15.01.1968

„Ich werde Deutschland wiedervereinigen, ob Sie es glauben oder nicht“

1. Fortsetzung
Seinen ersten Erfolg verdankte Axel Springer den Intellektuellen, die ihm den Weg zu "Radio Hamburg, a Station of Military Government", öffneten.
Einer von ihnen, Axel Eggebrecht, war alles das, was die Blätter des Konzerns später so heftig geißelten: ein heimatloser Linker, ein früherer Kommunist, Mitarbeiter der von (dem gegenwärtigen Chefredakteur der "Welt am Sonntag") Bernhard Menne geleiteten marxistischen Literaturzeitung "Das Wort" und der "Weltbühne", Mitte der zwanziger Jahre mit der Partei zerfallen, nun ein radikaler Demokrat und Pazifist, ein zerschossener, trauriger Mann, der den perfekten, knochenbrecherischen Militärstaat nach der "Verordnung zum Schutz von Volk und Staat" im Konzentrationslager erlebt hatte -- "Bist du wirklich immer noch so radikal?" fragte ihn Axel Springer später.
Eggebrecht war im März 1945 von Berlin nach Schleswig-Holstein gekommen und von dort zum Funkhaus in der Rothenbaumchaussee gefahren. Mit seinen sächsischen Landsleuten Peter von Zahn, Radikalliberaler damals, Curt Emmrich, genannt Peter Bamm, Bruno E. Werner und Ernst Schnabel bildete er dort die Kerntruppe des späteren "Nordwestdeutschen Rundfunks" -- einen "obersächsischen Sender im niedersächsischen Raum".
Wie alle, die über die Kette von Ursachen und Wirkungen in der deutschen Geschichte nachzudenken begannen, waren die neuen
Rundfunkjournalisten für radikale Aufklärung und Umerziehung. Ein neuer Rationalismus, übereifrig, kurzschlüssig oft, aber geeignet, die Grundlagen der gesellschaftlichen und politischen Fehlhaltungen in Deutschland freizulegen, wollte sich verbreiten.
Auch Axel Springer, so schien es wenigstens, teilte den neuen, aufklärerischen Geist. Da privater Einfluß auf den Rundfunk kaum zu gewinnen war, blieben zwei verlegerische Projekte: die Sendungen im Druck vorher anzukündigen und sie, soweit sie lesenswert waren, im Druck nachher festzuhalten. Eine Programmzeitung also und ein digest-ähnliches Journal mit dem Wortlaut der interessanten Sendungen nach dem Muster des englischen "Listener", einer Zeitschrift der British Broadcasting Corporation (BBC) in London.
Beide Projekte waren nicht nur der Aufklärung wegen, sondern auch kaufmännisch interessant. "Der Stoff kostete im Einkauf so gut wie nichts, Markt und Publizität wurden vom Rundfunk kostenlos mitgeliefert. Man mußte nur redigieren, drucken und eine gute Spanne einkalkulieren.
Manche Rundfunkanstalten, so die britische BBC, behielten sich den Vertrieb solcher Druck-Erzeugnisse daher vor, und man mag es als Ironie betrachten, daß Axel Springer seinen wirtschaftlichen Aufstieg der Anlehnung an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk verdankte, den er als Gralsritter des freien Wettbewerbs später so heftig bekämpfte -- Springer, privilegiert zudem durch ein rigoroses, quasi-staatliches Lizenzierungssystem, das gleiche Startbedingungen und freien Wettbewerb in der wichtigen Anfangsphase ausschloß und ihm auf dem Markt der Programmzeitschriften einen wohl nicht mehr einzuholenden Vorsprung verschaffte.
Auf den offiziösen Eindruck achteten beide Organe im Anfang peinlich: die "Listener"-Nachahmung "Nordwestdeutsche Hefte" mit dem Kopfvermerk "Herausgeber: Axel Eggebrecht und Peter von Zahn im Auftrage des Nordwestdeutschen Rundfunks", die "Hör zu" getaufte Programmzeitschrift in dem von der Nummer 2 an geführten Untertitel Die Rundfunkzeitung des NWDR". Für die Programmzeitschrift erhielten die Inhaber des Verlages Hammerich & Lesser, Axel und Hinrich Springer (in dieser Reihenfolge aufgeführt), im britischen Hauptquartier die Lizenznummer 67, für die "Nordwestdeutschen Hefte" die Lizenznummer 68.
Es wehte ein rauher, umstürzlerischer Geist durch die gelben, holzhaltigen Seiten der "Nordwestdeutschen Hefte", deren erstes, undatiert, offenbar im März 1946 erschien -- eine Entschlossenheit, Staat, politisches Bewußtsein, die Presse von Grund auf zu erneuern:
* gegen mythische Vernebelung -- "Seien wir mißtrauisch! Mit dem Glauben soll uns keiner fangen" (Peter von Zahn);
* gegen platten Antikommunismus -- "Es empört Sie, daß ich einige sowjetische Leistungen als Grolltaten der Menschheit bezeichnet habe. Soll ich mir den Blick trüben lassen?" (Artur W. Just).
"Wenn in Konzentrationslagern Platz gewesen ist für Christen und Atheisten, warum dann nicht auch in einem neuen Deutschland", schrieb der Pfarrer der bei Stalingrad untergegangenen 371. Infanteriedivision, Johannes Schröder, und der ehemalige Fähnleinführer Ralf Dahrendorf aus Hamburg-Wellingsbüttel" gegenwärtig Soziologie-Professor in Konstanz (und seit neuestem der intellektuelle Sprecher der FDP), forderte die beschleunigte Amnestierung der jungen Generation, die sonst haltlos, pessimistisch und inaktiv werde, denn "bei 1550 oder 1880 Kalorien gibt es kein Zurück".
Die Liste der Autoren kennt noch keine Unterscheidung in links und rechts. Belletristik, Theater, Kunst und Populäres blühten mehr am Rande, meist versorgt von Walther Hansemann, der die Hefte laut Impressum seit Januar 1947 redigierte und offenbar auch die neu belebte Buchproduktion von Hammerich & Lesser dirigierte, für die in der Zeitschrift, eine Eigenheit des Konzerns vorwegnehmend, eine kräftige redaktionelle Eigenwerbung betrieben wurde.
Im April 1948 wurde aus den "Nordwestdeutschen Heften" die. Illustrierte "Kristall", die Springer im Dezember 1966 mit einem Verlust von 30 Millionen Mark einstellte.
Der Buchverleger-Ehrgeiz scheint bei Axel Springer im Jahre 1947 noch groß gewesen zu sein. Eine aus Hammerich & Lesser ausgegliederte Axel Springer Verlag GmbH sollte offenbar den Rahmen abgeben; demnächst, liest man, sollten dort wichtige Bücher erscheinen. Die Firma entfernte sich jedoch ziemlich weit von ihrer Funktion; heute ist sie das Stellwerk des Riesenkonzerns, und die einzigen Bücher, die dort erscheinen, sind die Bilanzen der zahlreichen Tochter- und Schachtelgesellschaften.
Ob die aufklärerischen Gedanken, die Axel Springer in monatlich rund 100 000 Exemplaren seiner "Nordwestdeutschen Hefte" vertrieb, Spuren im Publikum hinterließen, läßt sich nicht feststellen; der graue Lesermarkt schluckte damals jedes Druck-Erzeugnis. Auf dem gesättigten, freien Markt hätten sie jedoch kaum genügend abgeworfen, um eine Massenpresse im neuen Stil zu gründen. So war es ein anderer Mann, der Axel Springer weiterhalf" einer der wenigen unpolitischen Autoren der "Nordwestdeutschen Hefte", der über "Radar-Technik im Tierreich" zu plaudern verstand -- "Wir sehr gescheiten Menschen mußten erst die größte Torheit des Menschengeschlechts begehen, um am Ende dieses Krieges das große Geheimnis der Fische vielleicht zu ergründen" -- und den eine redaktionelle Notiz als gediegenen Popularschriftsteller und Verfasser des Operetten-Librettos "Traumland" auswies: Eduard Rhein.
Der 15. Dezember 1946, Erscheinungstag der ersten Nummer der Rundfunkzeitung "Hör zu" unter der Chefredaktion von Eduard Rhein, veränderte die deutsche Zeitungslandschaft. Fortan entwickelten sich zwei Richtungen des Journalismus, die, zunächst parallel und unverbunden ihren Markt suchend, später in bittere Fehde miteinander gerieten. Beide verstanden sich demokratisch, die eine in der Kritik der Verhältnisse ("Nordwestdeutsche Hefte"), die andere in Anpassung an die Verhältnisse ("Hör zu").
Die Geschichte von "Hör zu", das als Programmzeitung mit einer Auflage von 250 000 Exemplaren begann und als dickleibiges, anzeigengepolstertes Familienmagazin mit 4,5 Millionen Exemplaren Auflage fortlebt, zeigt einerseits die instinktive Sicherheit, mit der Axel Springer für das leichte journalistische Genre gleich den richtigen Mann fand. Zum anderen gab sie das Muster der journalistisch-unternehmerischen Anpassung ab, das später bei allen von Axel Springer erfundenen Zeitungen wiederkehrte, eine Anpassung, die sich auf die unpolitischen Stereotypen des Jahres 1946 ebenso einzustellen verstand wie auf die politischen Stereotypen zwanzig Jahre später.
Eduard Rhein, gelernter Ingenieur, kam aus dem Hause Ullstein, wo er unter der Ägide des Deutschen Verlages die unterhaltsame Rundfunkzeitung "Sieben Tage" geleitet und Technik und Wissenschaft in zwei erfolgreichen Büchern popularisiert hatte: "Du und die Elektrizität" und "Wunder der Wellen".
Der kleine Mann, der neben seinen technischen Basteleien auch einige der Schönen Künste liebte, emotionell exponiert und schwierig, kein beliebter Chefredakteur, sondern einer mit der eisernen Hand, war gleichwohl ein Popularisator großen Stils. Er verstand sich nicht nur auf die Personifizierung von Welle und Korpuskel und des unpersönlichen Rundfunks, sondern auch auf eine eigene Popularpsychologie, die ihn später zum Meister des neuen Trivial-Romans machte.
Das Programm von "Hör zu" mit Ausrufungszeichen, der ersten Nachkriegs-Zeitschrift mit einem Imperativ-Titel, äußerte sich zunächst bescheiden: "Hör zu!" will nicht eine Illustrierte ersetzen, nicht eine Gartenlaube mit Häkelmuster und Rundfunkprogramm sein, nicht mit der Bühne und dem Film kokettieren. "Hör zu!" will zur reinen Urform der Rundfunkzeitung zurückführen und wird sich deshalb ausschließlich mit dem Rundfunk beschäftigen: mit seinen Künstlern, Technikern, Organisatoren, mit den Problemen seiner Programmgestaltung."
Sogleich funktionierte der Strom der Leserzuschriften, auf den sich die Redaktion einzusteuern begann. Die Zeitung verfuhr demokratisch, und sie hatte ein ideales Publikum dafür, das Massenauditorium des Rundfunks. Man mag es für bedeutsam halten, daß Axel Springer so frühzeitig und fast kostenlos Gelegenheit fand, ein Massenpublikum zu erproben, und daß er bereits bei seinem ersten Zeitungsobjekt einen Chefredakteur besaß, der diese Stimmungen aufzufangen und sich als redaktioneller "Führer" an ihre Spitze zu setzen verstand.
Die "Volksabstimmung" vertrieb zunächst die ernsten Rundfunk-Intellektuellen von Seite 2, wo eine Rubrik mit Photo und Biographie "Funkschafffende" vorgestellt hatte: Peter von Zahn, Axel Eggebrecht, Karl-Eduard von Schnitzler.
An ihre Stelle traten Schlagersängerinnen und Operettentenöre, Gitta Lind, Rupert Glawitsch, Dorle Rath und Laie Andersen. Ansätze zu politischen Artikeln verschwanden aus den Spalten, soweit sie nicht der Eigenwerbung für Bücher des Hammerich & Lesser Verlages dienten, einem Buch des norwegischen Journalisten Findahl "Letzer Akt -- Berlin" und einem Band mit deutschsprachigen Sendungen der BBC während des Krieges, "Was wir nicht hören durften".
Die Leser-Hörer forderten mehr Blasmusik und Gemütlichkeit, wieder Wunschkonzert, "die beliebten Tonfilmmelodien" und "mal so richtige lustige Seemannssendungen, in denen es mit Karacho um Kap Hoorn geht und die Stimmungswogen brausend über uns zusammenschlagen".
Der Erfolg einer "wirklich volkstümlichen Sendung" über die "vielen totgeglaubten Künstler" ließ die Zeitschrift von dem puristischen Konzept der "reinen Urform der Rundfunkzeitung", die nicht mit Bühne und Film kokettiert, schnell abkommen, eine neue Rubrik "Wo sie blieben und was sie trieben" gab dem Leser-Hörvolk seine Stars zurück: Lilian Harvey, Asta Nielsen, Marlene Dietrich, Lida Baarova, Paul Hörbiger und Otto Gebühr, den Alten Fritz der Ufa-Filme.
"Hör zu" konstituierte sich als Rundfunk-Parlament, bald auch, wie sich in Rheins schwarzen Listen mißliebiger Funkschaffender herausstellen sollte, als private Rundfunk-Nebenregierung.
Diese selbstgewählte, plebiszitäre Führerrolle durch Anpassung an den Massengeschmack bildete sich bezeichnenderweise in einem Streitfall heraus, der, scheinbar unpolitisch und eine besondere Marotte des Chefredakteurs, gleichwohl an unterschwellige politische Ressentiments rührte: in der Diskussion über die sogenannte "Tanzmusik des Nordwestdeutschen Rundfunks", der damaligen Umschreibung für den Jazz.
Leserbriefe kündigten die Tendenz schon an: "Machen Sie Schluß mit dem Swing und senden Sie kultivierte Tanzmusik. Helga Löffler, Hagen, und 100 Unterschriften"; "diese Negermusik", "wie ein Viehmarkt", "fast nichts als ausländische Schlager. Sind wir denn nicht selbst reich an wunderschönen Melodien? Ist es nicht beschämend, daß wir ausländische Sender einschalten müssen, wenn wir liebe, altvertraute deutsche Weisen vernehmen wollen?"
Die erste Hörerumfrage des NWDR vom Mai bis November 1947, an der sich "Hör zu" als publizistisches Organ beteiligt hatte -- das Sendegebiet und damit Verbreitungsgebiet der Zeitschrift umfaßte inzwischen rund 12 Millionen Hörer -, brachte Gewißheit: Von 479 befragten Hörern sprachen sich 88 für "Unterhaltungsmusik" und nur 26 für die umstrittene "Tanzmusik" aus.
Die Ablehnung sei in diesem Falle nicht nur zahlenmäßig, sondern auch in der Begründung schroff über alle Maßen gewesen, interpretierte Rhein das "sensationelle" Ergebnis. Es sei nun kein Zweifel, daß die Tanzmusik des NWDR nicht "den Wünschen der Allgemeinheit" entspreche. "Weshalb? Das deutsche Ohr verlangt die Melodie. Den nur auf Rhythmus gestellten Tanzschlager lehnt es ab."
Nun hatte "Hör zu" schon die Rolle des Volkstribunen usurpiert. Die Pose von "Bild" warf ihre Schatten voraus.
Als mit der Währungsreform die Konsumgesellschaft anbrach, war die Anpassungsmaschine bereits perfekt; sie überstand das neue Warenangebot, das viele andere Vorwährungsreform-Produkte hinwegschwemmte" ohne Einbuße. Die Zeitschrift war längst ein Gebrauchs-, längst und vor allen anderen ein Markenartikel geworden, und sie war nun alles, was sie nach ihrer Gründungserklärung nicht sein wollte, ein dickleibiges Genußmittel in Tiefdruck mit "Klatsch und Tratsch"" Kochrezepten, Modeberichten, "Aufregendsten Erlebnissen" und den unverwüstlichen, immer gleichen lebenskundlichen Ratschlägen von Springer-Freund Walther von Hollander, der sich nun Frau Irene nannte: "Die menschlichen Probleme betreut bei uns Frau Irene. Sie tut das als erfahrene Frau -- nicht als Juristin. Hier ein paar Beispiele aus unserer Praxis: 'Da kam eine Jüngere ...', 'Wenn der Altersunterschied nicht wäre', 'Bin ich als Vater machtlos?'..."
Rhein, auf der Woge des Konsumerfolges schwimmend, war in der Anwendung seiner Vulgärpsychologie nun nicht mehr zimperlich. Das bürgerliche Nest, das Geborgenheitsgefühle auslöse, sei die Familie, theoretisierte er, also genüge die häufige Benutzung des Wortes, um solche Gefühle zu erzeugen und sie dauerhaft an eine Zeitung zu binden.
Die eine Million, bald zwei, drei und vier Millionen Konsumenten von "Hör zu" verwandelten sich in eine "Familie", die erste der vielen Verbraucherfamilien, die in der neuen Konsumgesellschaft als Ersatz der Volksgemeinschaft aus dem Boden schossen und Gemeinschaftsgefühle und Charaktereigenschaften durch Gemeinsamkeit des Konsums suggerierten: die Person, die Tugend, ja die Erlösung als Attribute der Waren, die man kauft.
Die Millionenfamilie von "Hör zu" erhielt ihre Ersatz-Haustiere, den Redaktionsigel Mecki und Charly Pinguin, gezeichnet von Reinhold Escher und Wilhelm Petersen, dem früheren Maler nordischer Männer und heroischer Wikinger.
Ihr gemeinsames Ersatz-Schicksal erlitt die Familie im Roman. Er wurde zunächst konventionell von den Autoren Hans Rudolf Berndorff und Otto Erich Kiesel geschrieben. Später ging Rhein unter dem Sammelpseudonym "Hans Ulrich Horster" zu kollektiver Produktion über, an der er sich neben versierten Schreibern wie Benn Löschenkohl und Siegfried Agthe -- seit Dezember 1967 Chefredakteur der Illustrierten "Quick" -- selber beteiligte.
Dem festgelegten Handlungsschema nun in großen Zügen folgend, konnte sich das Team fast fortsetzungsweise der Leserreaktion anpassen und ein Maximum von Identifizierung erzielen, das gleichbedeutend mit kommerziellem Erfolg war. Oberstes Gesetz war "das Naturgetreue", ein minuziöser Pseudo-Realismus, der die Schauplätze, Gewohnheiten, Requisiten des täglichen Lebens an Ort und Stelle genau ausmaß und nachahmte -- "auf dem Balkon ein Schuß Balzac"" wie ein Kritiker die Mischung nannte.
Heinz Klüter, gegenwärtig Geschäftsführer des Scherz-Verlages in München, hat in einer Studie darauf hingewiesen, daß mindestens drei der Serienromane -- "Ein Herz spielt falsch", "Herz ohne Gnade" und "Der rote Rausch" -- die gleiche Handlungsstruktur aufweisen: "Immer geriet eine Zentralfigur in den Verdacht, eine bestimmte Tat begangen zu haben, an der sie aber nur indirekt oder moralisch beteiligt war. In langen dramatischen Versuchen gelingt es in letzter Minute, die Indizien zu widerlegen" und jeder Makel einer Tatschuld fällt. Das Erstaunliche ist aber, daß jetzt in diesem Moment von der moralischen Schuld, etwa der unerlaubten Liebe zur künftigen Stiefmutter, keine Rede mehr ist. Die Art der Schuldverdrängung ist klar: Gelingt es, die Tatschuld zu widerlegen, so fällt auch die moralische Schuld. Wie der Romanleser kann sich der Deutsche mit der Formel befriedigen: nichts getan, nichts gewußt, nicht betroffen."
In der Tat mieden Rheins "faßliche Antworten", die sonst alles und jedes Gebiet überschwemmten, die politische Vergangenheit strikt. Sie behandelten auch die nationalen Fragen der Gegenwart, etwa die Wiedervereinigung, als seien sie nicht existent. Scheingefühle und Scheingeborgenheit breiteten sich aus wie der Scheinwohlstand des nichtbezahlten Krieges, dessen moralische und materielle Schulden der Ost-West-Konflikt auf den östlichen Teil des Landes umbuchte.
Die Idylle durfte nicht gestört werden. Als in einer Zuchthaus-Reportage die Stimme eines Mörders zu hören war, maßregelte "Hör zu" den Sender: Es sei unzumutbar, den Mörder auf diese Weise in die Wohnküchen und guten Stuben treten zu lassen, denn "nur wenige von uns können es vertragen, auf diese Weise mit dem Unheimlichen der Menschenseele und des Lebens in Verbindung zu geraten". Daß in den Wohnküchen und guten Stuben selber noch einige Tausend Mörder von Staats wegen saßen, die nun Versicherungspolicen, Oberhemden und Kühlschränke verkauften, schien "Hör zu" nicht unheimlich.
Erst mit dem Vordringen der großen Informations-Illustrierten in den sechziger Jahren verblaßte Rheins Konzept. Nach einem Maximum von 4,215 Millionen gedruckten Exemplaren im ersten Quartal 1962 erlitt die Auflage in wenigen Monaten einen Verlust von 450 000 Exemplaren, der sich schließlich bei 300 000 Exemplaren einpendelte. 1965 sank der immer noch stattliche Anzeigenumsatz mit 119,2 Millionen Mark zum erstenmal unter den Umsatz des "Stern", der 133,6 Millionen Mark verbuchen konnte.
Einbuße als Gebrauchsartikel erlitt "Hör zu" vor allem durch die Erfindung des Nürnberger Photohändlers Forst, der Anfang der sechziger Jahre eine Programmbeilage "Radio + Television" für die Regionalzeitungen herzustellen begann. Zwar schlossen sich die großen Programmzeitschriften sogleich zu einem Kartell zusammen, das nun seinerseits eine "Wochenschau" genannte Beilage kostenlos verteilte, um "Unsicherheiten auf dem Markt der Programmzeitschriften zu vermeiden". Sie drängte den rasch expandierenden Forst-Anteil wieder zurück, aber der Angriff auf die Position von "Hör zu" ließ sich "nicht mehr ungeschehen machen: Auch dieser Riese war verwundbar.
Anfang 1965 gab Rhein, nun selber im Pensionsalter, nach achtzehnjähriger Redaktionsführung die Leitung der Zeitschrift. an Hans Bluhm ab, einen der kühlsten und fähigsten Chefredakteure des Hauses Springer, der den redaktionellen Stil modernisierte und die Auflage wieder in die Höhe trieb.
Den jungen Verleger von Hammerich & Lesser -- Hinrich Springer kränkelte seit längerem und starb am 25. Januar 1949 in seinem Landhaus in Bendestorf -- muß der Erfolg von Rheins Anpassungsjournalismus in doppelter Hinsicht beeindruckt haben: einmal als imponierende Basis seiner eigenen wirtschaftlichen Existenz, zum anderen als Beispiel, wie weit es ein persönlicher, "menschlicher" Journalismus, der den Massen den Zugang erleichterte, bringen konnte; ein Journalismus, der sich, quasi-unternehmerisch, ganz auf den Markt einstellte und ohne Rücksicht auf die hergebrachten Formen und Funktionen zum Maximum seiner Verkäuflichkeit entwickelte.
Axel Springer adaptierte die neue journalistische Verkaufstechnik, die er in gewisser Weise, nach Herkunft und Ausbildung, ideal personifizierte, aber er fügte noch etwas Eigenes hinzu: Er glaubte an die Gefühle, die der neue Journalismus verbreitete, politisch an das "Versöhnende" über den Gruppen und Parteien, eine abgewandelte Version von Zehrers harmonisierender Formel vom "Volk", psychologischseelsorgerisch, daß der "einfache Mann" zwar gut und nur mißgeleitet sei, daß man ihn aber nicht durch Aufklärung, sondern nur indirekt aus Verhärtung und Verängstigung führen ·und zu richtigem Handeln anleiten könne. Man mußte beiläufige, freundliche Floskeln erfinden, die sich zu neuen Stereotypen verdichten ließen, etwa: "Seid nett zueinander".
Andere fand man vielleicht durch das einfache Gedankenexperiment, das der verwöhnte Flaneur gelegentlich anstellte, wenn er durch die Vorstadt schlenderte oder aus der vorüberfahrenden Stadtbahn beiläufig in die offenen Fenster grauer Hinterhöfe blickte: Was denken diese Leute eigentlich?
Im Herbst 1948 in Hamburg eine Zeitung zu gründen und den soliden, aber noch bescheidenen Erfolg von "Hör zu" schon wieder aufs Spiel zu setzen war gleichwohl riskant und schien auch überflüssig: Auf dem Markt von inzwischen wieder 1,5 Millionen Einwohnern konkurrierten bereits sieben Zeitungen, fünf parteiorientierte, die nach dem Willen der Besatzungsmacht als Organe der politischen Willensbildung fungieren sollten, dazu die überregionale, deutsch redigierte, englisch kontrollierte "Welt" und ein unabhängiges Wochenblatt: "Die Zeit".
Jedermann vermutete auch, daß es eines Tages Broscheks renommiertes, bürgerliches "Hamburger Fremdenblatt" wieder geben würde, das noch einen großen Teil seiner Rotationsmaschinen besaß und nur durch schleppende Restitutionsverhandlungen darniederlag.
Gegen Rat und Zureden blieb Axel Springer jedoch bei seinem Entschluß -- wie später häufig, wenn Intuition ihm eine Idee eingab. Auch diesmal stand er gut mit der Obrigkeit, die Lizenzen zu vergeben hatte, in diesem Falle mit der sozialdemokratischen Stadtregierung. Nach manchen Bedenken und Ausschußsitzungen -- andere Bewerber waren abgelehnt worden -- erteilte sie die "Zulassungs-Nr. 1 des Senats der Hansestadt Hamburg" für eine zunächst dreimal wöchentlich erscheinende "unabhängige, überparteiliche" Mittagszeitung mit dem Titel "Hamburger Abendblatt" und gab für den Anfang sogar eine Bürgschaft.
Es war, wenn man will, ein Handel auf Gegenseitigkeit, denn die "unabhängige" Zeitung, so bürgerlich ihre Intentionen waren, zeigte sich der sozialdemokratischen Regierung gegenüber von Anfang an "staatsloyal". Sie wurde für die Regierungsverhältnisse in der Hansestadt zu einem stabilisierenden Faktor.
Das war durchaus konsequent und befolgte die Absicht, eine Zeitung der Mehrheit des "Volkes" zu sein, die im parlamentarischen System gleichbedeutend mit der Regierungsmehrheit ist. Die Einstellung wies schon auf Axel Springers späteren Begriff der "Staatsloyalität" hin, die besser Regierungsloyalität hieße.
Das Projekt war sorgfältig vorbereitet. Ein Konsilium von Lokaljournalisten aus den alten Zeiten der "Altonaer Nachrichten" und des "Hamburger Fremdenblattes", von befreundeten Geistlichen, psychologischen und anderen Ratgebern beriet im September 1948 über das Konzept und stellte dem Leser die Diagnose. Der "Journalist als Unternehmer" präsidierte.
Es mag hingehen, daß seine damals entwickelte Lieblingstheorie, die überwiegend liberale, von
"intellektuellen"
Journalisten gemachte Presse der Weimarer Republik habe den Nationalsozialismus nicht verhindern können, eine andere Art von Amateur-soziologie war: Sie übersah zum Beispiel, daß der Markt der großstädtischen "Asphaltpresse", vor allem in Berlin, sich weithin mit den Gebieten konstanter linker Mehrheiten gedeckt hatte.
Richtig war, daß im Herbst 1948, nach dem vollständigen politischen Bankrott, die Verlockungen der unpolitischen Konsumgesellschaft vor Augen, niemand mehr etwas von politischen Programmen wissen wollte. Nationales schied als verbindende Idee also aus. Man brauchte aber eine solche Idee, teils aus seelsorgerischen Gründen, teils aus handfest-praktischen der Werbung unter einer sozial heterogenen Bevölkerung.
Die schließlich gefundene Idee hieß einfach: Hamburg. Der dazu passende Wappenspruch im stilisierten ältesten Stadtsiegel von 1241 lautete: "Mit der Heimat im Herzen die Welt umfassen". Eine Serie von Probenummern, keine dem Verleger locker und lebendig genug, ging der ersten Ausgabe vom 14. Oktober 1948 voraus.
Das Endprodukt zeigte, daß Axel Springer im aufgelockerten Genre in der Tat ein großer Zeitungsmacher war. Das "Abendblatt", wird man sagen können, war seine persönlichste Schöpfung.
Seite 1 gehörte der Politik, wenn auch schon verziert durch den Porträt-Kasten "Menschlich gesehen" und die idyllische Serie "Alte Heimat neu erlebt". Die Gründungserklärung sprach von Männern von Erfahrung und Leidenschaft, "die Politik als das unentrinnbare Schicksal unserer Zeit empfinden".
Allerdings klangen auch schon Axel Springers spätere Töne an: Aufgabe der Zeitung sei der "deutsche Mitmensch", der "Dienst am ganzen deutschen Volk". Die Hauptattraktion für den bloß neugierigen Lokalleser lag jedoch darin, daß der umfangreiche Lokal-Teil, "Hamburg-Seite" genannt, bereits auf Seite 3 gezogen war und sich bald kräftig auf Seite 4 und Seite 5 ausdehnte.
Der Rest erhielt die üblichen Ingredienzen von Unterhaltung, Roman, Rätseln, Preisausschreiben -- "Bürgermeister für einen Tag -- was ich als Bürgermeister tun würde" -, bald auch Comic strips und die unvermeidlichen Symbol-Tiere. Auf Seite 8 findet man bereits die Keimzelle für eine weitere Zeitungsidee: "Das Leben im Bild -- Die Bilderseite".
Die zeitgeschichtliche Aufklärung beschränkte sich auf Kolportage. "Hitler, Himmler und die Sterne -- Unfaßbare Tatsachen aus den Tagebüchern des Hamburger Astrologen Wilhelm Th. H. Wulff" kündigte schon Nummer 1 auf der ersten Seite an. Der Text las sich dann so: "Herausgerissen aus meiner Privatgelehrtenidylle, wurde ich hinabgerissen in die Hölle des Konzentrationslagers und schließlich, -- im Zuge seltsamer Schicksalsverkettungen, mitten vor den Thron des finsteren Herrschers über diese Welt der Greuel und Vernichtung gestellt: vor den Thron Heinrich Himmlers." Sterne und das Schicksal, dämonische Mächte und Mächte des Lichtes walteten in der Politik -- Hans Zehrers Schicksalprophetien in "Bild" und "Welt" zeichneten sich am journalistischen Horizont ab.
"Im hellen Setzersaal" der Alten Volksfürsorge habe Axel Springer "ein schnelles Gedankenbild dessen geformt, was ihm vorschwebt", hieß es in einem Bericht über die Tauffeier der neuen Zeitung, der als Gäste die hanseatischen Bürgermeister Brauer und Petersen, Kultursenator Hartenfels, den Vertreter der Handelskammer Erik Blumenfeld, Polizeichef Georges und Hans Albers verzeichnete. Die neuen Worte lauteten: das Versöhnliche, das Gemeinsame, gelassener Mut, ein gutes Lächeln, einander ruhig in die Augen sehen, die wilde und trotz allem schöne Welt, das wahre Leben, die still wirkende Kraft, die Menschen wieder zueinander führen, das Glück im Kleinsten, das eigentümlichste, innerste Wesen, die einzig erlösende Idee, Gemeinde.
Als noch zukunftsträchtiger erwies sich jedoch die formale Tendenz des neuen Journalismus, alle Ereignisse auf eine Anekdote, eine handfeste, stimmige Geschichte zu bringen. "Menschlich gesehen" -- die Galerie der Kürzestbiographien von Eugen Kogon über Tschiang Kai-schek und Konrad Adenauer bis zum Weihnachtsmann -- wurde zur Seele des "Hamburger Abendblattes".
Lehrmeister des neuen Journalismus rechter Observanz wurde Wolfgang Köhler, den Axel Springer durch den britischen Militärgouverneur Berry kennengelernt hatte und der 1956 als New Yorker Korrespondent des "Hamburger Abendblattes" starb. Jahrelang stand sein Bild auf Axel Springers Schreibtisch. Gemeinsam war dem neuen Lehrmeister und seinem Verlegerschüler die Abneigung gegen "intellektuelle" Journalisten: "Eunuchen im Tempel der Vernunft" nennt Köhler sie in einer "Abendblatt"-Besprechung von Zehrers "mystischem" Buch "Der Mensch in dieser Welt".
Die neue Zeitung war nicht eigentlich bürgerlich; sie brach alsbald auch in die traditionellen Leserschichten der sozialdemokratischen Zeitungen ein. Ihre Gefühlsklischees entlieh sie jedoch der bürgerlichen Empfindungsweit, ihre Organisationsform und einen Teil des Personals Broscheks ehemaligem "Hamburger Fremdenblatt".
Gegen die unerbetene Adaptation der Tradition protestierten die Erben Broschek zwar am 14. Oktober 1948 in einer Anzeige im "Hamburger Echo": Die Freunde des Hauses mögen nicht dem Irrtum verfallen, "Zeitungen, die etwa im Klang des Namens oder gar im Schriftzug des Titels unserem "Hamburger Fremdenblatt" ähneln, als dessen Nachfolger oder seinen Ersatz anzusehen". In der Folge kam es jedoch nur zu einigen kraftlosen Gegenzügen.
Der Versuch einer Neu- und Gegengründung im Herbst 1954, zu spät unternommen und dilettantisch durchgeführt, scheiterte nach kaum acht Wochen. Axel Springer, der für den Verzicht auf die Konkurrenzgründung Millionen gezahlt hätte, pachtete nun den Titel "Fremdenblatt" und führte ihn fortan im Untertitel des "Abendblattes"
Längst auch hatte er das bewährte "Fremdenblatt"-System der Kolporteure kopiert, kleiner Agenturen, die den Vertrieb der Zeitung, Abonnentenwerbung, Zustellung, Leserbetreuung, als Kleinstunternehmer auf eigene Rechnung, aber in strenger Zucht und Abhängigkeit vom grollen Bruder, betrieben und den Operationen im Stadtgebiet einen unübertrefflichen Rückhalt verliehen.
Noch folgenreicher für die rasche Konsolidierung des Unternehmens wurde das Erbe an Personen. Karl Andreas Voss, letzter Direktor des "Fremdenblattes" unter NS-Verwaltung, von den Engländern 1946 als "dunkelgrau" für die Verlagsleitung der "Welt" abgelehnt, wurde der väterliche Freund, der nach den Geschäften sah; er trat die Nachfolge Hinrich Springers als Seniorteilhaber von Hammerich & Lesser an, allerdings mit einem sehr bescheidenen Anteil von zehn, später maximal fünfzehn Prozent.
Erfahren, solide, vorsichtig, mit dem Zeitungsgeschäft sowohl journalistisch wie kaufmännisch vertraut, legte er die Fundamente der geschäftlichen Organisation, etwas altmodisch, aber stabil genug, um die Expansion wenigstens fünfzehn Jahre lang auszuhalten.
Auch sonst war das "Abendblatt" im Beerben unbekümmert: Als die Hamburger Ausgabe der "Welt" den "Leser-Reporter" einführte, rückte der junge kommissarische Leiter der "Hamburg-Seite" des "Abendblattes", Christian Kracht, einen Kasten ein, in dem er sich für die zahlreichen Anrufe bedankte und für "weitere Hinweise" gute Honorare zusicherte.
Kaum ein Jahr später, im Oktober 1949, sprach die "Welt" bereits vom "Existenzkampf" der Lizenzpresse. Es war jedoch nicht nur die geschickte Adaptation und Modelung der Tradition, mit der das "Abendblatt" die anderen Hamburger Zeitungen, bürgerliche wie sozialistische, niederkonkurrierte. Es war auch die schier unerschöpfliche Public-Relations-Phantasie des neuen Unternehmer-Journalisten, der seine Idee vom allgemeinen Glück in pausenlosen "Glücks"-Kampagnen auf die Straße trug und gute Taten und Ideen entwaffnend mit handfester Eigenwerbung und beträchtlichem kommerziellen Erfolg zu verbinden verstand.
Grüne Glückspantoffeln, in einer Nacht im Dezember im ganzen Stadtgebiet versteckt, trugen dem Finder zwei Lebensmittelpakete ein, von denen er eins armen, alten Leuten bringen sollte, um die sich niemand mehr kümmerte; Teilnehmer berichten von erschütterndem Erfolg.
In der Nacht vor Frühlingsanfang brachten Lastwagen 120 000 Schneeglöckchen- und Stiefmütterchensträuße in die Stadt, die ganze Ernte aus den Vierlanden, die, mit grünen "Abendblatt" -Herzen geschmückt, am nächsten Morgen auf dem Jungfernstieg von Axel Springer und einem Schwarm Studenten allen Frauen und Mädchen überreicht wurden. Wer aus tausend verteilten Begonienknollen die schönsten "Begonienkinder" zog und der Natur damit wieder nahekam, wurde hoch belohnt. Wer "Herrn Lombard" erkannte, den gelegentlich durch die Stadt schlendernden soignierten Redakteur Losch, und damit bewies, daß er wieder auf seine Mitmenschen achtete, erhielt auf der Stelle 100 Mark.
Wer als Abonnent treu blieb, bekam zu Silvester einen vergoldeten Glückspfennig, wer heiratete, konnte auf Anruf in einer weißen Hochzeitskutsche mit weißlivriertem Postillion zur Kirche traben und seine Hochzeit in hamburgischem Neubiedermeier begehen.
"Indem wir uns unauffällig an einem entscheidenden Tag ihres Lebens in das Gespräch der Menschen einschalten", lautete die hausinterne Erklärung, "bleiben sie bis an ihr Lebensende unsere Leser." Als das Glück schon mehr industriell gefestigt wurde und eine "Abendblatt" -Kolonne Tausende von Glücksmuscheln an den Stränden der Nord- und Ostseebäder versteckte, entwickelten sich auch industrielle Formen der Suche: Schon in der Nacht seien Interessenten mit eigens konstruierten Unterwasser-Nachtsuchgeräten losgezogen, um die grünen Muscheln im seichten Wasser ausfindig zu machen, berichtete die Zeitung.
Nicht wenige "Abendblatt"-Redakteure verkörperten selber den enttäuschten, von politischen Katastrophen aus der Bahn geworfenen "einfachen Mann" und "guten Deutschen", etwa Otto Siemer, der später sehr erfolgreiche Chefredakteur des "Abendblattes", der" grau oder dunkelgrau eingestuft, die erste "Welt"-Redaktion hatte wieder verlassen müssen, oder Rudolf Michael, der erste Chefredakteur der "Bild"-Zeitung" dem das gleiche widerfahren war." Zwei mörderische Kriege. Zweimal Geld und Besitz dahin. Dreimal der Staat in Fetzen. Aber immer wieder Zeitung", heißt es über Michael in der "Springer-Post". Auch in den unteren Rängen des schnell wachsenden Unternehmens war die Zahl der unterbrochenen Lebensläufe, der Berufswechsel" der Seifmade-Karrieren als Redakteur, Vertriebs-, Anzeigen- und Werbemann auffällig groß, wie man den Jubiläumslisten entnehmen kann.
In "der Identifikation mit den Intentionen des neuen Unternehmer-Journalisten, in der Vertauschung und Vertauschbarkeit der Funktionen, die den Vertrieb journalistisch und den Journalismus vertriebsmäßig unter dem Gesichtspunkt maximaler Verkäuflichkeit sahen, wurde das "Abendblatt" zur Schule des Konzerns. Fast niemand stieg später in die Führungsspitze auf, der sie nicht durchlaufen hätte: Von den zehn Mitgliedern des obersten administrativen Gremiums, der Holding-Konferenz, entstammten ihr 1965 sieben, von den engeren persönlichen Beratern des Verlegers mindestens vier.
Die großen Herzogtümer, die Häuser Hamburg, Ahrensburg, Berlin und das "Welt" -Haus, sind heute fest in den Händen dieser treuesten der Getreuen, deren Verdienste eine Ehrentafel der "Springer-Post" im Februar 1959 lorbeerumkränzt feierte" zehn Jahre pionierhafter Arbeit um den Aufbau und Ausbau zum größten Verlagshaus des europäischen Kontinents. Zehn Jahre des Wagnisses, der Bewährung, Behauptung und des Triumphes ..."
Am höchsten stieg der ehemalige "Welt" -- Volontär, Redakteur der Jugendzeitschrift "Benjamin" und gelegentliche Mitarbeiter des SPIEGEL-Vorläufers "Diese Woche", der sich im September 1948 im Alter von 27 Jahren um eine bescheidene Redakteurstelle beim "Abendblatt" beworben hatte: Christian Kracht, heute engster Vertrauter und Generalbevollmächtigter Axel Springers, Vorsitzender der Holding-Konferenz und alleinvertretungsberechtigter Geschäftsführer der Axel Springer Verlag GmbH.
Wiewohl vom väterlichen Besitz nicht unverwöhnt" muß Axel Springer der unablässig wie im Märchen vom süßen Brei wachsende Reichtum nicht unberührt gelassen haben. Zu Anfang des Jahres 1952 blickte er auf eine verkaufte Auflage von 1,328 Millionen Exemplaren "Hör zu", 261 111 Exemplaren "Hamburger Abendblatt", 243 075 Exemplaren "Kristall" und auf ein in allen Produkten florierendes Anzeigengeschäft.
Er war nun schon der reiche Mann, der sich in den Möbeln des 18. Jahrhunderts einzurichten und den Lebensstil seinen Einkünften mit Maßen anzupassen begann. Er änderte ihn später nicht mehr sonderlich, allenfalls ins noch Großräumigere und Bequemere: mit Grundbesitz und Häusern am Falkenstein bei Hamburg, in Kampen, Gstaad und Berlin, mit Rolls-Royce, Bentley und den jeweils teuersten Mercedes-Wagen, mit Privatflugzeug und Luxusjacht, ungezwungenen, angenehmen Umgangsformen, ein Mann von bestem vierzigjährigem Aussehen, sorgfältig auf seine Gesundheit achtend, früh zu Bett gehend und früh auf, charmant und gewinnend, fast telepathisch eingehend im Gespräch, sichtlich belebt in Gegenwart von Frauen, ein Mann, der auf diesbezügliche Fragen antwortete, er liebe Hellblau und die Musik Tschaikowskis.
Bei seiner Empfindsamkeit und seinen, von Hans Zehrer genährten metaphysischen Spekulationen lag der Gedanke nahe, daß dieser Reichtum auch noch zu etwas anderem gut sein mußte. Da er zudem aus etwas kam, was bei allem kaufmännischen Kalkül "gut" gemeint war, begünstigte er auch einen gewissen Neu-Puritanismus, der aus dem materiellen Erfolg die Richtigkeit der eigenen Ideen ableitete, der humanitär-religiösen wie später der gesellschaftlich-politischen.
Die religiösen Ideen, nicht sehr stetig und verbindlich zunächst, kristallisierten sich allmählich um eine intensive Beschäftigung mit Francesco Bernardone, dem Sohn des reichen Tuchhändlers aus Assisi, der unter die Armen ging, dem "hochgespannten Bürgerssohn voll gegenbürgerlicher Wallungen", wie der katholische Theologe Joseph Bernhart den heiligen Franz von Assisi beschreibt.
"In der eleganten Jugend des Städtchens, einem Schwarm ergebener Freunde, ist er der Mittelpunkt des ausgelassenen, genußsüchtigen Treibens", liest man bei Bernhart weiter. "Er hat vom väterlichen Überfluß genug hinauszuschwenden, er liebt es, im Vorgefühl des Besonderen, zu dem er berufen ist, sich aufzuspielen und im geselligen Triebe das Dasein als Fest in Festen zu feiern. In einem Gemüt voll Schwang und Überschwang bewegt ihn stetig der Traum, er werde einst als großer Fürst von allen verehrt werden."
Wann Axel Springer den Traum vom großen Fürsten zu träumen begann, wann er der Zeitungsmacht als politischer Macht innewurde, ist schwer zu sagen. Von einem Korrespondenten von "Time" darauf befragt, antwortete er noch 1957: "I hate the word power."
Das wird aber schon damals nicht mehr gegolten haben. Denn schon die nächsten beiden Unternehmungen, die Gründung des Massenblattes "Bild" und der Kauf der "Welt", der Hans Zehrer an das Ziel seiner politischen Wünsche brachte, zogen ihn vollends in die Politik.
IM NÄCHSTEN HEFT
Eine Tages-Illustrierte fürs Volk: die Gründung der "Bild-Zeitung" -- Axel Springer entdeckt die Politik -- Die Erfindung der "Schlagzeile mit dem Holzhammer" -- Die Leserschaft als Familienbetrieb: Kampagnen für Millionen
Von Hans Dieter Müller

DER SPIEGEL 3/1968
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