15.01.1968

VIETNAM / FRIEDENKann oder wird?

Ein einziges Wort, vier Buchstaben lang, ein grammatikalischer Schlenker vom Konjunktiv zum Indikativ genügte, um die Welt einen Atemzug lang aus düsterem Pessimismus zu taumelnder Euphorie emporzureißen.
Das Wörtchen "wird" in einer Rede des nordvietnamesischen Außenministers Nguyen Duy Trinh war wirkungsvoller als Papst, Uno und ehrliche Makler: Nach sieben Jahren blutigen Krieges in Vietnam ließ es die Welt auf Frieden hoffen.
"Nach der bedingungslosen Einstellung der amerikanischen Luftangriffe und aller anderen kriegerischen Handlungen" gegen Nordvietnam, so hatte Trinh am 30. Dezember vor Besuchern aus der Mongolei erklärt, "wird die Demokratische Republik Vietnam mit den USA ... verhandeln."
Ein Jahr zuvor noch hatte Trinh dem australischen Journalisten und Vietcong-Freund Wilfred Burchett in die Feder diktiert: "Nach der bedingungslosen Einstellung der amerikanischen Luftangriffe und aller anderen kriegerischen Handlungen (gegen Nordvietnam) könnte es zu Verhandlungen zwischen der Demokratischen Republik Vietnam und den USA kommen."
Das "Jahr des Affen" (In diesem Tierzeichen steht das beginnende buddhistische Jahr) sollte, so schien es, mit der "ersten bedeutenden Schwenkung in der Haltung Nordvietnams" ("Times") eingeleitet werden, mit einem Fanfarenstoß" der den Frieden -- oder zumindest doch Gespräche über den Frieden -- verhieß, wenn die USA nur die Bombardierung Nordvietnams einstellten.
Prompt appellierten die Kriegsgegner daheim und im Ausland an Amerikas obersten Kriegsherrn" Präsident Lyndon B. Johnson, die Bombenflüge zu beenden und die Aufrichtigkeit Hanois auf die Probe zu stellen.
In den" USA druckte die "Chicago Sun-Times" erstmals in 15 Jahren den Leitartikel auf Seite eins und forderte ihre Leser auf, Johnson mit Briefen und Telegrammen rum Bomben-Stopp zu bewegen. Senator Robert Kennedy argumentierte: "Wenn wir noch ein Jahr warten, wird es noch schlimmer. Sollten die Verhandlungen fehlschlagen, dann können wir immer noch von neuem anfangen, uns umzubringen."
In Europa drängten Franzosen" Vatikan und Bonns SPD auf Einstellung der Bombardierungen. "Nur wenige westeuropäische Staatsmänner", so kommentierte "Newsweek", "können begreifen, warum der Präsident zögert, Hanoi beim Wort zu nehmen."
Und selbst aus dem umkämpften Südvietnam erklang die Mahnung: "Im Namen Gottes -- Halt!" Der Aufruf kam von Saigons einflußreichen Katholiken, die knapp die Hälfte aller Senatoren stellen, im Unterhaus den größten geschlossenen Block bilden und ihren prominentesten Gläubigen im -- konvertierten -- Staatspräsidenten Nguyen Van Thieu haben. Einst waren die katholischen Bischöfe die härtesten Falken gewesen, hatten als erste Bomben gegen Ho gefordert; nun flogen auch sie auf Friedenskurs.
Bei solch geballten Friedensappellen scheute sogar Amerikas mächtigster Falke, Außenminister Dean Rusk, davor zurück, die "neue Formulierung" Hanois als Propaganda abzutun: "Ich möchte diese Erklärung heute weder als Friedensfühler noch als Propagandaaktion bezeichnen." Die USA, so kündigte Rusk an, würden alle Mittel der Geheimdiplomatie einsetzen, um "herauszufinden, was diese Äußerungen besagen".
Es war eine diplomatische Antwort, und es war die einzige, die Rusk geben konnte. Denn die Neujahrsbotschaft des Nguyen Duy Trinh hatte die Amerikaner nahezu bewegungsunfähig in der Ecke festgenagelt: Seit zwei Jahren haben amerikanische Politiker -an ihrer Spitze Johnson und Rusk -- immer wieder die Hoffnung genährt, Amerika würde den Bombenkrieg beenden, sobald Nordvietnam zu Gesprächen bereit sei.
Zwar stellten die Amerikaner noch weitergehende Forderungen -- Rückzug der Ho-Soldaten aus dem Süden, Ende der Infiltration aus dem Norden -, aber im Oktober wiederholte Johnsons Uno-Botschafter Arthur Goldberg vor der Vollversammlung der Weltorganisation: Hanoi habe immer nur davon gesprochen, daß Verhandlungen stattfinden könnten, vergebens hätten sich die USA aber um die Zusicherung bemüht, daß die Gespräche bei einem Bomben-Stopp auch stattfinden würden.
Genau das aber bot Nordvietnam nun an -- und keineswegs, wie Amerikas Falken einen Augenblick lang hofften, aus einem Gefühl der Schwäche. Denn nichts zwingt Hanoi im Augenblick zu ernsthaften Verhandlungen: Noch immer beherrschen die Roten den größten Teil Südvietnams, noch immer haben sie den Elan zu gezielten Offensiven, die Moral der Zivilbevölkerung ist trotz der Dauer-Bombardierung keineswegs gebrochen; vor allem aber: Die Wahlchancen des Todfeindes Lyndon Johnsons -- der heute unter dem Trauma von 9353 gefallenen GIs im Jahre 1967 leidet -- würden. sich erheblich vergrößern, wenn er sich In ernsthaften Verhandlungen als Friedens-Präsident präsentieren könnte.
Ohne amerikanische Vorbedingungen erfüllen, ohne Johnson helfen zu müssen, konnte Ho Tschi-minh mit seinem diplomatischen Vorstoß jedoch die öffentliche Meinung in Amerika und in aller Welt mobilisieren und die USA so in die Klemme manövrieren.
Washington mußte sich entscheiden, ob es einen Tauschhandel -- Verhandlungen mit ungewissem Ausgang gegen das Trumpf-As der Luftangriffe -- eingehen oder die moralische Entrüstung in Kauf nehmen wollte, die einer Ablehnung der angebotenen Verhandlungen folgen wird.
"Jetzt, da Hanoi erklärt hat, daß es verhandeln will", folgerte die "New York Times", "läuft alles auf die Frage hinaus, ob die Johnson-Regierung zu diesem Zeitpunkt überhaupt Gespräche beginnen will ... Unserer Meinung nach ist die Zeit für Verhandlungen gekommen. Ein Bomben-Stopp wäre ein Anfang ..."
Doch diesen Anfang will Amerika nur unter bestimmten Voraussetzungen machen. Wenn die Einstellung der Luftangriffe wirklich zu "produktiven Verhandlungen" führt und wenn Hanoi sich verpflichtet, den Bomben-Stopp nicht zu verstärkter Infiltration Südvietnams zu nutzen, dann, so erklärte Dean Rusk, würden die USA Nordvietnam "auf mehr als halbem Wegen entgegenkommen.
Das Beispiel Panmunjon vor Augen -- wo von 1951 bis 1953 über den Frieden verhandelt wurde, während der Korea-Krieg weiterging -, versuchte Lyndon Johnson, vorerst Zeit zu gewinnen: Er ließ zunächst einmal auskundschaften, wann es überhaupt zu Verhandlungen kommen könne und ob positive Ergebnisse zu erwarten seien; und zugleich startete er eine weltweite Gegenoffensive, um einer moralischen Verurteilung der USA entgegenzuwirken.
Aber kaum war Johnsons Warschau-Botschafter John Gronouski mit Maos Geschäftsträger Tschen Tung zu diplomatischem Gespräch zusammengetroffen, kaum hatte Johnsons Star-Diplomat Chester Bowles in Pnom-Penh Verhandlungen mit dem Kambodscha-Prinzen Sihanouk aufgenommen, da erneuerte Hanoi sein Angebot: Das Presse- und Informationsamt des nordvietnamesischen Außenministeriums telegraphierte an den "Christian Science Monitor" in Boston eine Wiederholung des Trinh-Verhandlungsvorschlags.
Das verstärkte den moralischen Druck auf Johnsohn, dem obendrein neben den Tauben in aller Welt und neben Hanoi noch ein dritter Gegner erwachsen war: sein eigener Schützling Südvietnam.
Kaum hatte nämlich Hanoi sein "wird" gesprochen, da verkündete Saigons Präsident Thieu, hinter der Erklärung aus dem Norden verberge sich nur "reine Propaganda".
Zugleich baute er amerikanischem Einlenken vor: Für Friedensverhandlungen seien nur Hanoi und Saigon zuständig, Vereinbarungen zwischen Hanoi und Washington werde seine Regierung ignorieren.

DER SPIEGEL 3/1968
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