15.01.1968

„SCHON EINIGE MILLIONEN DOLLAR EINGEBRACHT“

SPIEGEL: Seit Sie, Herr Dr. Mende, der erste Mann der Investors Overseas Services (IOS) in der Bundesrepublik sind, hat Ihre Gesellschaft einen Erfolg nach dem anderen. Wie machen Sie das?
MENDE: Meinen Sie die amtliche Genehmigung für die vor kurzem in München gegründete IOS-Bank Orbis und die deutsche IOS-Kapitalanlagegesellschaft, die einen deutschen Fonds auflegen wird?
SPIEGEL: Ja. Es war wohl ein hartes Stück Arbeit, die Barrieren aus dem Wege zu räumen, die das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen und das Bundeswirtschaftsministerium gegen diese Projekte aufgerichtet hatten? Selbst der Zentralbankrat der Bundesbank hatte sich eingeschaltet.
MENDE: Wir sind nun mal ein Land, das sehr stark in Legalismus macht. Es hat etwas lange gedauert; der Antrag für die Bankgenehmigung war schon im Mai 1967 gestellt worden.
SPIEGEL: Drei Monate später wurden dann Sie engagiert, "um die Schwierigkeiten bei den Behörden aus dem Wege zu räumen", so erklärte uns Ihr oberster Chef, Mr. Bernard Cornfeld, selbst in Genf. Wie haben Sie es geschafft, die vielen Beschwerden über die Methoden der IOS-Vertreter -- es waren ganze Stapel -- vom Verhandlungstisch zu bringen?
MENDE: Wir haben jede Klage überprüft, und ich leugne nicht, daß es berechtigte Beschwerden gegeben hat. Auch der Deutsche Bundestag hatte in seinen 18 Jahren einige Fälle, die für den deutschen Parlamentarismus peinlich waren. Das gleiche gilt für die deutsche Bundeswehr. Es gibt keine menschliche Institution, in der nicht gewisse Versagensfälle eintreten. Man muß sie abstellen.
SPIEGEL: Sind Sie sicher, daß die IOS nicht mehr im Zwielicht, sondern wenigstens in der Bundesrepublik jetzt lupenrein dasteht?
MENDE: Ich bürge der Bundesregierung und den Aufsichtsbehörden für die Einhaltung der deutschen Rechtsvorschriften, der Gesetze und Verordnungen.
SPIEGEL: Übernehmen, Sie sich dabei nicht?
MENDE: Ich gehe an alle Dinge mit Mißtrauen heran. Soviel habe ich in der Politik bisher gelernt in den 18 Jahren Deutscher Bundestag, daß das Mißtrauen auch eine Komponente des politischen Verhaltens sein soll. Besser wäre es, man könnte umgekehrt mit Vertrauen beginnen.
SPIEGEL: Warum waren Sie denn zunächst auch gegenüber IOS mißtrauisch?
MENDE: Ich bin auch an meine neue Verantwortung mit großem Mißtrauen herangegangen und habe mich in London wie in Paris, in Genf an Ort und Stelle, wie auch bei Freunden in New York und Washington erkundigt. Natürlich sind die Auskünfte verschiedenartig ausgefallen, bei den Konkurrenten im allgemeinen anders als bei denen, die nicht unmittelbar am Wettbewerb beteiligt sind. Das ist doch klar. Haben Sie jemals gehört, daß eine Waschmittelfabrik in Deutschland über die Konkurrenzfirma Gutes sagt?
SPIEGEL: Nein, aber IOS verkauft doch nicht Waschpulver und ist nicht der weiße Riese -- eher ein Riese im Verkauf von Investment-Zertifikaten.
MENDE: Wo immer wir einen ruhigen Teich, der nur Karpfen beherbergt, durch einige Hechte, die wir einsetzen, in Bewegung bringen, gibt es Sorgen der Karpfen. Aber wir alle wissen aus der Biologie, daß es für die Karpfenzucht sehr wertvoll ist, einige Hechte im Karpfenteich zu haben.
SPIEGEL: International gesehen ist Mr. Cornfeld der große Hecht im Karpfenteich der Investmentfonds der Welt. In seinen Plänen und Anordnungen tauchte schon vor Jahren das Stichwort German operation auf. Diese Operation Deutschland ist offenbar das Zauberwort für Herrn Cornfeld. Warum verspricht er sich gerade von den Deutschen goldene Berge? Sind sie ihm so sympathisch?
MENDE: Er hat wohl recht, wenn man bedenkt, daß 1967 ein Viertel des gesamten Weltumsatzes von IOS in Westdeutschland getätigt worden ist.
SPIEGEL: Worauf führen Sie das zurück? Wurde der deutsche Boden durch geschickte Vorarbeit so gut präpariert, daß hier das Kornfeld am besten gedeiht?
MENDE: Die Girozentrale einer Großstadt hat in einem Schulungsbrief, der mir vorliegt, folgendes geschrieben: Das Erfolgsgeheimnis von IOS in Deutschland ist, daß unsere Gruppe zur richtigen Zeit mit den richtigen Methoden eine richtige Sache angeboten hat. Natürlich hat Mi". Cornfeld und haben die Mitarbeiter in Genf eine außerordentliche Organisationsgabe. Sie bedienen sich modernster Mittel der Marktforschung, modernster technischer Methoden im Computersystem ...
SPIEGEL: Das haben die Banken auch.
MENDE: Die IOS verzichtet aber auf die bürokratische Art der Administration, wie wir sie leider manchmal noch in Deutschland haben, und da haben die Amerikaner natürlich schnell festgestellt, welches Marktvolumen hier ungenutzt ist. Ich erinnere nur an die 140 Milliarden Mark, die zur Zeit auf den einfachen Sparkonten liegen. Das hat Mr. Cornfeld erkannt.
SPIEGEL: IOS bedeutet angeblich "Investieren ohne Sorgen" -- aber können die 50 000 deutschen Kunden wirklich sorglos sein?
MENDE: Es sind schon 55 000.
SPIEGEL: Bald werden es 100 000 sein. 1967 flossen etwa 250 Millionen
* Mit SPIEGEL-Redakteuren Kurt Blauhorn (r.) und Roderich Schneider.
Mark durch die Kanäle der IOS, in diesem Jahr will Ihre Gesellschaft sogar 500 Millionen Mark in Westdeutschland kassieren. Da fragt man sich doch, wie sicher sind diese Gelder bei der IOS? Wer übt die amtliche Kontrolle aus? Sie kennen die goldene Regel aller Investmentfonds: Sicherheit über alles, dann Rentabilität und Liquidität.
MENDE: Die Frage ist berechtigt. Wir haben eine Publizität, wie sie bisher in Deutschland für die deutschen Stellen nicht üblich war -- alle drei Monate die Veröffentlichung des Berichtes mit dem, was an einzelnen Aktien im Portefeuille liegt. Und dann die Testate des renommierten Wirtschaftsprüfers Arthur Andersen.
SPIEGEL: Auch Wirtschaftsprüfer haben sich schon geirrt.
MENDE: Ich glaube, daß in der gegenwärtigen Phase keiner behaupten kann, an Investors Overseas Services irgendwie etwas an Einlagen verloren zu haben.
SPIEGEL: Na, na, denken Sie an die Investmentsparer, denen bei voll eingezahlten Verträgen gleich 8,5 Prozent als Gebühren abgezogen werden. Wenn sie vor Ablauf der vereinbarten Zehnjahresfrist aussteigen ...
MENDE: ... Wer etwas zu früh aussteigt, verliert natürlich gewisse Anlaufkosten. Das ist der moralische Zwang durchzuhalten. Wer aber später ausstieg, hatte schon erhebliche Gewinne zu verzeichnen. Bei IOS hat es Fälle irgendwelcher Illiquiditäten oder irgendwelcher nicht genügender Bonitäten nicht gegeben. Und wir werden danach trachten, daß das auch in Zukunft der Fall ist.
SPIEGEL: Solche Vorsätze sind wenig Sicherheit.
MENDE: Schauen Sie, was ist das Wesentliche bei IOS? Die breite Risikostreuung über viele Länder sowie die Erfahrung der letzten elf Jahre bei IOS insgesamt und die Erfahrung von dreieinhalb Jahren in Deutschland. Sie lassen hoffen, daß menschliches Versagen in gefährlicher Breite nicht eintreten kann. Wo Pannen passieren, wird man sich damit befassen. Leute, die versagen, eliminiert man.
SPIEGEL: Sie haben allein in der Bundesrepublik inzwischen viele schwarze Schafe unter den Vertretern eliminiert. Aber die Kernfrage bleibt offen: Wer kontrolliert die IOS? Solange Herr Cornfeld in seinen Prospekten vermerken konnte, daß seine IOS der Kontrolle der amerikanischen Securities and Exchange Commission (SEC), der strengsten Wertpapier- und Börsenaufsicht der Welt, unterstellt sei, war das eine Art Gütesiegel. Aber damit ist es nach den harten Auseinandersetzungen, die Mr. Cornfeld mit der SEC ausfocht, vorbei.
MENDE: Sie meinen den IOS-Vergleich mit der SEC? Ich habe den Vergleich vom Anfang bis zum Ende gelesen.
SPIEGEL: Bedenken Sie die Konsequenzen. Mr. Cornfeld mußte binnen weniger Tage fast alle Positionen in den USA räumen. Er zog mit fünf Fonds nach Kanada.
MENDE: Das bringt manchen Vorteil.
SPIEGEL: Gesellschaften, die um so viele Ecken lavieren, erregen Mißtrauen. Die IOS-Holdinggesellschaft sitzt in Panama, die Fonds sind in Kanada und Luxemburg registriert. Die Managementgesellschaften residieren pro forma in Nassau auf den Bahamas ...
MENDE: ... aber es ist doch heute eine legitime Angelegenheit, sich Steuervorteile zu sichern. Bei einem weltweiten Konzern, der sich über viele Länder erstreckt, bleibt es doch nicht aus, daß man die günstigsten Möglichkeiten sucht.
SPIEGEL: Wie die Spinne im Netz, sitzt die Verwaltung des gesamten Konzerns in Genf. Dort werden die Fäden gezogen, und dort werden auch die Weichen für die Operationen in der Bundesrepublik gestellt. Die Konstruktion mag unter dem Strich der Bilanzen Vorteile haben. Da es aber in der Vergangenheit viele Fondsaffären gab -- auch katastrophale Zusammenbrüche, besonders in der Schweiz -, drängt sich die Frage auf: Wer kontrolliert, was in Genf, in Panama, auf den Bahamas oder in Kanada und Luxemburg gedreht wird? Wo sind die Garantien für absolute Sicherheit?
MENDE: Für uns sind die nach der Bankzulassung das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen und ...
SPIEGEL:... dessen Arm reicht nicht bis Panama ...
MENDE: ... und für uns sind die deutschen Gesetze, das reformierte Aktienrecht von 1965, das Handelsrecht, das Wettbewerbsrecht verbindlich. Wenn irgendwo was schiefliegt, was meinen Sie, wie da sofort die Konkurrenz sich äußern würde?
SPIEGEL: Dann ist es meist zu spät.
MENDE: Wir haben unsere Wertpapiere in verschiedenen Banken, die mit uns auch ständig Kontakt haben ...
SPIEGEL: Sie meinen Depotbanken ...
MENDE:... die sich auch über uns ihre Gedanken machen, obgleich sie nur Depotbanken sind, also die Schweizerische Kreditanstalt in Zürich und die Depotbank für Wertpapiere, die Bank of New York, sowie andere. Ich wiederhole, obgleich sie nur Depotbanken sind, vergewissern sie sich auch über die Bonität der Sache und über die Integrität der Persönlichkeiten. Ich habe mit den Herren der Schweizerischen Kreditanstalt, mit Herrn Cornfeld und anderen ein dreistündiges Gespräch in Zürich geführt, damit wir uns wechselseitig kennenlernten. Also auch das persönliche Vertrauen spielt eine Rolle. Und schließlich -- ich wiederhole es -- ist für Deutschland jetzt jene Form gefunden worden, die ein Höchstmaß an Seriosität und Bonität garantieren soll.
SPIEGEL: Um diesen Eindruck zu pflegen, hat man Sie aus der Politik ins Geschäft geholt. In der Genfer IOS-Zentrale hörten wir den Ausspruch: "Herr Mende ist sehr tüchtig, er hat uns schon einige Millionen Dollar eingebracht -- allein dadurch, daß wir ihn haben." Das Zertifikat-Geschäft bekam einen Stoß, seit Sie als Werberedner auftreten und große Wirtschaftsverbände mit Hunderttausenden von Mitgliedern direkt ansprechen.
MENDE: Wir sind bereit, mit den Verbänden dergestalt zusammenzuarbeiten, daß wir qualifizierte Anlageberater dort Vorträge halten lassen ...
SPIEGEL: Sie haben zum Beispiel auch einen sogenannten Freundschaftsvertrag mit dem Deutschen Gewerbeverband abgeschlossen, der von der IOS hohe finanzielle Zuschüsse erwartet.
MENDE: Nein, nein, das war so eine Idee gewisser Manager. Der seinerzeit in Aussicht genommene Vertrag ist in der damaligen Form, auch mit Zahlung eines Betrages, durch die Genfer zuständige Stelle abgelehnt worden, weil er gegen die Gewerbeordnung verstoßen hätte. Ich möchte nicht, daß der falsche Eindruck aufkommt, IOS unterstützt in Deutschland notleidende Interessenverbände, am Ende sogar politische Parteien.
SPIEGEL: Vielleicht hat die FDP auch mit einer solchen Subvention gerechnet.
MENDE: Die FDP ist eine tüchtige Partei, die Subventionen von keiner Seite notwendig hat.
SPIEGEL: Der Freundschaftsvertrag wird aber immer noch beim Deutschen Gewerbeverband diskutiert. Und man überlegt, ob der Verband den IOS-Vertretern gegen entsprechende Dotierung gedruckte Referenzen aushändigen soll, auf denen steht: "Lieber Herr Kollege, wir empfehlen Ihnen, sich mit Herrn X von der IOS in Verbindung zu setzen. Wir haben die IOS geprüft und sind der Meinung, daß es sich um eine durchaus nützliche Organisation handelt, mit der unsere Mitglieder bestimmt gut fahren werden."
MENDE: Empfehlungen sind erlaubt. Die gibt es sogar in der Politik bei der Personaleinstellung. Und Kontaktaufnahmen auf dem Weg über Empfehlungen widersprechen nicht der Gewerbeordnung.
SPIEGEL: Der Verband reisender Kaufleute war auch im Gespräch. Sie haben vor Mitgliedern in Wuppertal einen Vortrag gehalten.
MENDE: Ja, mit dem Erfolg, daß von den fast 400 Anwesenden eine ganze Anzahl dann sich mit IOS in Verbindung setzte. Es sind erhebliche Abschlüsse nach dieser Veranstaltung erfolgt.
SPIEGEL: Wir wissen, daß die IOS auch in Sportverbände eindringt, beispielsweise beim TSV 1860 München und bei Eintracht Braunschweig.
MENDE: Wir haben gut verdienende Fußballer. Und es ist besser, sie legen ihr Geld gut an, vor allem nachdem sie sich ja ausrechnen können, daß einmal der Tag kommt, wo sie auf dem grünen Rasen wegen Überalterung nicht mehr gewünscht werden. Bei uns ist das Fußballpublikum sehr hart in der Auswahl. Sportler wie Künstler unterliegen einer gewissen Altersmüdigkeit. Da wird sehr schnell gewechselt, und es ist gut, wenn ihnen gesagt wird: Legt euer Geld zur rechten Zeit günstig an, wenn ihr im Hochverdienst steht.
SPIEGEL: ... solange ihr noch Tore schießt ...
MENDE: ... solange ihr noch Tore schießt. Wir sind bereit, euch gewisse Möglichkeiten für goldene Kugeln im Alter zu eröffnen.
SPIEGEL: Herr Dr. Mende, Ihr Chef Mr. Cornfeld nennt Sie einen Rundum-die-Uhr-Arbeiter. Sie haben es sogar geschafft, den prominentesten Repräsentanten der IOS-Organisation, James Roosevelt, den ältesten Sohn des ehemaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten, bei Bundeskanzler Kiesinger einzuführen. Soll die IOS dadurch hoffähig werden?
MENDE: Die beiden Herren haben sich sehr gut unterhalten, auch gemeinsame Erinnerungen ausgetauscht, und ich nehme an, daß damit ein Kontakt geknüpft wurde, der auch in Zukunft sicher zu manchem erfreulichen Meinungsaustausch führen wird.
SPIEGEL: Wieso Erinnerungen? Kannten sich die Herren von früher her?
MENDE: Mr. Roosevelt war von 1954 bis 1965 Abgeordneter im Repräsentantenhaus und hat dann eine Rolle als Botschafter in den Vereinten Nationen gespielt. Der Name Roosevelt ist ja nicht wegzudenken aus der amerikanischen Geschichte. .So oder so begegnet man immer einem Roosevelt. Bundeskanzler Kiesinger kannte den einen oder anderen der Brüder, und auch der Mutter, Eleanor Roosevelt, ist er einmal in Brüssel begegnet.
SPIEGEL: So haben Sie jetzt das begehrte große politische Dekorum für die Aktivität der IOS in Deutschland. Was hat Mr. Cornfeld gesagt, als Sie kürzlich bei einem Interview Ihre Tätigkeit als schöpferische Pause bezeichneten? Wollen Sie denn wieder weg von dem Mann mit dem Goldarm?
MENDE: Das sollte heißen: "Schöpferische Pause von der Politik." Denn daß ich keine Pause mache, merken ja die Herren in Genf und meine Freunde in Deutschland. Ich bin gefragt worden, ob ich in der Politik bleibe. Da habe ich gesagt, mit einem Bein ja. Ich bleibe im Bundestag und will 1969 wieder kandidieren.
SPIEGEL: Auch wieder für den Vorstandsvorsitz der FDP?
MENDE: Erstens wird 1969 gar nicht gewählt, sondern erst 1970, und zweitens wäre das ein törichter Vorsitzender, der im Januar 1968 sein Amt niederlegt, um im Januar 1970 wieder zu kandidieren. Ich habe lediglich den Bundestag gemeint. Und schöpferische Pause von der Politik heißt, ich trete zurück ins zweite Glied eines einfachen Beisitzers im Vorstand, weil ich im ersten Glied jetzt bei der IOS tätig bin.
SPIEGEL: Ist ein politisches Comeback so ohne weiteres möglich, wenn man einmal ins zweite Glied getreten ist?
MENDE: Das hängt in erster Linie vom Herrgott und in zweiter vom guten Hausarzt ab ...
SPIEGEL: ... und vom Wahlergebnis
MENDE: ... und von einer Allgemeinentwicklung, die niemand genau voraussagen kann.
SPIEGEL: Herr Dr. Mende, als Sie sich der IOS verschrieben, bemerkte man in Parteikreisen zunächst eine gewisse Bestürzung. Es war schon die Rede davon, daß sich eine neue Partei -- die FDP/IOS -- bilden werde.
MENDE: Ach wissen Sie, ich würde von den 2200 Anlageberatern sofort gern 1000 -- wenn ich Parteivorsitzender wäre -- in den Organisationsapparat der FDP übernehmen. Das wäre für die FDP eine großartige Sache. Ich fürchte nur, die 1000 werden den Tausch nicht mitmachen.
SPIEGEL: Zieht sich der goldene Faden der IOS auch noch durch andere Parteien?
MENDE: Wie meinen Sie das?
SPIEGEL: Wir wissen, daß zum Beispiel der CDU-Abgeordnete Artur Missbach, der mit seinem vertraulichen Informationsdienst private Geschäfte macht, erhebliche IOS-Verdienste hat. Herr Missbach arbeitet für die IOS unter dem Tarnnamen Sebastian Bach und vergißt niemals bei seinen Geschäftsschreiben den Zusatz "MdB". Wir kennen von ihm sogar Geschäftsschreiben mit dem Bundesadler, dem Signum des Bundestages.
MENDE: Das ist mir nicht bekannt.
SPIEGEL: Die Union zum Schutz der Bürger-Rechte untersucht diese merkwürdige Verquickung von politischem Mandat und kommerzieller Rührigkeit.
MENDE: Eine Verquickung von Politik und geschäftlicher Tätigkeit wird von mir abgelehnt. Aber es ist doch nichts Neues, daß jemand sowohl wirtschaftspolitische Führungspositionen haben kann als auch ein Mandat mit politischer Überzeugung. In Frankreich hat sich niemand daran gestoßen, daß Pompidou vom Bankiersessel auf den Premiersessel überwechselte. In Deutschland hätte es Happenings gegeben, wenn das einer bei uns gewagt hätte.
SPIEGEL: Vielleicht sollte aber ein aktuelles Beispiel aus der Schweiz zu denken geben, wo man es mit den demokratischen Spielregeln noch sehr genau nimmt. In Genf setzte die Liberale Partei ihren Stadtrat Pierre Raisin so lange unter Druck, bis er kürzlich seinen Verwaltungsratsposten bei einer IOS-Tochterfirma aufgab. Die Alternative lautete, wenn Pierre Raisin nicht den Verwaltungsratsposten bei IOS aufgibt, müsse er zwangsläufig seinen Stadtratposten aufgeben. So streng sind dort die Bräuche.
MENDE: Nun, die Schweiz ist ein kleines Land. Da sind Interessenkollisionen eher möglich als bei einer weltweiten Firma in der Bundesrepublik, dem großen Flächen- und Industriestaat.
SPIEGEL: Was halten Sie denn heute als Verwaltungsratsvorsitzer eines großen Finanztrusts von der fatalen Nachricht, die Sie 1966 während der Regierungskrise in die Welt setzten, es drohe eine neue Inflation und Währungsreform?
MENDE: Ich habe in der Fernsehnacht nach der bayrischen Landtagswahl nur gesagt: Wenn wir so weitermachen, wenn die Ausgaben des Staates weit über den Einnahmen liegen, werden wir in den siebziger Jahren möglicherweise in die dritte Währungsreform stürzen.
SPIEGEL: Aber dank der Tatsache, daß die FDP ja aus der Regierung ...
MENDE: An dieser Entwicklung sind alle allzumal Sünder im Deutschen Bundestag. Ich könnte Ihnen die Anträge reihenweise aus allen drei Fraktionen nennen, die zu einer erheblichen Ausgabenflut geführt haben.
SPIEGEL: Herr Dr. Mende, Sie haben vor kurzem gesagt, die Politik ist interessanter, das Geschäftsleben aber dankbarer. Dürfen wir fragen, ob Ihnen Herr Cornfeld Ihre Verdienste um die Banklizenz und das Anbahnen wertvollster Kontakte schon gedankt hat? Besitzen Sie bereits Aktien der IOS wie sie allen bewährten Mitarbeitern beschert werden; sind Sie IOS-Aktionär?
MENDE: Wenn Sie das beruhigt, noch nicht.
SPIEGEL: Herr Dr. Mende, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

DER SPIEGEL 3/1968
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