15.01.1968

STUDENTEN / BERICHTERebellion der Gläubigen

Was wollen die Studenten?" nannten zwei Kulturredakteure des Bayerischen Rundfunks, Friedrich Mager und Ulrich Spinnarke, ihr Buch über die Unruhe an deutschen Universitäten und verkauften davon in knapp zwei Monaten 20 000 Exemplare.
Die Neugier der deutschen Väter auf das, was ihre rabiat gewordenen Söhne eigentlich wollen, kam auch anderen Verlagen zugute.
Der bislang nahezu unbekannte Berliner Voltaire Verlag lieferte im September eine Bilder- und Text-Dokumentation des in Hamburg ansässigen schwedischen Photoreporters Bernard Larsson "Demonstrationen. Ein Berliner Modell" aus -- und verkaufte von 5000 Exemplaren inzwischen 4590.
Ebenso viele Exemplare setzte derselbe Verlag in der gleichen Zeit von einer zweiten Dokumentation ab, einem flüchtig edierten Protokoll des Studentenkongresses, der Anfang Juni anläßlich der Überführung des in Berlin erschossenen Studenten Benno Ohnesorg in Hannover veranstaltet worden war.
Nicht minder erfolgreich war eine weitere Dokumentation. Von "Die Rebellen von Berlin", besorgt von dem Berliner Soziologie-Studenten Jens Hager, verkaufte Kiepenheuer & Witsch seit Anfang November immerhin 5500 Exemplare.
15 000 Stück druckte und mehr als 10 000 Stück verkaufte der Hamburger Christian Wegner Verlag seit Anfang November von einem Text, den Kai Hermann, Berliner Redakteur der "Zeit", verfaßt hatte: "Die Revolte der Studenten"*.
Selten hat nach dem Kriege in der Bundesrepublik aktuelle politische Literatur so floriert wie im heißen Jahr der Studenten, selten aber auch war das Ergebnis der beschreibenden und dokumentierenden Bemühungen so verwirrend.
Mager und Spinnarke ("Was wollen die Studenten?") vermuten das Ziel der radikalsten und aktivsten Studenten "letztlich irgendwo in der Nähe Moskaus".
Kai Hermann ("Die Revolte der Studenten") hingegen meint, daß für die Studenten "Opas Marx tot ist" und daß "ihr heimlicher Held nicht Mao, sondern Gandhi ist", der indische Heilige und Prophet der Gewaltlosigkeit.
* Mager/Spinnarke: "Was wollen die Studenten?" Fischer Bücherei; 156 Seiten; 2,80 Mark. -- Bernard Larsson: "Demonstrationen. Ein Berliner Modell". Voltaire Verlag, Berlin; 180 Seiten; sechs Mark. -- "Bedingungen und Organisation des Widerstandes. Der Kongreß in Hannover". Voltaire Verlag, Berlin; 150 Seiten; sechs Mark. -- Jens Hager: "Die Rebellen von Berlin". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln/Berlin; 198 Seiten; 7,80 Mark. -- Kai Hermann: "Die Revolte der Studenten". Christian Wegner Verlag, Hamburg; 152 Seiten; 7,80 Mark.
Ob die Studenten allerdings wirklich gegen Gewalt sind, ob sie nicht zumindest Gewalt provozieren wollen, schien sogar einem ihrer deutschen Lehrmeister, dem Frankfurter Philosophie-Professor Jürgen Habermas, zweifelhaft -- laut Voltaire-Dokumentation vom hannoverschen Studentenkongreß.
Bänglich fragte der Philosoph nach der Benno-Ohnesorg-Feier den nicht mehr anwesenden Dutschke: "Ich hätte gern geklärt, ob er (Dutschke) nun willentlich die manifeste Gewalt herausfordert, nach dem kalkulierten Mechanismus, der in diese Gewalt eingebaut ist, und zwar so, daß er das Risiko von Menschenverletzung, um mich vorsichtig auszudrücken, absichtlich einschließt oder nicht."
Jedenfalls glaubte Habermas in Hannover "Gründe zu haben", Dutschkes Ansichten "linken Faschismus" nennen zu müssen.
Das wiederum bezweifelt Kai Hermann, "wenn auch der Aktivismus der Extremisten bisweilen an faschistische Praxis zu erinnern scheint".
Doch meint auch Hermann, daß die ideologisch geschulten Studenten in der klassischen Freiheitsbewegung der abendländischen Geschichte, dem Liberalismus, ihren eigentlichen Gegner sehen: "Nicht die Konservativen, die offen Reaktionären, die bekennenden Faschisten, sind der Erzfeind der studentischen Rebellen -- sie werden nicht mehr ernst genommen -, sondern die Liberalen." Sieben Wochen nach Erscheinen seines Buches beschrieb Kai Hermann den Anti-Liberalismus-Affekt der Studenten in der "Zeit" noch deutlicher: "Man nehme Ludwig Erhard, die 'Zeit', Theodor Eschenburg, den SPIEGEL und Ralf Dahrendorf bringe alles auf den kleinsten und gemeinsamen Nenner "liberal" -- und hat den Erzfeind."
In Wirklichkeit freilich richtet sich die studentische Opposition gar nicht primär gegen Personen und Zeitschriften, die als "liberal" gelten, sondern vielmehr dagegen, daß diese "liberalen" Figuren als "Alibi" einer Gesellschaft dienen, die nach studentischer Auffassung "autoritär" ist.
Autoritär ist diese Gesellschaft -- nach studentischer Ansicht -- nicht einmal in dem Sinne, daß sie "terroristische" Gewalt anwendet, sondern insofern, als sie die Menschen "manipuliert", deren Sehnsüchte und Neigungen ausnutzt, um sie sich nutzbar zu machen.
Die Rebellion der Studenten richtet sich also letztlich gegen den "Normal-Menschen" selbst, der sich von Reklame oder Propaganda an seinem Unterbewußtsein gepackt, manipulieren läßt.
Die rebellischen Mittel der Studenten heißen deswegen "Bewußtheit" (Dutschke) oder "Sensibilität" (Habermas) des Menschen gegen die Manipulation, die ihm, ohne daß er sie registriert, zugefügt wird.
Gleichwohl bereitet den Studenten-Ideologen ihr eigener Anti-Liberalismus offenkundig Schwierigkeiten. Auf der einen Seite begreifen sie sich, laut Mager/Spinnarke, als "radikal demokratisch", auf der anderen Seite erstreben sie mit Herbert Marcuse, ihrem Idol (SPIEGEL 25, 30, 35/1967), eine "Erziehungsdiktatur".
Auf der einen Seite klagen sie die Parteien der Bundesrepublik mangelnder "innerparteilicher Demokratie" an (Dutschke: "Keine Selbsttätigkeit von unten, nur noch Manipulation von oben"), andererseits verstehen sie sich selbst als eine elitäre Gruppe, welche die Masse der Studenten und am Ende auch die außer-universitäre Öffentlichkeit bewußt manipuliert.
"Sie setzen", so Kai Hermann, "der manipulierten Meinung Information entgegen, 'die in entgegengesetzter Richtung präformiert ist'."
Doch deutet der unbezweifelbare Erfolg dieser studentischen Dialektik -- Mager/Spinnarke: "unerwartete Politisierung", "zunehmendes Engagement" -- auf ein Reservoir von studentischer Unlust und studentischem Unbehagen, das mit eindeutig politischen Kategorien nicht greifbar ist.
Zwar meinen alle Interpreten, Dokumentatoren und Akteure des heißen Jahres, daß die verfehlte Hochschulpolitik der Bundesrepublik die Studenten-Rebellion ausgelöst habe, doch versuchen sie auch, nach tieferen Ursachen zu fahnden.
Mager und Spinnarke gelangen zu harten Anklagen gegen die Gesellschaft (Beispiel: "Ratten hatten 1966 in Amerika 14 000 Babys und Kleinkinder gebissen") und zu lapidaren Proklamationen: "Die Studenten protestieren gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung in der ganzen Welt."
Dieselben Autoren· zitieren einen Werbeleiter aus Milwaukee: "Die Schönheitsmittelfabrikanten verkaufen nicht Lanolin, sondern Hoffnung" und dekretieren anschließend: "Wer das ändern will, und die Studenten wollen es ändern, muß diese Gesellschaft umstürzen, muß bereit sein zur Revolution."
Der naßforsche Kausalnexus von Lanolin und Revolution geht auf Herbert Marcuse zurück. Indem die moderne Gesellschaft, meint der Philosoph, auf dem Wege der Reklame Wünsche schaffte oder mobilisierte oder manipulierte, versklave sie den Menschen, errichte sie "komfortable Unfreiheit". Studentische Revolution soll sie brechen.
Dementsprechend nimmt Hermann an, daß die Studenten gegen die moderne Gesellschaft schlechthin, gegen deren gefühlskalte, undurchschaubare Technisierung und Bürokratie anzurennen versuchen. Sie rebellieren, so Hermann, "gegen die Gesellschaft der Kybernetiker und Computer".
Da jedoch Technik und Bürokratie für die Menschheit unerläßlich sind, scheint Hermanns zentrale These über die studentische Rebellion keineswegs unglaubwürdig: "Es ist eine Religion der Negation" die an den Universitäten ihre Gläubigen findet."

DER SPIEGEL 3/1968
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