15.01.1968

Bundesländer / NiedersachsenDPBHENPD

Er ritt und ratterte für Deutschland. Jetzt soll der Kavallerist und Panzergeneral a. D. Horst Niemack, 58, für die CDU raufen und die Partei in Niedersachsen vor den Rechten retten.
Nach einem Schlachtplan des niedersächsischen CDU-Landwirtschaftsministers und ehemaligen Artillerieleutnants Wilfried Hasselmann will der mit Eichenlaub und Schwertern dekorierte General den Einbruch, den die NPD am südlichen Heiderand erzielt hat, abriegeln und die Nationalen Demokraten, wenn möglich, wieder zurückwerfen.
Den Entschluß, den Bundestagswahlkampf im nächsten Jahr offensiv zu führen, faßte Hasselmann, 43, nachdem die NPD bei den letzten Landtagswahlen im Juni vorigen Jahres in seinem Heimatwahlkreis Celle-Land auf Anhieb 10,9 Prozent der Stimmen erobert hatte.
Vom geschäftsführenden CDU-Kreisvorstand in Celle, dessen Vorsitzender er ist, ließ Hasselmann sich ermächtigen, mit Niemack über eine Bundestagskandidatur "mal zu sprechen". Niemack, der in Hasselmanns Nachbarschaft einen Bungalow bewohnt und seit zwei Jahren Mitglied der CDU ist, war sogleich bereit.
Der ehemalige Kommandeur des Panzer-Füsilier-Regiments "Großdeutschland" zum SPIEGEL: "Rein gefühlsmäßig möchte ich glauben, daß ich Einfluß auf die NPD-Wähler haben würde. Ich kenne ja hier viele Soldaten."
Kavallerist Niemack -- der vor dem Krieg als Lehrer an der Kavallerieschule in Hannover die deutschen Olympiareiter für Goldmedaillen fit machte, sich selber als Turnierreiter hervortat und nächstes Jahr die deutsche Dressur-Equipe nach Mexiko führen wird -- soll außerdem helfen, die niedersächsische CDU auf Trab zu bringen.
Wohin der Ritt gehen soll, erläuterte Christdemokrat Hasselmann auf dem Bezirksparteitag der hannoverschen CDU im November letzten Jahres in Bad Pyrmont. Die Partei, so forderte der Minister, müsse "bewußt national-konservat) werden, damit rechts der CDU kein Raum bleibt". Hasselmann privat: "In manchem hat der Thadden recht."
Doch kaum war die Öffnung nach rechts propagiert, murrten Christen und Christdemokraten. Vorab opponierte der Bauer Wilhelm Brese, 70, CDU-MdB aus Marwede bei Celle, dessen Wahlkreis der General übernehmen soll.
Brese, der seit 1949 "nicht immer sachgerecht, aber voller Hingabe" ("Süddeutsche Zeitung") im Bonner Parlament arbeitet, will sich dem rechten Reitersmann nicht kampflos ergeben: "Ich hätte ja noch nichts gesagt, wenn"s wirklich "ne Verjüngung gewesen wäre. Aber so jung ist der doch auch nicht mehr."
Diesen Eindruck von dem General, der auch noch als Präsident der "Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger" tätig ist, hatte der Bauer, als die beiden sich vor etwa vier Wochen im Celler Landesinstitut für Bienenforschung zum erstenmal zu Gesicht bekamen. Brese zu Niemack: "Warten Sie mal ab, diese Sache werden wir in aller Freundschaft austragen."
Nicht nur dem Alter nach fühlt sich der Bauer ("Ich mache meinen Hof noch allein mit meinen Leuten") dem General gewachsen. Als CDU-Gründer in Celle und verdienter Wahlkämpfer ("Ich bin wie ein Wanderredner durch die Gegend gezogen") glaubt Brese, noch immer auf seine Gefolgschaft zählen zu können. Tatsächlich erhielt er bei der Bundestagswahl 1965 in einem Wahlkreis, den er mit 49,3 Prozent direkt gewann, 5443 Erststimmen mehr als die CDU Zweitstimmen. Und schließlich meint Bauer Brese, auch ideologisch mit dem General eins zu sein: "Wenn jemand national-konservativ ist, dann doch ich."
Doch nicht allein dem biederen Brese ist es unbehaglich, daß die Christdemokraten mit General Niemack voran in die Wahl ziehen sollen. Die katholische "Kirchenzeitung für das Bistum Hildesheim" wetterte in einem Leitartikel ("Nationale Pauke") gegen die Bestrebungen der Christdemokraten, "sich mit Herrenreiter-Typen" zu garnieren.
Und für die niedersächsische "Junge Union" erklärte der Landesvorsitzende Scupin: "Gewiß, in einer so großen Partei ... haben viele Menschen verschiedener Herkunft Wirkmöglichkeit ... Wenn aber aus der Christlich-Demokratischen Union ... eine DP-BHENPD werden sollte, dann hätte diese Partei aufgehört zu bestehen."

DER SPIEGEL 3/1968
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