15.01.1968

AFFÄREN / STEYLER MISSIONSuche nach Menschen

Zweimal bekam der weltliche Werbechef des katholischen Ordens "Steyler Mission" in St. Augustin bei Bonn gegen Ende des vergangenen Jahres Post aus Rom. Sie brachte ihm Ehrung und Entlassung.
Im ersten Brief ernannte der Dekan des Kardinalskollegiums im Vatikan, Kardinal Tisserant, den Ritter des Ordens vom Heiligen Grabe, Dr. h. c. Helmut Reuther, zum Träger des Großen Verdienstkreuzes der Grabesritter.
Im zweiten Brief eröffnete der General-Superior der Steyler Mission, Pater Johannes Schütte, dem Leiter der Hauptabteilung Presse und Information der deutschen Missionszentrale in St. Augustin, Dr. h. c. Helmut Reuther, daß er entlassen sei,
Beides, Ehrung wie Entlassung, verdankt Helmut Reuther, 31, seiner modernen Methode, für die "Gesellschaft des Göttlichen Wortes" in der Welt zu werben.
Die Societas Verbi Divini (Gesellschaft des Göttlichen Wortes), wie die Steyler Missionare sich nennen, ist ein weltumspannend organisierter Orden, in dessen Namen 5700 Missionare in 36 Ländern der Erde als Lehrer und Ärzte wirken. Um aber wirken zu können, sind sie auf beträchtliche Spenden angewiesen, und für diese wiederum muß geworben werden.
Solche Werbung war in der deutschen Missionszentrale St. Augustin seit 1963 die Aufgabe des cleveren Diplom-Kaufmanns Helmut Reuther, der zuvor in Bonn als Journalist und als Ghostwriter des christdemokratischen Ex-Außenministers Heinrich von Brentano aktiv gewesen war. Auch erschien es den geistlichen Herren durchaus nützlich, daß ihr Werbechef zugleich (1963) einen sogenannten Werkvertrag mit dem Druckschrift-intensiven Presse- und Informationsamt der Bundesregierung abschloß.
Dieser Werkvertrag trug Reuther letztes Jahr die Chance ein, zum Jahrestag der Großen Koalition einen umfangreichen Bildband mit dem Titel "Die deutsche Bundesregierung" herauszugeben, Auflage: 600 Stück. Allein 500 sollte laut Bestellbrief vom 13. September 1967 das Presseamt zum Stückpreis von 50 Mark (Gesamtpreis also 25 000 Mark) aufkaufen und von der damals zur Steyler Mission gehörenden Akademie "Kontakte der Kontinente" (Generalsekretär: Reuther) im Ausland verteilen lassen.
Die für den Band geplanten Texte der Lebensläufe aller 20 Regierungsmitglieder hatte Reuther dem Presseamt eingesandt und um Vorlage bei den Betroffenen gebeten. Als er die Texte zurückbekam, wiesen sie alle handschriftliche Änderungen auf. Auch der Lebenslauf des Bundesverteidigungsministers Gerhard Schröder war so korrigiert worden.
Dennoch wurde die Verbreitung des inzwischen gedruckten Bandes, eben dieses Schröder-Lebenslaufes wegen, vom Presseamt Ende November gestoppt.
Die Vita des protestantischen Verteidigungsministers, so schrieb Ministerialdirigent Fritz Niebel vom Presseamt dem Dienstvorgesetzten Reuthers, dem Prokurator Pater Nottebaum, enthalte Formulierungen über Schröder, "die dieser niemals gebilligt hätte,
* In seinem Dienst-Bungalow auf "Steyler Missions"-Gelände mit dem Bildband "Die deutsche Bundesregierung".
wenn ihm der Text vorgelegt worden wäre". Gemeint waren die Bemerkungen, Schröder
* habe die "auswärtige Politik nach seinen -- eigenen Grundsätzen geführt, wie sie seiner starken persönlichen Neigung für die angelsächsische Welt entsprach";
* habe sich als Vorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU "eine breite Basis für sein politisches Wirken und eine Hausmacht geschaffen, die er im politischen Kräftespiel wirkungsvoll einzusetzen verstand". Das Bundespresseamt zog seine Kaufzusage für den Bildband zurück. Herausgeber Reuther, der bei der Druckerei Vorkasse geleistet hatte, blieb auf den Büchern sitzen.
Die Frage, ob Minister Schröder den inkriminierten Lebenslauf nun gesehen und beanstandet habe oder nicht, konnte Reuther trotz wiederholter Bemühungen nicht aufklären. Schließlich verklagte er als Generalsekretär der Akademie "Kontakte der Kontinente" das Presseamt auf Abnahme der Bildbände und Zahlung der vereinbarten 25 000 Mark.
Das aber -- einen Streit mit der Staatsgewalt -- mochten die mildtätigen Steyler Missionare gar nicht. Sie beeilten sich zu verlautbaren: "Die Herausgabe des Bildbandes (über die Bundesregierung) erfolgt ohne Wissen der Leitung des Priesterseminars und ohne Wissen der Leitung der niederdeutschen Provinz der Steyler Missionare." Bald darauf wurde Reuther abgeschossen.
Die Eile hatte Gründe -- denn Reuther war bereits dabei, eine Werbeidee zu realisieren, die den konservativ eingestellten Oberen des Steyler Ordens abermals mißfiel: Er betrieb eine Anzeigenwerbung in der Illustrierten "Stern"" gegen die besonders die Theologie-Professoren des Steyler Priesterseminars schwere sittliche Bedenken hegen.
Reuther hatte den "Stern"-Verleger und ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Gerd ("Buci") Bucerius bewogen, etwas für sein Verhältnis zu den Katholiken zu tun und eine achtseitige, mit Spendenaufruf versehene, von Reuther verfaßte Bild-Reportage über die Steyler Missionare als Anzeige zu drucken -- freilich zu Sonderbedingungen. Die Anzeigen-Reportage erschien in der Silvester-Nummer des "Stern", Titel: "Auf der Suche nach Menschen". Die Steyler Mission bezahlte dafür 221 440 Mark. Bucerius überwies als Spende 150 000 Mark an die Steyler Mission zurück.
Obwohl seither auch andere Spenden reichlich fließen, wehrt sich der fromme Orden, von Reuther befreit, gegen diese Art der illustrierten Selbstdarstellung. Pater Nottebaum: "Die Richtung, in der Reuther seine Arbeit betrieben hat, ist von der Leitung der Gesellschaft nicht gern gesehen worden."
Helmut Reuther, geschaßt und dekoriert zugleich, sieht es anders: "Die sind eben nicht von dieser Welt."

DER SPIEGEL 3/1968
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