15.01.1968

KIRCHE / KRIEGSPREDIGTENDu lieber Schläger

Es geschah am 3. Februar 1918. Auf den Straßen demonstrierten Streikende, auf der Kanzel des Berliner Dorns wurden sie beschimpft. Der evangelische Hofprediger Bruno Doehring nannte ihre Führer "feile und feige Kreaturen, die den Altar des Vaterlands meuchlings mit Bruderblut entweiht" hätten.
Und an jenem Februartag wurde in Doehrings Predigt die Dolchstoßlegende geboren: Man habe den Streikenden "die Mordwaffe in die Hand gedrückt und sie den Brüdern, die noch vor dem Feinde liegen, in den Rücken fallen" lassen.
Wie Doehring predigten viele, sogar fast alle. Das stellte jetzt Wilhelm Presse, Pfarrer im württembergischen Rommelshausen, in einer Untersuchung über evangelische Kriegspredigten des Ersten Weltkrieges fest**
Auf Kanzeln daheim wie vor transportablen Feld-Altären warben evangelische Pastoren und Theologie-Professoren von 1914 bis 1918 fürs Blutvergießen. Sie verliehen Gott die deutsche Staatsbürgerschaft. Der "deutsche Gott" -- so war häufig zu hören konnte gar nicht anders, als "sein Volk" siegen zu lassen.
* Am 5. August 1914 nach einem Bittgottesdienst des Hofpredigers Doehring.
** Wilhelm Pressel: "Die Kriegspredigt 1914-1918 in der evangelischen Kirche Deutschlands". Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen; 380 Seiten; 24 Mark.
Bald nach Kriegsbeginn schon jubelte der Thüringer Pfarrer Adam Ritzhaupt: "Ein herrlicher Offenbarer ist uns der Krieg geworden ... Wann haben wir je in Friedenszeiten die himmeljauchzenden Gefühle erlebt wie in dieser Kriegszeit? Ist nicht alles Leid und aller Unsegen aufgewogen durch das einzige Glück, daß wir einen Heldenkampf kämpfen?"
Den dabei unvermeidlichen "Heldentod" handelten die Geistlichen wie ein Kapitel aus dem Exerzier-Reglement ab. So verglich der preußische Feldgeistliche Johannes Reetz jeden Landser mit einem Posten, der von Gott zum Wachdienst eingeteilt sei: "In dem Augenblick, in dem wir für ihn überflüssig werden, wird der Posten eingezogen, das heißt, wir sterben." Der Berliner Pfarrer Droß ließ Gott ("Der allerhöchste Kriegs- und Friedensherr") die Gefallenen "abkommandieren" -- "aus den unteren in die oberen Quartiere".
Als Beweis für die Hilfe des "deutschen Gottes" priesen die Pastoren bis zuletzt eine leibhaftige Gottesgabe -- den Kaiser Wilhelm II. Der Leipziger Professor für systematische Theologie Ludwig Ihmels dankte dem Allmächtigen, "daß er ihn uns gegeben hat, unseren Kaiser, um den die Welt uns beneidet". Für Ihmels war Wilhelm "ein Segen für sein Volk".
Dem Thron und dem Altar gleichermaßen verbunden, forderte der Berliner Pfarrer und Feldprediger Ludwig Wessel ("Der Krieg ist das Stahlbad unseres inwendigen Menschen") "bedingungslose Treue zum Zollernthron" -- eine Treue, die ihm so "heilig" war "wie das Evangelium
Der Pfarrer Franz Koehler sang eine Hymne auf "das segensmächtige gute deutsche Schwert": "Gott hat dich uns in die Hand gedrückt, wir halten dich umfangen wie eine Braut ... Du bist die letzte Vernunft. Du lieber Schläger bist uns ein Träger des Geistes."
Die Gebrauchsanweisung für die Hiebwaffe ließ Kochler den liehen Gott selber erteilen: "Nun komm" mein Sieger" Du sollst Beute in Fülle haben. Und sollst sie alle umbringen dürfen als meine Erschlagenen. Rüste dich und rase und richte ... Im Namen des Herrn darfst du sie zerhauen."
Auch ihren Herrn Jesus Christus machten die Pastoren zum Kriegsherrn. Der preußische Feldpfarrer Fritz Buchholz beschwor seine Hörer sich nicht durch die "vielen weichlichen Christusbilder" täuschen zu lassen: "Nein, er war ein Held! Ein Mann durch und durch. Ein Ritter. der Welt, Tod und Teufel den Krieg erklärte und den Sieg errang."
Auch der württembergische Dekan Ottmar Schönhuth rüstete den Heiland auf: "Er hat in seiner Art etwas Kriegerisches, etwas Angreifendes. Seine Reden sind meist auf einen ganz anderen Ton gestimmt als auf den der Friedensschalmeien. Das klingt eher wie Kampfesruf, wie Schlachtdrommeten, wie klirrender Schwertstreich." Mithin sei Jesus der "geborene Held und Bannerträger für unsere Zeit und unser Volk".
Fromme Christen glaubten, was der Bremer Pastor Jacobskötter verkündete:" Du deutsches Heer, es müssen deine Fahnen siegen, wo sie entfaltet werden" es müssen deine Feinde erkennen, daß Gott uns zu diesem Kampf berufen hat" daß er mit uns ist. Ja, es müssen unsere Heere Bahnbrecher und Wegbereiter Gottes werden auf Erden." Der Potsdamer Hofprediger Johannes Keßler verkürzte die Gewißheit zu der Losung: "Durch Gott zum Sieg."
Als es dann anders kam" war Gott nicht schuld. Der Hofprediger Doehring lieferte nicht nur die weltliche Dolchstoßlegende" sondern auch eine weitere" fromme Erklärung für die deutsche Niederlage: "Nicht Gott hat unser Volk verlassen, sondern unser Volk hat ihn verlassen."

DER SPIEGEL 3/1968
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