb.
Am 27. Oktober trat der Ex-SPD-Mann der FDP bei, wo Dahrendorf laut Dahrendorf eine "radikal-liberale Position" beziehen will.
Bereits zehn Wochen nach Partei-Aufnahme wurde der Partei-Neuling
auf dem baden-württembergischen FDP-Parteitag -- "zum "Star der Dreikönigsparade' emporgefeiert" (so die "FAZ").
Die neuen Parteifreunde fanden, selten seit den Wein- und Brandreden des Remstaler Altbarden Reinhold Maier in den frühen fünfziger Jahren ("Man muß das kohlrabenschwarze Gewürm auf Kopf, Bauch und Schwanz treten") habe ein FDP-Mann Politik so schön und schnell artikuliert wie der Konstanzer Soziologe in seiner ersten öffentlichen Rede als Politiker.
Der Wahl-Schwabe nannte die Große Koalition die "unpolitischste aller Regierungen", und er spottete: "Es ist so leicht, die Säure der Ironie über die Große Koalition zu gießen, daß man versucht ist, aus Mitleid davon abzulassen." Er forderte das "Wagnis des Wandels für die offene Gesellschaft". Die auf Oppositionsbänken hockenden Parteifreunde tröstete er "Um Neues zu schaffen, braucht man nicht Ämter, sondern in erster Linie Argumente."
Über "unruhige Studenten" ("Sie sind nicht eine Handvoll verhetzter oder gar ferngelenkter junger Leute ohne Anhang") und "diejenigen" die mit dem Gedanken spielen, die NPD zu wählen" ("Sie sind nicht alle unverbesserliche alte Nazis"), dozierte der Universitätslehrer:" Beide stellen im Grunde Fragen an uns selbst: Was haben wir falsch gemacht."
42mal unterbrachen ihn die ermutigten Freien Demokraten während des Ein-Stunden-Referats mit Applaus. Nach dem Dahrendorf-Debüt kam es zu langen Ovationen. Und keiner der Parteitagsredner versäumte es. einen Hinweis auf Dahrendorf ("Wie Herr Professor Dahrendorf schon sagte) einfließen zu lassen.
Doch Baden-Württembergs Freie Demokraten beliehen es nicht bei Applaus und Laudatio: Bekümmert um den Ausgang der am 28. April anstehenden Landtagswahl, wählten sie den Neuling noch auf dem Dreikönigs-Treffen in den Landesvorstand.

DER SPIEGEL 3/1968
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 3/1968
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PARTEIEN / FDP:
Vieles unheimlich

  • Hilfe für bedrohte Korallenriffe: Das Geräusch der Fische
  • Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel
  • Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden
  • Erster Filmtrailer: "James Bond 007 - Keine Zeit zu sterben"