15.01.1968

AUF DEUTSCHE SPARER

zielen die Verkaufsbemühungen von 2200 sogenannten Anlageberatern im Dienste der größten Vertriebsgesellschaft für Investmentzertifikate, der Investors Overseas Services (IOS). Sie unterstehen dem Kommando des Ritterkreuzträgers Erich Mende und bieten ihre Wertpapiere nicht am Schalter, sondern in den Wohnzimmern an.
Mendes Vertreter, die sich vom Rekruten (Trainee) bis zum General-Manager hochdienen können, verkaufen gegen einmalige Zahlung eines Betrages oder -- bei Sparverträgen -- auf Monatsraten Anteilscheine (Zertifikate) von IOS-Fonds, in denen Aktien der verschiedensten Gesellschaften liegen. Durch Erwerb eines Zertifikats wird der IOS-Kunde an diesem Fondsvermögen beteiligt. Kursgewinne und Dividenden erhöhen im Laufe der Jahre den Wert seines Zertifikats. Mendes Agenten haben in der Bundesrepublik bereits 55 000 Sparer geworben.
Bernard Cornfeld, oberster Chef der internationalen Finanzgesellschaft, rühmt sich, seine Fondsverwalter seien "wahre Künstler". Sie verstünden es, den IOS-Kunden durch rechtzeitigen An- und Verkauf ausgewählter Aktien hohe Kursgewinne zu sichern. Cornfelds Fonds verwalten zur Zeit fast vier Milliarden Mark Kundengelder, die in der Tat bisher erfolgreich angelegt wurden. Wer zum Beispiel vor fünf Jahren Zertifikate der IOS-Hauptfonds "Fund of Funds" oder "International Investment Trust" kaufte, hat sein Kapital inzwischen mehr als verdoppelt.
In Westdeutschland wurde das Investmentsparen, das in Amerika seit Jahrzehnten floriert, erst 1956/57 modern. Seither gründeten die deutschen Banken 26 Investmentfonds, die aber dem Sparer -- im Vergleich zu ausländischen Fonds -- nur geringe Erträge einbrachten. Am erfolgreichsten war in den letzten fünf Jahren der Fonds Akkumula, der aus seinem Wertpapier-Portefeuille eine Wertsteigerung von 39,4 Prozent herausholte. (Der Hauptfonds "Fund of Funds" von IOS während der gleichen Zeit 138 Prozent.)
Die IOS, 1956 gegründet und 1960 in Panama registriert, ist heute ein Finanzkonzern mit über 50 Tochtergesellschaften. Dazu gehören Investment-Fonds, Banken, Versicherungen und Immobiliengesellschaften. Die Vertriebsmethoden des Trusts erregten in mehreren Ländern Mißfallen, und in den USA wurde der Konzern von der Börsenaufsicht -- der Securities and Exchange Commission (SEC) -- gründlich durchleuchtet. Die Untersuchung schloß mit einem Vergleich: IOS-Chef Bernard Cornfeld verpflichtete sich, seine Aktivität in den USA zu drosseln.
Cornfeld zog seine Hauptfonds aus den Vereinigten Staaten ab und konzentrierte sich besonders auf die Bundesrepublik Deutschland -- das Land mit dem liberalsten Kapitalverkehr. Bei ihren Hausbesuchen schlossen IOS-Vertreter allein im vergangenen Jahr Investmentverträge im Wert von mehr als einer Milliarde Mark ab; 250 Millionen Mark wurden 1967 in die Fonds des Cornfeld-Konzerns eingezahlt. Damit steht IOS weit an der Spitze aller Investmentgesellschaften, die in der Bundesrepublik um die Gunst der Sparer kämpfen. Die 26 deutschen Fonds lenkten im vergangenen Jahr nur insgesamt 450 Millionen Mark in ihre Tresore. Cornfeld: "Wir haben in Westdeutschland vergangenes Jahr etwa ein Viertel unseres Weltgeschäfts abgewickelt." Mit dem langjährigen FDP-Chef als Verwaltungsratsvorsitzenden der IOS in Deutschland versucht Cornfeld, den Ruf seines Unternehmens aufzubessern. 17mal nahm Erich Mende für die Photographen seinen Homburg vom graumelierten Kopf -- jedesmal, wenn er eine neue Agentur der IOS eröffnete. Er bezeichnet seine neue Tätigkeit als schöpferische Pause von der Politik und hält vor seinen Anlageberatern und den Mitgliedern westdeutscher Berufsverbände Vorträge. Mende konnte auch die Bedenken offizieller Stellen zerstreuen und Cornfeld zu einer Genehmigung für die Gründung einer Bank und eines neuen Fonds in der Bundesrepublik verhelfen.
Die Orbis Bank GmbH in München -- laut Mende wurde der Name vom Papstsegen "urbi et orbi" abgeleitet -- wird mit vier Millionen Mark Stammkapital ausgestattet. Hauptgesellschafter mit 90 Prozent der GmbH-Anteile ist die IOS-Holdinggesellschaft in Panama. Den Rest übernehmen der ehemalige Bundeswohnungsbauminister und FDP-Politiker Dr. Victor-Emanuel Preusker und sein Kompagnon im Bonner Bankhaus Preusker & Thelen. Dr. Hubert Thelen. Die Errichtung der Bank sowie eines deutschen Fonds sind nur die ersten Maßnahmen der "Operation Germany von IOS. Als nächstes wollen Cornfeld und Mende in der Bundesrepublik eine Immobiliengesellschaft und ein Versicherungsunternehmen gründen.

DER SPIEGEL 3/1968
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