15.01.1968

DIE ENTFESSELTEN GARTENZWERGE

Es steht wohl außer Zweifel, daß "Hör zu" seinen Erfolg nicht seinem Charakter als Rundfunk-, als Programmzeitschrift verdankt, sondern vielmehr gerade dem, worin es von diesem sachlich-fachlichen Kern abweicht und über ihn hinausgeht. Ein sehr beträchtlicher Prozentsatz des redaktionellen Teils der Zeitschrift, der seinerseits nur wenig mehr als die Hälfte einer normal mit Inseraten belegten Nummer ausmacht, hat nichts mit dem Thema Funk und Fernsehen zu tun.
Die eigentlich kritische Behandlung, die "Hör zu" seinem ureigenen Thema angedeihen läßt, ist minimal. Häkelmuster hat man zwar tatsächlich bisher vermieden, aber dafür allerhand anderes angestrickt und eingenäht, was dieses vielgeliebte Blatt durchaus als Deutschlands neue "Gartenlaube" ausweist.
Das fängt beim bunten Titelbild an und geht über Rubriken wie "Die bunte Palette" bis zu den bunten Witzzeichnungen auf der letzten Seite, deren Thematik und deren graphischer Stil meist von der spießigsten Art sind und dadurch -- anheimelnde? -- Erinnerungen an die Witzseiten der Illustrierten aus der Nazizeit wecken; dies übrigens ganz im Gegensatz zur Mehrzahl der heutigen deutschen Illustrierten, in denen sich längst die künstlerischen, die intellektuellen und sophistischen Spielarten der modernen Karikatur, angeregt von anglo-amerikanischen und französischen Vorbildern, gegen den treudeutschen Kragenknopf-Ulk durchgesetzt haben. Kleinbürgerliche Familiarität, bieder-gemütlich, ofenwarm -- das ist die Atmosphäre, die den Seiten der neuen deutschen "Gartenlaube" entströmt. Weder die Aufmachung -sie ist betont konventionell und konstant -- noch der Inhalt mutet dem Leser ernsthaftere Aufregungen zu.
Es ist einleuchtend, daß, wo beruhigt werden soll, die Politik keinen Einlaß findet: Selbst die Rubrik "Klatsch und Tratsch" enthält bezeichnenderweise nur vollkommen harmlose, unverletzende Nettigkeiten über Filmstars und andere Prominente. "Hör zu" ist durchaus jedem "Sensationalismus" abhold und kommt damit einer Mentalität entgegen, die sich vor dem "Lärm der großen Welt", vor der "Hast unserer Zeit" in den stillen Winkel oder gar hinter den Ofen zurückziehen möchte -- aus des Tages Jammer in die stille Kammer.
Dieser Mentalität zählen im Grunde genommen Gipfelkonferenzen und Gesellschaftsskandale gleich viel oder gleich wenig. Deshalb nichts vom Ost-West-Gegensatz, nichts von der Nazi-Vergangenheit, nichts vom Krieg, von der Atombombe, vom Militär!
Wie sieht nun diese Welt aus? Dem regelmäßigen "Hör zu"-Leser muß sie sich im wesentlichen als eine Ansammlung putziger Tiere, herziger Kinder" fleißiger Bastler, treuer Jubilare, alter Volksbräuche, ulkiger Kuriositäten und verrückter Damenhüte darstellen. Kaum eines dieser geradezu archetypischen Motive fehlt je. Da sehen wir Nick" das Eichhörnchen, oder Hansl, das Kaninchen, einen Fischotter in Stiefeln oder Mäxchen Goldhamster vor dem Rasierspiegel; wir sehen Kinder bei Muttis Waschtag, Kinder beim Nikolaus, Kinder am Grab ihrer verstorbenen Tierfreunde, und wir sehen das Modell einer Kirche, das Nürnberger Friseurmeister in dreijähriger Arbeit aus Haaren gebastelt haben.
Dem, der brav "bei seinem Leisten" bleibt, wird eine Geborgenheit suggeriert, die ihm nach den tatsächlichen Anforderungen der modernen Produktionsverhältnisse nicht mehr garantiert werden kann und auch gar nicht mehr garantiert werden soll. Ähnliche romantische Ablenkung von den wirklichen Problemen der mechanisierten und automatisierten Arbeitswelt ist die Verherrlichung kurioser Handarbeiten, pittoresker Basteleien (Geschnitztes hält man dabei offenbar für ganz besonders "persönlich") -- recht zweifelhafte Tröstungen für die, die unter der "unpersönlichen Kälte" moderner Berufstätigkeit leiden.
Ein Blick zurück in Wehmut sind auch die vielen Bilder, die "Hör zu" publiziert: Seht da, wie die gute alte Zeit entschwindet! Zur sentimentalen Reminiszenz gesellt sich das Heimweh nach der Folklore: alte Volksbräuche und alte Volkstrachten. Daß diese noch immer als vital und quasi unschuldig dargeboten werden -- trotz Massentouristik und Unterhaltungsindustrie -, paßt nur zu gut in die generell hier eingehaltene Linie gemüthaft-idyllischer und rückwärts-gewandter Realitätsverfehlung.
Es hat schon wirklich manchmal den Anschein, als würde dieses so ungeheuer hilfreiche und wohlwollende Blatt von entfesselten Gartenzwergen gemacht, und tatsächlich ist ja auch sein überaus populäres journalistisches Maskottchen, der als Comic-strip- und Bilderbuchheld, Frisurenmodell und Spielzeug die deutsche Szene beherrschende "Redaktionsigel Mecki", nichts anderes als eine Gartenzwerg-Variante.
* Auszüge aus einem Aufsatz in der Zeitschrift "Der Monat" vom Oktober 1960.
Von Rolf Becker

DER SPIEGEL 3/1968
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