15.01.1968

HANDEL / REFORMHÄUSERTolle Twens

Seit 70 Jahren verkaufen sie unentwegt "Gesundkost" und "Vollwertnahrung". Aber Westdeutschlands Reformhäuser erwecken bei Bundesbürgern Assoziationen wie "krank, schwach, lebensuntüchtig".
Das Umfrage-Ergebnis machte den etwa 2500 Reformhändlern klar, warum sie nicht über 350 Millionen Mark Jahresumsatz hinauskommen. Es verhalf ihnen auch zu der Einsicht: "Wir sind selbst schuld, daß wir so klein geblieben sind."
So formuliert es Alfred Liebe, 65, früher Besitzer von zwei Reformhäusern und jetzt Chef der Ah-Werbung in Oberursel, der seine Rohkost-Freunde von "Weltfremdheit und Staub befreien" will. Liebe weiß, daß er es schwer haben wird, denn: "Die Grasfresser sind sehr stur."
Sie halten bis heute an naiven, unwissenschaftlichen Ernährungstheorien aus dem vergangenen Jahrhundert fest. Sie berufen sich auf die Naturheilkundigen Vincenz Prießnitz (1799 bis 1851), schlesischer Bauer und Namenspatron des feuchten Umschlags, Sebastian Kneipp (1821 bis 1897), bayrischer Pfarrer und Erfinder des Malzkaffees, sowie auf den Schweizer Arzt Dr. Maximilian Bircher-Benner (1867 bis 1939), der vegetarisches "Bircher-Müsli" zur Weltanschauung erhob.
Die strengen Reformer halten nichts von Fleisch und anderer tierischer Nahrung, nichts von Genußmitteln. Sie verabscheuen Gekochtes, Gebratenes und Gebackenes, weil beim Erhitzen das Naturprodukt "stirbt" (Bircher-Benner). Künstliche Düngung oder Nahrungsmittelchemie sind den Reform-Ideologen Teufelswerk.
Sie preisen eine "naturhafte" Margarine, Bohnensalat in "biologischer Zusammensetzung" oder den "Hellwert der Sellerie". Sie rufen zur "Blutreinigung" oder zur Schönheitspflege durch Kräuter-Kosmetik und Joghurt-Sonnenschutz.
Da die Beschaffung unberührter Naturprodukte immer schwerer fiel, gründeten die Reformhäuser 1930 die Einkaufsgenossenschaft "Neuform" in Bad Homburg mit eigenem Markenzeichen. Rund 40 kleine Firmen produzieren bis heute eigens für die Neuform.
Die bundesdeutsche Gesundheitswelle, die den Reformhäusern eigentlich Hochbetrieb hätte bringen müssen, lief an ihnen vorbei. Der Rohkost-Handel sträubte sich zum Beispiel lange, Diätnahrung in Büchsen zu verkaufen, weil sie Tierisches enthält. Auch die hohen Preise waren dem Geschäft abträglich.
Die sektiererische Branche (Liebe: "Die reine Inzucht") geriet immer mehr ins Hintertreffen. Nur sechs Prozent aller Reformhäuser konnten bislang die umsatzfördernde, aber kostspielige Selbstbedienung einführen (Lebensmittel-Einzelhandel: 48 Prozent). In fast einem Drittel der Läden steht nur die Familie hinter der Theke.
Die ideologische Front begann zu bröckeln. Eine Kaffee-Marke wurde in die Reformhäuser aufgenommen, denn, so eine Anzeige im "Neuform-Echo": "Idee-Kaffee steht der Reform-Idee am nächsten." Das Stärkungsmittel Galama wurde akzeptiert, obwohl es verpönten Alkohol enthält. Und sogar Diätnahrung kam schließlich ins Sortiment.
Dieser Beschluß gefiel dem reformierten Reformer Alfred Liebe, der jetzt den "übermäßig stark strapazierten Begriff Gesundheit" zur Ruhe setzen will. In seiner Werbung, die von den Kollegen akzeptiert wurde, heißt es "Moderne Kost für moderne Menschen".
Auf den Anzeigen sind tollende Twens zu sehen, denn vor allem sollen junge Käufer angelockt werden. Gegenwärtig sind zwei Drittel der Müsli-Kundschaft älter als 50, ein Drittel ist sogar älter als 60 Jahre.

DER SPIEGEL 3/1968
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