15.01.1968

ENTWICKLUNGSHILFE / TARBELA-STAUDAMMUnter Satelliten

Mit den knappen geraden Strichen des kartenkundigen britischen Infanterie-Obristen warf Pakistans Staatspräsident Ajub Khan eine Skizze des oberen Indus aufs Papier, schraffierte Sperrmauer und Stausee bei Tarbela und erklärte seinem Gast, hier solle der Welt größter Staudamm entstehen.
Dann schob er die Zeichnung seinem Staatsgast Kurt Georg Kiesinger hin. "Ich hoffe", sprach Ajub Khan sodann, "daß die Deutschen den Damm bauen."
Drei Tage nach dem Gespräch der beiden Staatsmänner, am 30. November vergangenen Jahres, schien den Deutschen der Tarbela-Auftrag sicher. Bei der Öffnung der Angebote für eines der ehrgeizigsten Bauwerke der Menschheitsgeschichte lag die Forderung eines deutsch -- schweizerischen Firmenkonsortiums um eine Milliarde niedriger als die der härtesten amerikanischen Konkurrenz.
Am liebsten hätte die westpakistanische Wasser- und Energiebehörde "Wapda" den Auftrag noch im Januar nach Westdeutschland vergeben. Seit freilich am Tag nach Neujahr der stellvertretende US -- Außenminister Katzenbach in Bonn Devisenhilfe verlangt hat, fürchten die Firmen, den Auftrag doch noch zu verlieren. Sie argwöhnen, Bonn werde den Amerikanern eher auf Kosten der Privatwirtschaft helfen wollen als zu Lasten der Staatskasse.
Im freien Wettbewerb nämlich können die Amerikaner "nicht mehr auf den Auftrag zum Bau des Mammut-Projekts im Indus-Tal hoffen. Eine amerikanische Gruppe unter Führung der Baufirma Guy F. Atkinson aus San Franzisko verlangt 3,2 Milliarden Mark für dieselben Arbeiten, die das deutsch-schweizerische Konsortium unter Führung der Essener Hochtief AG für 2,2 Milliarden Mark leisten will*.
Allein die deutsch-schweizerische Offerte entsprach sowohl den Preisvorstellungen der Pakistanis als auch den Berechnungen unabhängiger amerikanischer Spezialgutachter. Die Gesamtkosten des Tarbela-Projekts einschließlich der pakistanischen Eigenleistungen werden auf über 3,6 Milliarden Mark geschätzt.
Für dieses Geld soll binnen acht Jahren der Indus nördlich der Städte Rawalpindi und Peschawar zu einem 80,4 Kilometer langen und bis zu 137 Meter tiefen künstlichen See aufgestaut werden. Um die versalzten Äcker Westpakistans frisch zu bewässern und überdies 2,1 Millionen Kilowatt Strom zu gewinnen, wollen die Pakistanis mehr als dreimal soviel Erde ausschachten und auftürmen wie die Ägypter beim Bau des Assuan-Staudamms.
Am Jahreswechsel begannen die westdeutschen Vertreter mit den beratenden Ingenieuren in New York die technischen Einzelheiten auszuhandeln. Der endgültige Zuschlag wurde für Februar erwartet.
Nach Katzenbachs Bonn-Besuch freilich warnte im Düsseldorfer "Handelsblatt" der Chefredakteur Dr. Joseph Maria Hunck, "hinter den Kulissen" sei ein hartes "Ringen um den Zuschlag für das pakistanische Riesenprojekt entbrannt". US -- Präsident Johnson, so Hunck, habe den pakistanischen Kollegen Ajub Khan schon bei seinem Blitzbesuch im vergangenen Dezember gedrängt, den preiswerten Deutschen die teureren Amerikaner vorzuziehen.
Die mißtrauischen deutschen Unternehmen ließen sich weder durch Bonner noch durch Washingtoner Dementis beruhigen. In der Tat bestätigte das Bundeskabinett am Mittwoch vergangener Woche indirekt die Befürchtungen der Industrie. Kiesingers Ministerrunde befand, für neue Waffenkäufe in den USA habe der Bund kein Geld. Statt dessen solle die Bundesbank zusätzliche amerikanische Staatswechsel ins Depot nehmen. Darüber hinaus könne die Bundesregierung für den großen Verbündeten höchstens etwas bei der Entwicklungshilfe tun.
Der deutsche Sprecher der pakistanischen Energiebehörde, Dr. J. W. Strobel, hofft, daß sich die Bundesregierung "das Tarbela-Projekt nicht doch noch entwinden" lasse. Sonst, so Strobel, würde sich Westdeutschland verhalten "wie ein perfekter Satellitenstaat".
* Zum Konsortium gehören ferner die Philipp Holzmann AG in Frankfurt, die Ed. Züblin AG in Stuttgart, die Strabag Bau-AG in Köln sowie die Schweizer Firmen Losinger in Bern und Zschokke in Genf.

DER SPIEGEL 3/1968
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