15.01.1968

DER HL. FRANZ UND DIE BRÜDER IM OSTEN

Axel Springer war von März 1948 bis 1960 neben John Jahr Mitherausgeber der Frauenzeitschritt „Constanze“. Zu ihrem zehnjährigen Bestehen schrieb Springer an die „Constanze“-Redaktion einen Brief, dem der folgende Auszug entnommen ist.
Liebe Constanze, was soll man einem 10jährigen Mädchen, das so erwachsen scheint, wie Wunderkinder zu sein scheinen, zu seinem Geburtstag wünschen? Doch wohl, daß es weiterhin ein so tüchtiges Mädchen bleiben möge ...
Um Dich, liebe Constanze, haben sich viele Erwachsene geschart. Papa John, Onkel Hans Huffzky und all die anderen. Man müßte auch die anderen an Deinem Geburtstag alle namentlich nennen. Man kann es nicht. Aber sei ihnen stets dankbar, wo und auf welchem Platz auch immer sie sich um Dich bemüht haben ... Es ist eine Abseite dieses Lebens, daß es keine ganze Gerechtigkeit gibt. Aber vergiß keinen absichtlich. Man muß schon älter werden, um zu erkennen, wo die echten Freunde sitzen.
Der dies schreibt, ist nur ein Stiefvater von Dir. Er kommt hin und wieder zu Besuch. Rechne damit, daß Du ihn immer rufen kannst, wenn es einmal brennt. Aber das wird es hoffentlich nie tun.
Ich möchte Dir zu Deinem 10. Geburtstag aber noch eins besonders wünschen. Daß nämlich die Erde während Deines Lebens immer friedvoll bleiben möge. Deshalb will ich als ein Symbol Dir das kleine Geschenk einer Friedenstaube machen, die irgendwo in Deinen Räumen, in denen Du lebst, bescheiden in einer Ecke sitzen möchte. Liebe kleine, aber frühreife Constanze, Du hast sicherlich schon von verschiedenen Friedenstauben gehört. Sie fliegen überall. Aber fast immer "nur in den Werbeabteilungen der großen Mächte auf dieser Welt. Ich möchte Dir deshalb sagen, aus welcher geistigen Ecke diese meine Friedenstaube zu Dir geflogen kommt.
Vor einigen hundert Jahren, genau im Jahre 1128, wurde in Assisi in Italien ein Sohn reicher Eltern geboren. Er war lebenslustig wie nur wenige Burschen in seinem Städtchen. Ja, bis eines Tages ihn eine schwere Krankheit packte. Als er hieraus erwacht war, ging. eine seltsame Veränderung mit ihm vor. Er entsagte allem Reichtum und wurde ein Anwalt der Armen und des Friedens. Genaugenommen war er ein Rebell gegen Sattheit und Trägheit des Herzens. Alle Menschen seiner Zeit merkten dies, und er hinterließ so deutliche Spuren, daß man ihn später einen Heiligen nannte. Seine Denkmäler zeigen ihn oft mit einer Taube in der Hand.
Ich habe, liebe Constanze, darüber nachgedacht, was er wohl heute sagen würde, wenn er noch lebte. Franz von Assisi würde sich heute mit allen Fasern seines Herzens um die Erhaltung des Friedens bemühen. Und auf das Land angewandt, in dem Du lebst, würde er alle Leute aufzurütteln versuchen, die vergessen haben, daß noch 17 Millionen Menschen in einem Teil Deutschlands leben, in dem es unmenschlich zugeht. Und er würde wissen, daß die Erlösung dieser Menschen unmittelbar mit dem Frieden der ganzen Welt zu tun hat ...

DER SPIEGEL 3/1968
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